Die Theorie der Abduktion bei Charles Sanders Peirce und Umberto Eco

von Jörg Seidel


"Es gab keine Intrige", sagte William, "und ich habe sie aus Versehen aufgedeckt."

Der Name der Rose

 

"Alles was ich Ihnen gesagt habe, bis zu diesem Moment inklusive, ist falsch."

Das Foucaultsche Pendel

 

"Haltet die Augen offen und deckt Geheimnisse auf, über die Ihr nichts wißt."
"Das ist es, was ich immer getan habe, Eminenz. Oder jedenfalls glaube ich das, denn ich habe vergessen, daß ich's getan habe."

Die Insel des vorigen Tages


Inhalt:

  1. Charles Sanders Peirce
    1. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie
    2. Logik und Psychologik: die Abduktion
  2. Umberto Eco
    1. Das theoretische Werk
    2. Das literarische Werk


"Es gab keine Intrige", sagte William, "und ich habe sie aus Versehen aufgedeckt."
Der Name der Rose

"Alles was ich Ihnen gesagt habe, bis zu diesem Moment inklusive, ist falsch."
Das Foucaultsche Pendel

"Haltet die Augen offen und deckt Geheimnisse auf, über die Ihr nichts wißt."
"Das ist es, was ich immer getan habe, Eminenz. Oder jedenfalls glaube ich das, denn ich habe vergessen, daß ich's getan habe."
Die Insel des vorigen Tages


Der offensichtliche Drang des Menschen zur Kategorisierung, die häufig Quelle des Miß- und Unverständnisses ist, machte auch vor dem Denken von Charles Sanders PEIRCE nicht halt, indem es dieses unter den Begriff des „Pragmatismus“ bzw. (in späterer Absetzung von DEWEY, JAMES, SCHILLER u.a.) des „Pragmatizismus“ einordnete, dabei allerdings PEIRCE‘ eigener Empfehlung folgend. ECO macht aus seiner Beeinflußung durch PEIRCE keinen Hehl, bemerkte 1986 gar, "das PEIRCE‘ Denken (für ihn) immer wichtiger geworden ist“ (ECO: Semiotik Theorie, S.12) , vermeidet den Pragmatismusbegriff aber weitgehend. Nicht zufällig verweist dies auf die selektive Lesart des Semiotikers, der vor allem an logischen und semiotischen Problemen interessiert ist. Bei einer so umfassend kohärenten Theorie wie der von PEIRCE, scheint die Abnabelung einiger Theoriebestandteile jedoch schwierig zu sein, und so impliziert das Sprechen über Abduktion, Semiotik oder Fallibilismus immer schon den ganzen Pragmatismus. Von daher kann auf eine kurze Erläuterung der Grundideen nicht verzichtet werden, zumal PEIRCE mitunter deutlich auf den Diskurs der Postmoderne verweist, in den ECO unauslösbar verstrickt ist.

1. CHARLES SANDERS PEIRCE

Nicht zu unterschätzen sind PEIRCE‘ Beteuerungen, mit dem Pragmatismus keine systematische Philosophie, kein philosophisches System geschaffen zu haben, sondern lediglich eine Methode des Denkens (vgl. z.B. Peirce 8.206), die keine statischen oder infalliblen Momente akzeptiert. Leider waren die Differenzierungsversuche nicht immer ausreichend, wie etwa HORKHEIMERs eigenartige Abrechnung mit dem Pragmatismus zeigt, der über den von ihm angenommenen marxistischen Rahmen schießt, wenn er zum einen von einem einheitlichen Pragmatismus spricht, zum anderen diesen als Widerspiegelung einer Gesellschaftsformation vulgarisiert. An dieser Stelle interessiert nur, und dies lediglich exemplarisch, der erste Gesichtspunkt. "Der Kern dieser Philosophie (sic!) ist die Meinung, daß eine Idee, ein Begriff oder eine Theorie nichts als ein Schema oder ein Plan zum Handeln ist, und deshalb ist Wahrheit nichts als der Erfolg der Idee" (HORKHEIMER, S. 49). HORKHEIMER wirft dem Pragmatismus, als amorphe Masse, vor, daß er die Wahrheit liquidiere, "indem er sie mit den praktischen Handlungen der Verifikation gleichsetze". Die partielle Ehrenrettung PEIRCE‘, dem der Kritiker der instrumentellen Vernunft wenigstens seinen Kantianismus anerkennt, kann nicht das prinzipielle Mißverständnis verschleiern (das HORKHEIMER wie gesagt nur repräsentiert), wenngleich das Format eines solchen Denkers natürlich auch dafür garantiert, immer ein Fünkchen Wahrheit mitzuliefern. So verweist er etwa zurecht auf die enge Verbindung von Denken und Handeln, die offenzulegen das erklärte Ziel von PEIRCE war. Immer wieder suchte er im Spätwerk die Distanz zum „Praktikalismus“ und „Aktionalismus“ von JAMES , DEWEY u.a., denn er weiß, "daß es den Tod des Pragmatismus bedeuten würde, wenn er wirklich das Handeln zum ein und alles des Lebens machen würde" (5.429). Seine bedeutende Schrift "How to makes our ideas clear", die wesentlich diese Beziehung abhandelt, gipfelt in der als "Pragmatische Maxime" bezeichneten Aussage: "Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unserer Vorstellung zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das ganze unseres Begriffes des Gegenstandes." (5.402), die PEIRCE als "Anwendung des einzigen Prinzipes der Logik, das durch Jesus empfohlen wurde: 'an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen' " (ebd., Anm. 19) begreift. Ob diese biblische Legitimation tatsächlich notwendig war, bleibt zweitrangig, macht man sich erst die wirkliche Bedeutung klar, die auf jeden Fall ausschließt, "daß das Verhalten von Menschen über die Bedeutung eines Begriffs entscheidet" (HORKHEIMER; S.53), wie HORKHEIMER dem Pragmatismus funktionalistisch unterstellte. PEIRCE geht es offensichtlich um die Bedeutung der Begriffe, deren Klärung denknotwendig ist. Diese Klärung wiederum bedarf der Erhellung der tatsächlichen, wie auch der nur möglichen Wirkungen, und damit wird deutlich, daß HORKHEIMER, zumindest in Hinblick auf den Vater des Pragmatismus, das Pferd von hinten besteigt, den Sachverhalt also verdreht bzw. normativ interpretiert, was deskriptiv-rückschließend gemeint war. Die Gültigkeit von Begriffen erschließt sich aus den tatsächlichen und möglichen praktischen Konsequenzen und entgeht damit einer sinnlosen Abstraktheit. Gleichzeitig eröffnet PEIRCE damit den Weg, der die Verantwortlichkeit des Denkens im antizipativen Akt fordert und mithin in den strukturalistisch-dekonstruktiven Diskurs verweist. Die ursächliche Aussage der Pragmatischen Maxime macht deutlich, daß es sich hier zuerst um einen Ansatz handelt, der Bedeutung zu erklären sucht, und er kann das nur, wenn er sich auf die letzten Bedeutungseinheiten konzentriert, die Zeichen, sowie auf deren Konsequenzen in der Praxis, die sich zwangsläufig und objektiv aus der Dreieckskonstellation der Semiose ergeben, was letztlich auf eine Semiotik hinausläuft. Die Radikalisierung des pragmatischen Denkens und gleichzeitig seine Ausweitung auf den transkategorialen Bereich kann etwa bei DELEUZE deutlich gemacht werden, wobei es eben auf die Vaterschaft ankommt: "Aber vor allem war meine Art, mich dieser Epoche zu entziehen, glaube ich, die Geschichte der Philosophie als eine Art Arschfick zu verstehen, oder was auf dasselbe hinausläuft: unbefleckte Empfängnis. Ich stellte mir vor, hinter den Rücken eines Autors zu gelangen und ihm ein Kind zu machen, das sein eigenes und trotzdem monströs wäre. Es ist sehr wichtig, daß es sein eigenes ist, weil es nötig ist, daß der Autor wirklich all das sagt, was ich ihn sagen lasse. Aber es war auch wichtig, daß das Kind monströs ist, weil er alle Arten von Dezentrierung - Gleitbewegungen, Brüche, geheime Absonderungen - durchlaufen mußte, die mir beliebten" (DELEUZE: Kant, Einband) . Nicht zuletzt resultiert aus dieser Vaterschaft die Aktualität des PEIRCEschen Denkens, impliziert die Notwendigkeit der Aufarbeitung eines weithin vergessenen Philosophierens.
Dies markiert den Fixpunkt, in dem PEIRCE, ECO und der postmoderne strukturalistische Strang zusammenfinden: das Verborgene im Text/Zeichen freizulegen, seine letzten Konsequenzen - in einem Akt der Verborgenheit, die Anwesenheit des Abwesenden, schon dagewesenen Signifikats - aufzudecken.

Der Pragmatismus ist epistemologisch als Methode zu verstehen, die eine Antwort auf die Frage nach der Wahrheit oder Gewißheit sucht. Von Theorien, die einen erkenntnistheoretischen Ruhepunkt gefunden zu haben glaubten, distanzierte sich PEIRCE und machte dies frühzeitig in seiner Kritik an DESCARTES (5.264ff.) deutlich, welcher im cogito die letzte unbezweifelbare Entität ausmachte und die jahrhundertlange Suche, die mit PLATONs Apriorismus der Ideen theoriefähig wurde, zu bis dahin ungekannter Radikalität - erst HUSSERL war nochmals in der Lage, die Optik zu verschärfen - führte. PEIRCE bezweifelte also jenen universalen Zweifel des Franzosen in Hinblick auf die nicht zu rechtfertigende Universalität, die ein einzelner niemals beanspruchen könne (5.265) und die in diesen Extremen ohnehin unvermittelbar bleiben muß, zumal es die Grenzen der Subjektivität sprenge, letztendliche Wahrheiten für alle anderen postulieren zu wollen. Dem hält der Amerikaner die Prozessualität des Erkennens entgegen (z.B. 5.263/ 5.267), dessen Entwicklung durch kumulativen Charakter geprägt ist, welcher sich wiederum aus der Unmöglichkeit eines intuitiven Selbstbewußtseins ergibt (5.224, 5.237, 5.249). Dies angenommen, setzt Erkenntnisvermittlung voraus und schließt damit nicht nur die Bewußtwerdung, sondern auch den cartesischen wie jeden anderen Nullpunkt der Erkenntnis an sich aus. Da die vermittelte Erkenntnis durchaus eine falsche sein kann, muß auch die daraus resultierende und erweiterte Fragestellung selbst hinterfragbar bleiben, ein Punkt, den der cartesische Absolutismus, indem er die Frage nach der letzten Unbezweifelbarkeit selbst nicht bezweifelt, außer Acht läßt. Hier wurzeln historisch und entwicklungslogisch PEIRCE‘ wesentliche Ansätze, die in der Wissenschaftstheorie (in potentieller Antizipation der KUHNschen Paradigmentheorie - z.B. die Rolle der scientific community, vgl. 5.265), Semiotik (z.B. 5.253,5.287) und Logik (erstmals 5.272ff.) sich niederschlagen.


a) Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

Es gibt keine Wahrheit an sich, insofern als das Prädikat "wahr/falsch" stets nur ein Urteil über einen Sachverhalt darstellt , diesen selbst aber nicht beschreiben kann. Die Intentionalität der Wahrheit wiederum setzt einen sozialen Vergleich der Aussagen und somit eine soziale Situation der Aussagenden voraus. Eremitische Wahrheit ist letztlich unmöglich, weil ihr die Bestätigung des anderen fehlt, ebenso wie sie geneaologisch vom Vorherigen erst ermöglicht wurde. Klar setzt sich hier die PEIRCEsche Annahme eines kumulativen vom absoluten Charakter der Wahrheit ab, die demzufolge nur idealiter und approximativ zu erreichen ist. Gleichzeitig setzt das Konstrukt Wahrheit einen Konsenszustand der Wahrheitssuchenden voraus, die, immer im Plural, sowohl den Wahrheitswert als auch die erreichte Annäherung an diesen vereinbart. Ist der Konsens erreicht, der sich freilich immer wieder neu bestätigen muß, so offenbart sich erneut die Unmöglichkeit des cartesischen universalen Zweifels, der nämlich an diesem Punkt ins logische Paradoxon hineinschlittert, also gerade in jenen Zustand, der ausgeschlossen und verhindert werden sollte . Der Moment des Konsenses ist der Moment der Zweifelsfreiheit, der mit dem rationalistischen Ziel der Zweifellosigkeit, Gewißheit oder Unbezweifelbarkeit kollidiert. Dieses Spannungsverhältnis führt mitten in PEIRCE‘ wichtige These des Fallibilismus, die sowohl direkt auf den postmodernen Diskurs im allgemeinen als auch auf ECO im speziellen verweist, zudem essentiell wurde für den wissenschaftstheoretischen Diskurs der Neuzeit. Der Fallibilismus-Vorbehalt beinhaltet, von den dargelegten Prämissen ausgehend, die Unmöglichkeit absoluter Wahrheitsbeanspruchung für synthetische, das sind wesentlich sozial vermittelte, Urteile und Aussagen. Dies umschreibt, auf einen Satz gebracht (und ihm damit zwangsläufig nicht gerecht werdend) das epistemologische Konzentrat des literarischen Werkes Umberto ECOs. Unabhängig davon, wie weit der einzelne bestimmte Sachverhalte als wahr erachtet, muß er von der Möglichkeit ausgehen, daß dieser wie jeder andere Sachverhalt falsch sein oder werden kann. In gewisser Weise kreiert PEIRCE hier einen neuen erkenntnistheoretischen Apriorismus, dem aber gerade das Apriorische abgeht. Dessen Relativität erweist sich nochmals, wenn bedacht wird, daß es hierbei nicht um prinzipielle Anzweiflung der Erkennbarkeit von Wahrheit geht noch um die Infragestellung der Wahrheit selbst, sondern um die ständige Möglichkeit der Falschheit beider Faktoren. Es geht um Wahrheit im Konjunktiv, also auch um einen ständigen Faktor der Verunsicherung, nicht aber der Unsicherheit. Kategorial ordnet sich der Fallibilismus also zwischen den Extremen Skeptizismus und Dogmatismus ein (vgl. BECKMANN, S. 47), kultiviert faktisch eine gewisse Sanftheit, Schwäche des Denkens (vgl. „pensiero debole“). Er akzeptiert also weder die Aussage, daß es keine noch daß es eine absolute Wahrheit gäbe.
Wenn alles Denken fallibel ist, so entfällt das Ziel Gewißheit bzw. kann nicht mehr als erreichbar gelten . Freilich muß die nun leere Stelle, der Gegenpol zum Zweifel, der wohl zurecht seit Platon als Antrieb des (philosophischen) Denkens gilt, besetzt werden. PEIRCE realisiert dies im doubt-belief-concept, setzt dem Zweifel also die Überzeugung entgegen. Des Denkens "einziges Motiv, seine Idee und Funktion ist, eine Überzeugung herzustellen". (5.396) "Deine Probleme würden bedeutend vereinfacht, wenn du, anstatt zu sagen, daß du die Wahrheit erkennen willst, einfach sagtest, daß du einen Zustand der Überzeugung ereichen willst, der unangreifbar für jeden Zweifel ist" (5.416).

b) Logik und Psychologik – die Abduktion

PEIRCE‘ Logik im ganzen anzugehen, ist an dieser Stelle nicht möglich und, soweit zu sehen ist, ein noch weitgehend unerschlossenes und unverstandenes Feld. Hier soll vor allem die erste selbständige Leistung betrachtet werden, die neben der Semiotik auch ECOs Interesse fand, die Theorie der Abduktion, die innerhalb der PEIRCEschen Logik nur einen relativ geringen Teil einnimmt, zudem gebietsübergreifend von Bedeutung ist. Diese Einschränkungen akzeptiert, dürfte die Subsumtion gerechtfertigt sein.
Daß es neben der Deduktion und Induktion einen dritten Schlußtypus gibt, wußte bereits ARISTOTELES, und so beschränkt sich PEIRCE‘ Verdienst darauf, diesen Schlußtypus genauer untersucht und damit wissenschaftsfähig gemacht zu haben. Darüber hinaus gelang es ihm, die prinzipielle Bedeutung der Abduktion darzulegen, die zwar in der Logik der Forschung ihren Anwendungshöhepunkt findet, ihre Basis allerdings im individuellen Erfahrungsleben, in den jeweiligen Wahrnehmungsprozessen und in der individuellen Psychologie der Entscheidungen. Während die beiden klassischen Schlußtypen ihre allgemeine Anwendbarkeit durch ihre Idealtypik weitgehend verlieren, tritt mit der Abduktion die alltäglichste Variante deutlich hervor, die das gesamte menschliche Denken durchzieht. "Ziel des schlußfolgernden Denkens ist, durch die Betrachtung dessen, was wir bereits wissen, etwas anderes herauszufinden, das wir nicht wissen" (5.365), und PEIRCE zeigte, inwieweit besonders die Abduktion, die er zuerst Hypothese, später auch Retroduktion nannte, sich hierfür eignet.
Um die Differenzen und Gemeinsamkeiten beispielhaft zu verdeutlichen, griff PEIRCE des öfteren zu dem fast sprichwörtlich gewordenen Bohnensackexempel, das auch ECO verschiedentlich strapaziert und das, trotz seiner Bekanntheit, auch hier noch einmal erinnert wird, um daraus allgemeine Aussagen schließen zu können.
Deduktion
Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.
"Jede Deduktion hat diesen Charakter; sie ist nur die Anwendung allgemeiner Regeln auf besondere Fälle" (2.620). Ihr Vorteil, die unbedingte Notwendigkeit des Resultats, impliziert zugleich ihren Nachteil, den Verzicht auf eigentlichen Erkenntnisgewinn, denn in der Regel als allgemeiner Aussage ist das Resultat bereits enthalten, dem man sich dann nur noch versichern kann. Die Wenn-Dann-Konstellation, auf der jede Deduktion beruht und die diese Strenge bewirkt, beinhaltet jedoch noch ein zweites Problem. Die oberste Prämisse, d.i. die allgemeine, ist immer anfechtbar, da absolut. Absolutheit läßt sich aber nicht nach- oder beweisen (Anfechtbarkeit und Nichtbeweisbarkeit sind zwar nicht synonym, werden hier zweckrational aber kurzgeschlossen.). Dies ist die Grundbedingung des logischen Paradoxons, welches, zahlentheoretisch übersetzt, im GÖDELschen Theorem eine Erklärung (eine Lösung ist schlechthin unmöglich) fand. Danach enthalten alle wiederspruchsfreien axiomatischen Formulierungen unentscheidbare Aussagen. RUSSELs Paradoxie, mengentheoretisch angewandt, daß die meisten Mengen nicht Elemente ihrer selbst sein können, besagt prinzipiell das gleiche. PEIRCE‘ Bohnenbeispiel freilich ist nicht gut geeignet, die Richtigkeit der letzten Aussagen aufzuzeigen, da es relationslogisch (PEIRCE gilt als Wegbereiter der Relationenlogik) argumentiert, insofern, da A (alle Bohnen) B (weiß) ist, wenn C (Relation: dieser Sack). Im klassischen deduktiven Schluß liegt diese Unentscheidbarkeit gerade im "wenn". Wenn nämlich alle Menschen sterblich sind, Paul ein Mensch ist, dann ist Paul sterblich. Zwar spricht einiges dafür, daß alle Menschen sterblich sind, es ist jedoch schlechthin nicht verifizierbar. POPPERs Falsifizierbarkeitsthese offenbart sich hier als teleologisch, denn sie löst dieses Problem nicht prinzipiell, schiebt es nur hinaus, läßt aber dem Wissenschaftler das beruhigende Gefühl, für sich eine Lösung gefunden zu haben und legitimiert weiterhin das Ziel. PEIRCE scheint GÖDEL schon erahnt zu haben, wenn er die Deduktion, "das notwendige Schlußfolgern", nur auf "ideale Sachverhalte" oder "auf Sachverhalte, insofern sie mit einem idealen in Übereinstimmung stehen" (8.209), anwendbar erklärt.
In der Klassifikation der Gesamtheit aller Schlüsse zeigt PEIRCE diagrammatisch die prinzipielle Differenz der Deduktion von den beiden anderen Formen:

Schluß

deduktiv oder analytisch synthetisch

Induktion Hypothese (2.623)

Die Induktion ist der Schluß von Fall und Resultat auf die Regel (2.622).
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.
Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.
Vor- und Nachteil der Induktion wenden sich gewissermaßen im Vergleich zur Deduktion. Ihre Synthetizität offenbart ihren erkenntniserweiternden Charakter, dem allerdings die Notwendigkeit abgeht. Auch hier also entbehrt die Regel der Beweisbarkeit, fungiert jedoch als Schluß. Damit gewinnt sie zeigenden Charakter, entspricht damit, wie PEIRCE im Brief an CALDERONI mitteilt, der experimentellen Untersuchung (8.209). Ihre prinzipielle Bedeutung für den Forschungsprozeß wird in der Wechselwirkung der drei Schlußtypen noch deutlicher. Bisher allerdings ist sichtbar geworden, daß die beiden klassischen Schlußarten die Beziehung zwischen Regel, allgemeiner, absoluter Aussage und Fall, der speziellen Aussage, verschiedentlich in Szene setzen.

Mit der Induktion stimmt die Abduktion in mindestens zwei Punkten überein, in ihrer Synthetizität inklusive der Fähigkeit der Erkenntniserweiterung und in ihrer wendeartigen Relation zur Deduktion: die Induktion "ist nicht die einzige Art, wie man einen deduktiven Syllogismus umkehren kann" (2.623). Es ist der Schluß von Regel und Resultat auf einen Fall.
Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.
Verdeutlicht man sich, daß ein Fall immer ein Einzelfall ist, so wird die Singularität des Schlusses einsichtig und damit der Hypothesencharakter. Dieser schließt neben der An-Sich-Hypothese gleichzeitig die Vermutung ein, daß der singuläre Schluß verallgemeinerbar sein könnte, worauf die Existenzberechtigung des Schlußverfahrens überhaupt beruht. Allerdings ist die Verallgemeinerbarkeit oft nicht vonnöten, um einen Zweck, der eben auch ein singulärer sein kann, zu erfüllen, so daß es sich hier um eine abstrakte, aber mögliche Größe handelt. Eine dritte Übereinstimmung, die sich zudem aus der Singularität ergibt, tritt zutage in der Unüberprüfbarkeit innerhalb desselben Diskurses. Was bei der Deduktion (im Sinne GÖDELs) und der Induktion jedoch als Mangel erfahren wird, akzeptiert die Abduktion inhärent, indem sie weitestgehend auf Strenge verzichtet. Als synthetischer Schluß ist die Induktion offenbar eine bedeutend stärkere Schlußform als die Hypothese (vgl. 2.642). Wenn die Abduktion streng ist, dann in dieser durchgehaltenen Hypothesenhaftigkeit, die, psychologisch betrachtet, Kreativität (nicht Raten, wie oft behauptet wird - doch dazu später) heißen könnte. Bereits der Ausgangspunkt der Abduktion ist eine hypothetische, erfundene, unerprobte allgemeine Regel (vgl. hierzu NAGL, S. 112). Dieser wird eine Realität subsumiert, um hernach zu schließen, daß diese Realität ein Fall dieser Regel ist (Hypothese). "Abduktion ist der Vorgang, in dem eine erklärende Hypothese gebildet wird" (5.171). "Durch Hypothese schließen wir auf die Existenz eines Faktums, das ganz verschieden von etwas Beobachtetem ist, aus dem sich jedoch nach den ganzen Gesetzen etwas Beobachtetes notwendig ergeben würde" (2.636) - womit PEIRCE beginnt, die Differenz zwischen den beiden synthetischen Schlüssen aufzuzeigen, denn die Induktion "ist das Schlußfolgern von Partikulärem auf das allgemeine Gesetz", die Abduktion das Schlußfolgern "von der Wirkung auf die Ursache". "Erstere klassifiziert, letztere erklärt" (ebd.). Mit diesem Erklären bringt die Abduktion als einzige Schlußart Eigeninitiative ein, sie ist das "einzige logische Verfahren, das irgendeine neue Idee einführt" (5.171). Sie löst sich damit von der unmittelbaren Beobachtung, die für die Induktion, so es sich um ähnliche Beobachtungsfälle handelt, noch bindend ist und schließt auf die Existenz von Phänomenen, die nicht beobachtet werden oder gar nicht beobachtet werden könnten, die also nicht auf ähnliche Fälle zurückzuführen sind. Kurz: es wird etwas angenommen, das die direkte Beobachtungsebene durchstößt. Um ihre Gültigkeit nachzuweisen, bedarf es auch hier der vierten Übereinstimmung mit der Induktion, der experimentellen Verifikation, der Arbeit des Detektivs. Angenommen, dieser findet einen Leichnam mit Schußverletzungen in der Herzgegend, und daneben liegt ein Revolver. Zweckmäßigerweise wird er vermuten, daß es sich hierbei um die Tatwaffe handelt.
Die erste experimentelle Verifikation ergibt die Fingerabdrücke des Opfers auf der Waffe, woraus der Detektiv nach obigem Schema auf Selbstmord schließt. Ergibt die Obduktion jedoch, daß die Leiche einen dreitausendfach erhöhten Arsengehalt im Gewebe aufweist, so wird die Regel erschüttert, und eine neue Hypothese ist notwendig. Approximativ gelangt der Detektiv (im Idealfall) zur Wahrheit, in Abhängigkeit seiner eigenen Kreativität und der des Mörders.
"Was ist unter einer guten Abduktion zu verstehen?". Sie muß die Fakten erklären und ihren Zweck erfüllen. "Was ist nun der Zweck einer erklärenden Hypothese? Ihr Zweck ist, dadurch daß sie dem Test des Experiments unterworfen wird, zur Vermeidung jeder Überraschung zu führen und zur Einrichtung einer Verhaltensgewohnheit positiver Erwartung, die nicht enttäuscht werden wird. Jede Hypothese kann daher, wenn keinerlei besondere Gründe für ihre Ablehnung vorhanden sind, zulässig sein, vorausgesetzt, daß sie in der Lage ist, experimentell verifiziert zu werden, und nur insofern sie solcher Verifikation zugänglich ist. Das ist annähernd die Lehre des Pragmatismus" (5.197). Die Verifikation wird andererseits ermöglicht, wenn Rhythmen, Ähnlichkeiten, Gleichförmigkeiten in der Natur u.ä. akzeptiert und angenommen werden. Demzufolge handelt es sich um eine Hypothese, "wenn wir finden, daß in gewissen Hinsichten zwei Objekte einander sehr ähnlich sind, und schließen, daß sie einander in anderen Hinsichten ebenso ähnlich sind" (2.624). Der Verdacht der Widersprüchlichkeit zu obiger Aussage (2.640) wird entkräftet wenn die Nuancierung zwischen Verifikation durch unmittelbare Beobachtung und durch Experiment beachtet wird. (vgl. hierzu APELs Anm.12, S. 249). Am Beispiel der Personenwahrnehmung, die sozialpsychologisch weitgehend untersucht wurde, wird sichtbar, wie enorm fehleranfällig das hypothetische Schließen ist, dargelegt in theoretischen Ansätzen wie dem primary-effect, regency-effect, der Übertragung etc.. Wie gesagt, diese Fehlerhaftigkeit wird akzeptiert, die Abduktion "ist bloße Vermutung ohne Beweiskraft" (8.209).
Nun gibt die Analyse der Abduktion noch kaum Auskunft über deren Bedeutsamkeit, die sich in der Anwendbarkeit herausstellen muß. Auftretende Zweifel werden von PEIRCE im Keim erstickt, denn er sieht die Relevanz von der Wahrnehmung über die Psychologie bis hin zur Forschungsentwicklung der Wissenschaften. Letzteres zuerst.
Die Logik der Forschung stellt sich demnach als ein Komplex von abduktiven, deduktiven und induktiven Schlüssen dar, deren Beginn und Basis die Hypothese ist. "Nachdem die Abduktion uns eine Theorie eingegeben hat, benützen wir die Deduktion, um von jener idealen Theorie eine gemischte Vielfalt von Konsequenzen unter dem Gesichtspunkt abzuleiten, daß wir, wenn wir gewisse Handlungen ausführen, uns mit gewissen Erfahrungen konfrontiert sehen werden. Wir gehen dann dazu über, diese Experimente auszuprobieren, und wenn die Voraussagen der Theorie verifiziert werden, haben wir ein verhältnismäßiges Vertrauen, daß die übrigen Experimente, die noch auszuprobieren sind, die Theorie bestätigen werden. Ich sage, diese drei sind die einzigen Schlußmodi, die es gibt. Ich bin davon sowohl apriori als auch aposteriori überzeugt" (8.209). Schließlich gibt uns die Induktion "die einzige annähernde Sicherheit hinsichtlich des Realen, die wir haben können" (ebd., vgl. auch 2.712). Zwangsläufig drängt sich die Nähe zu FEYERABENDs "anarchistischer Erkenntnistheorie" auf, die wirkungsvoll aus postmodern-pluralistischer Sicht in den wissenschaftstheoretischen Diskurs eingriff. Soweit zu sehen ist, geschah dies ohne ausdrückliche Besinnung auf PEIRCE. Gerade weil die Regelverletzungen im Wissenschaftsbetrieb stattfanden, gab es demnach eine Wissenschaftsentwicklung in der Geschichte. Jeder Ansatz, so der Österreicher, sei er auch noch so absurd, kann unser Wissen bereichern, und daher seien Hypothesen, auch irrelevante, irrationale, nicht belegte sowie kontra-induktive zuzulassen. "Es spielt keine Rolle, wie unwahrscheinlich diese Annahmen sind; alles, was sich ereignet, ist unendlich unwahrscheinlich" (2.642), argumentiert auch PEIRCE aus tychistischem Kontext. Mit der objektiven Verseuchung der Wissenschaftsdaten, die sich aus ihrer historisch-physiologischen Determiniertheit ergibt, müsse man leben. Ja, sofern überhaupt richtige Erkenntnis möglich ist, dann beruhe sie zumeist und zwangsläufig auf fehlerhaften Voraussetzungen. Beide Denker strapazieren die Beispiele GALILEI und KEPLER; so weist FEYERABEND überzeugend und spielerisch nach, wie stark GALILEIs empirische Daten mit dem ptolemäischen Weltbild korrelieren, er also nur mit Hilfe von Propaganda, Täuschung, Lüge und ad-hoc-Ideen (so behauptete GALILEI etwa, das Fernrohr aufgrund optischer Studien erfunden zu haben, während FEYERABEND nachweist, daß er von Optik weder Ahnung hatte noch die entsprechende Literatur kannte, das Fernrohr also zufällig, spielerisch entdeckte) sein neues Bild überzeugend darstellte (insofern war die katholische Kirche juristisch im Recht, als sie GALILEI verurteilte). "Eine neue Theorie kündigt sich im praktischen Verhalten an..." (FEYERABEND: Methodenzwang, S. 193), so FEYERABEND und im Hinblick auf POPPER, aber PEIRCE mitdenkend: "die wissenschaftliche Forschung, sagt Popper, beginnt mit einem Problem und schreitet fort zu einer Lösung. Diese Kennzeichnung berücksichtigt nicht, daß Probleme falsch formuliert sein können..." (ebd., S. 356).
Jedoch nicht nur im physikalisch-mathematischen Bereich findet das konjektive Denken Anwendung. (Und wieder weht der Wind aus der solipsistischen Richtung.) PEIRCE gibt zu bedenken, daß die Existenz historischer Ereignisse und Personen nur hypothetisch anzunehmen ist, sobald sie vergangen und der Erinnerung entronnen sind. Die Existenz Napoleons, den wir nie gesehen haben, jedoch Bilder und Geschichten von ihm kennen, läßt sich nur hypothetisch als wirklich annehmen (vgl. 2.652, 2.642; vgl. auch ECO: Fiktionen, S.119f.). Auch die ärztliche Diagnose muß immer Hypothese bleiben, von Symptomen ausgehend, schließt der Arzt retroduktiv, also zurück auf die vermeintliche Ursache. Die Ohnmacht des Patienten ergibt sich aus dessen Unfähigkeit, die Fähigkeit des Arztes zu überprüfen (vgl. ECO/SEBEOK: S. 140), gleichzeitig aber auch aus der Unmöglichkeit, die Falsifikation durchzuführen, die letztlich den Tod des Patienten nach sich zöge. Hier zeigt sich die Anwendungsbeschränktheit des POPPERschen Falsifikationismus.
"Jemand müßte völlig verrückt sein, wollte er leugnen, daß der Wissenschaft viele wirkliche Entdeckungen gelungen sind. Aber jedes einzelne Stück wissenschaftlicher Theorie, das heute festgegründet dasteht, ist der Abduktion zu verdanken" (5.172).
Was im Forschungsprozeß zur Spitze getrieben wird, findet sich schon in den Elementareinheiten menschlicher Erkenntnis, in der Wahrnehmung. Die Hypothese bringt das sensuelle Element des Denkens hervor (vgl. 2.643) . Nihil est intellectu, quod non prius fuerit in sensu. (5.181) Das in sensu liest PEIRCE als in einem Wahrnehmungsurteil, und insofern ist alles, was ich wahrnehme, ein Eindruck, der durch eine Aussage, welcher Form auch immer, handhabbar gemacht wird. Diese Umwandlung allerdings beruht auf einer Hypothese, denn das unmittelbar Wahrgenommene wird übersetzt interpretiert und verliert mit diesem Eintritt in die Semiose dabei die Ursächlichkeit. Jedes Denken ist ein Denken in Zeichen, meint der Semiotiker, und deshalb ist ein denkendes Verarbeiten von Wahrnehmungsinhalten gar nicht anders als interpretierend möglich. Denken und Semiose sind Synonyme. Wohlgemerkt handelt es sich um den Interpretationscharakter des Wahrnehmungsurteils, nicht um die Wahrnehmung selbst, es handelt sich dabei "wirklich um nichts anderes als den extremsten Fall abduktiver Urteile" (5.185), um den ursprünglichsten Fall zumal.

Wie aber vollzieht sich die Abduktion aus psychologischer Sicht?
PEIRCE versucht dieser Frage mit einem Denkmodell beizukommen, das, wie ich meine, deutlich auf LORENZ` Fulgurationshypothese verweist (vgl. LORENZ, S. 47), die dort allerdings noch allgemein verstanden wird und sich daher besonders für eine Erläuterung anbietet. Als ursprünglich göttlicher Blitzstrahl (fulguratio) gedacht, bezeichnet dieser Begriff prinzipiell den Vorgang des In-Existenz-Tretens eines neu Geschaffenen oder einer neuen Verbindung, die, so LORENZ, völlig neue Systemeigenschaften aufweist. Und in der Tat scheint sich diese evolutionsgenetische Annahme auch auf das Denken ausdehnen zu lassen: "Die abduktive Vermutung kommt uns wie ein Blitz. Sie ist ein Akt der Einsicht, obwohl extrem fehlbarer Einsicht" (5.183). Das fulgurative Element des Zur-Einsicht-Kommens verweist auf das Unerwartete, Plötzliche, empfundene Zufällige, ja das Umwegige, verweist auf Dissoziationszustände des Denkens , wie dies im psychoanalytischen Diskurs, der selbst eine gewaltige und gewalttätige Abduktion ist, wenngleich ohne Verifikationsmöglichkeit, da unaufhebbare Zirkularität vorliegt, benannt wurde. Deren gibt es viele, und sie alle kennzeichnet das Unbewußt-Werden: der Traum, der Rausch, die Meditation, Hypnose, Ekstase etc. Vielfältig sind die Wege, dorthin zu gelangen. Als lichtvolle Einsicht/ Idee/Gefühl/Gewißheit beschrieben dies, und sie verwendeten dabei unwissentlich HUSSERLs Evidenzdefinition (vgl. HUSSERL, S.28 f., 109, 156, 191ff.) die Physiker EINSTEIN und HEISENBERG, die sowohl Relativitätstheorie als auch Unschärferelation erst entwarfen, als sie dies als Ziel bereits aufgegeben hatten. Auch der Lauf (oder anderer Ausdauersport, der keine Konzentration erfordert), rhythmische, tanzende...Bewegungen, führt die Gedanken zur Assoziation, indem der Körper aktiviert, ja dominierend wird, das Denken dadurch Freiheit von sich erlangt. Hypnose ebenso wie FREUDs/JUNGs Assoziationsmethode, können dazu führen, am berühmtesten jedoch dürften mystische Praktiken oder Drogen sein. An anderer Stelle nimmt PEIRCE Position gegen die Mystik ein, jedoch kann er das nur aus einer offensichtlich unwissenden und voreingenommenen Position heraus, denn gerade sein Argument, daß die Erkenntnis, d.i. die richtige Interpretation der Zeichen, auf etwas zurückzuführen sein müsse, "das auf jeden Menschen einwirkt oder einwirken könnte" (5.384), womit er die Mystiker als erledigt betrachtet , spricht für diese Methode als psychologische. Nicht der Verweis auf Gott, der ja tatsächlich den Menschen entlastet, sondern die beeindruckende Übereinstimmung der so vielen Mystikererlebnisse aller Zeiten, Kulturen und Religionen, die ebenfalls als lichtvoll und allumfassend beschrieben werden, deuten auf das fulgurative Abduktionserlebnis hin. Was schließlich die Drogen betrifft, so zeigen William von Baskerville und dessen literarischer Detektivpate Sherlock Holmes, daß und inwieweit ihr Genuß erkenntniserweiternd sein kann. (Demselben Zweck dient übrigens auch Holmes Violinenspiel, allerdings nur wenn er improvisiert, ebenso wie seine chemischen Experimente.) Es gilt dabei deren ursächliche Intentionen wiederzuentdecken, die in der modernen Gesellschaft fast gänzlich verlorengegangen sind, so daß hier Drogenmißbrauch die einzig mögliche Konsequenz ist (vgl. SLOTERDIJK: Weltfremdheit, S. 118-160). Gerade in jenen Situationen, die neue (systemneue) Ansätze erfordern, was mitunter mit einem Handlungsnotstand korrespondiert, ziehen sich die Protagonisten zurück, um die anregende Wirkung der Drogen zu Hilfe zu ziehen. Es geht dann immer darum, den tradierten Denkrahmen zu sprengen, um auf eine neue Ebene zu gelangen oder aber wie die Koan im Zen-Buddhismus die Kausalitäten zu zerstören, Zwänge und Determinationen zu beseitigen bis hin zur Sprachdetermination. Man könnte sich an einem Gedankenexperiment durchaus ECOs William von Baskerville vorstellen, wenn man sich PEIRCE‘ Worte vor Augen führt: "Es gibt eine gewisse angenehme geistige Beschäftigung, die ich ... weil sie keinem anderen Zweck dient als dem, allen ernsthaften Zweck links liegen zu lassen, halb geneigt war (auf eine näherhin zu qualifizierende Weise) Tagtraum zu nennen; aber für einen Geisteszustand, der der geistigen Leerheit und der bloßen Träumerei so diametral entgegengesetzt ist, wäre eine solche Bezeichnung ein gravierender Mißgriff" (6.458).

In ihrer Alltäglichkeit scheint die Abduktion ein äußerst erfolgreiches Schlußverfahren zu sein, das zwar sehr häufig fehl schließt, was ihr offensichtlich aber verziehen wird. Zwei Fragen ergeben sich, die die Abstraktionsebene weiter erhöhen. Wie kann überhaupt eine menschliche Hypothese natürliche Prozesse erklären; woher stammt die Kompatibilität, und wieso sind immer so viele Treffer in all der vermeintlichen Raterei, die das Verfahren überhaupt erst legitimieren; was sind schließlich die Voraussetzungen dafür? Letzterer Teil der Frage wird von PEIRCE zwar gestellt, jedoch, so weit zu sehen ist, nicht beantwortet, so daß zuerst dem Philosophen selbst gefolgt werden soll. Dieser macht sich hier die Evolutionstheorie zunutze, indem er zum einen auf "gewisse Gleichförmigkeiten in der Natur, durch deren Erkenntnis eine Hypothese erheblich erweitert werden kann" (2.633) hinweist, andererseits eine gewisse Analogie zu Naturprozessen, zu evolutionären Prozessen sieht . Der Mensch als Naturwesen kann schlechthin nicht anders, als natürliche Prozesse denkerisch zu replizieren und bleibt daher dieser Affinität unauslöslich verbunden , wenngleich sein Denken diesen Hiatus erst erschuf. Und wie das instinktsichere Tier die natürliche Einheit mit jedem Tun bestätigt, bleibt dem Menschen als (GEHLENsches) Mängelwesen, welches die Instinkte weitgehend verlor, nichts anderes übrig, als einen analogen kognitiven Vorgang einzusetzen, und dieser eben ist das konjektive Denken. Auch hier bestätigt sich das Ergebnis in der Praxis (wo nebenbei bemerkt die Nähe zur Pragmatischen Maxime wieder offensichtlich wird) und wird in Abhängigkeit zur Notwendigkeit früher oder später revidiert. "Dieses Vermögen der Einsicht hat zur selben Zeit die allgemeine Natur eines Instinktes, der insofern dem Instinkt der Tiere gleicht, als er über die allgemeinen Vermögen unserer Vernunft weit hinausgeht und uns führt, als ob wir im Besitz von Fakten wären, die gänzlich außerhalb der Reichweite unserer Sinne liegen. Es gleicht dem Instinkt weiterhin darin, daß es in geringem Maße dem Irrtum unterworfen ist; denn obwohl es häufiger den falschen als den richtigen Weg einschlägt, ist es im Ganzen gesehen doch das Wunderbarste unserer ganzen Konstitution" (5.173). Gerade dieses Wunderbare aufzulösen, gelang PEIRCE nicht - es fehlte ihm das empirische Material. Doch die Frage ist brisant, und PEIRCE war der Antwort ganz nah, muß es doch einen Grund geben, der die abduktiven Erfolge garantiert, und zwar jenseits der Wahrscheinlichkeit des Zufalls. Das Raten, wie PEIRCE hin und wieder glaubte , kann als Erklärung aus diesem Grunde nicht dienen. "Nein, nein, ich rate nie. Raten ist eine abscheuliche Angewohnheit, es zerstört die Fähigkeit, logisch zu denken" (CONAN DOYLE: Zeichen, S. 15) erkannte der Meister der kriminalistischen Hypothese, Sherlock Holmes, und an anderer Stelle wird man über die notwendige Voraussetzung belehrt, um diese Meisterschaft zu erlangen: "er hat eine ganze Menge abseitiger Erkenntnisse angehäuft" (CONAN DOYLE: Studie, S.12, vgl. auch: Zeichen, S. 10ff. u.a.). Aus der Schule der amerikanischen behavioristischen Sozialpsychologie kommend, hat Peter R. HOFSTÄTTER einen am empirischen Material gewonnenen Ansatz entwickelt, der (so glaube ich) das PEIRCEsche Problem lösen könnte, alles hängt dabei an der Frage des Wissens. Die "synthetische Gruppe", in der als ein mathematisches Konstrukt alle subjektiven Einzelleistungen addiert, um dann durch die Anzahl der Mitglieder dividiert zu werden, erreicht mit diesem Quotienten eine korrektere Lösung als jede Einzellösung für sich. Die approximative Korrektheit korreliert dabei mit der Anzahl der Einzellösungen, so daß HOFSTÄTTER eine statistische Utopie von der potentiellen Allwissenheit der Gruppe (HOFSTÄTTER, S.48 ff.) beschreiben kann. Statistisch betrachtet handelt es sich hier um ein Phänomen des Fehlerausgleiches. Erfolgversprechend kann diese Gruppe allerdings nur dann sein, wenn sie zwei wesentliche Bedingungen erfüllt: erstens, "daß in der Menge der Beurteilenden die Durchschnittsrichtigkeit der Urteile größer als Null sei" (ebd., S.43), wofür zweitens Voraussetzung ist, daß ein Mindestmaß an Wissen über das zu lösende Problem vorliegt. Gerade dies hebt es vom Ratehintergrund ab. Bleibt freilich die Frage, was das alles mit der Abduktion zu tun hat, die doch ein je individuelles Phänomen ist. Die Synthesis der Gruppe jedoch ermöglicht die Anwendung auf das PEIRCEsche Problem insofern, als eine Gruppensituation bereits im inneren Dialog gegeben ist . Jede Entscheidungssituation aber teilt die Person zwangsläufig, so daß diese im Entscheidungsmoment dem Konstrukt der synthetischen Gruppe entspricht. Wenn dann marginales Wissen vorhanden ist, wie dies die Detektive Holmes und William von Baskerville anhäufen, so scheint die Situation günstig, durch abduktives Denken eine realitätsnahe Entscheidung zu fällen.
PEIRCE legitimiert dies auch wissenschaftstheoretisch und epistemologisch, denn nicht die Wahrheit als distinkter Entität, die ohnehin nur approximativ, "in the long run", anzustreben ist, sondern Überzeugt-Sein und Übereinstimmung in der Sozietät, der scientific community, sind Ziele allen Forschens. Dies ist nicht präskriptiv zu lesen, sondern stellt die deskriptive Erkenntnis PEIRCE‘ dar. Wir befinden uns damit wieder inmitten des pragmatischen Diskurses und können mit PEIRCE das Fazit ziehen: "Wenn Sie die Frage des Pragmatismus sorgfältiger Prüfung unterwerfen, werden Sie sehen, daß er nichts anderes als die Frage nach der Logik der Abduktion ist" (5.197)

2. UMBERTO ECO

Will man sich ECOs Theorie über Abduktion zuwenden, so stellt sich die Frage nach der Teilbarkeit des Werkes, und es ist schwerlich zu übersehen, daß er ein theoretisches (welches sich in semiotische, historische, ästhetische, philosophische, kulturkritische, linguistische etc. Studien noch unterteilen ließe) und belletristisches (Romane, Kurzgeschichten und Essays) Werk bisher vorlegte. Trotzdem wäre es nicht ungerechtfertigt, die Stringenz des Gesamtwerkes hervorzuheben, denn was er literarisch schuf, kann als angewandte Wissenschaft gelesen werden. Wird die Trennung trotzdem vollzogen, dann vor allem aus formalen Gründen und unter dem ständigen Bewußtsein der Kohärenz. Am Schicksal Herrn Sigmas machte ECO erstmals deutlich, womit die Semiotik sich befassen muß, nämlich mit allem (ECO: Labyrinth, S.11), und in diesem erweiterten Sinne darf sie als Oberbegriff des gesamten Schaffens dienen.

a.) Das theoretische Werk

Die Semiotik, als die Wissenschaft von den Zeichen, muß sich ständig mit der Intentionalität und Kausalität des semiotischen Prozesses beschäftigen, also mit der Interpretation zumeist verursachter und bezweckter Zeichen, mit Zeichen, die von einem Sender für einen Empfänger geschaffen und genutzt wurden. Sie muß sich dabei ihrer inhärenten Grenzen bewußt sein, eben weil sie immer Macht intendiert. Dieser Prozeß unterliegt Signifikationen, die aufzuspüren weitestgehend Aufgabe der Abduktion ist. Ohne abduktives Herangehen wäre Semiose letztlich, d.h. von den idealtypischen und äußerst seltenen Fällen abgesehen, unmöglich. Soll ein Zeichen als solches fungieren, dann muß es erkennbar sein, unabhängig davon, ob die Erkennung je realisiert wird. Und genau diese Erkennbarkeit garantiert das abduktive Verfahren. Die Abduktion ist "das versuchsweise und risikoreiche Aufspüren eines Systems von Signifikationsregeln, die es dem Zeichen erlauben, seine Bedeutung zu erlangen" (ECO: Semiotik und Philosophie, S. 68). Im semiotischen Kontext fällt der Abduktion also die interpretative Aufgabe zu, sie ist eine Interpretation, die selbst logischen Regeln gehorcht, sie läßt das Zeichen erst als solches funktionieren, sie "ist das klarste Beispiel für die Erzeugung einer Zeichen-Funktion" (ECO: Semiotik Entwurf, S.188). Da ihr aber, wie bereits festgestellt, die logische Strenge fehlt, sie auf ein intuitives, zufälliges - verbunden mit marginalem Wissen - Element angewiesen ist, verzichtet sie auf die Suche von nomothetischen Erkenntnissen, allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten, womit sie sich ohnehin für die alltägliche Situation erst eignet. Im Alltag nämlich, nicht im Laborzustand, wird der übergroße Anteil an Entscheidungen gefällt, und diese lassen sich dann nicht, im Gegensatz zum Experiment, in Konstante und Variable aufgliedern. Die alltägliche Logik ist eine Logik der Unschärfe, sie gleicht den fraktalen, sich selbstähnlichen und dissipativen Strukturen der Natur . Die hier anzutreffenden Entscheidungen sind schwierig im kontextualen Sinne, denn unbegreifbar bleiben die unendlichen Möglichkeiten. Diese Ohnmacht des menschlichen Geistes, mit einem endlichen Denkapparat dem Unendlichen gegenüberzustehen, ließ ihn den Zufall erfinden für all jene Sachverhalte, die unerklärlich, da tatsachenüberladen, sind. Die Vieldimensionalität muß ihr logisch-psychologisches Gegenüber finden, und sie hat dies in der Abduktion tatsächlich entdeckt. Abduktives Denken gab es, seit es Denken gibt, und dies darf nicht mit PEIRCE‘ oder ECOs Abduktionen über die Abduktion, deren Metaabduktionen, verwechselt werden. Ihre Bedeutung für die Semiotik zusammenfassend, meint ECO: "Eine Abduktion ist ein typisches Verfahren, mittels dessen man bei der Semiose fähig ist, schwierige Entscheidungen zu treffen, wenn man unklaren Instruktionen folgt" (ECO: Grenzen, S. 295). Die Unklarheit beansprucht dabei Objektivität.
Darüber hinaus müßten kaum noch Worte verloren werden, wenn nicht ECO den Versuch unternommen hätte, die PEIRCEsche Theorie der Abduktion zu konkretisieren und weiterzuentwickeln.
ECO unterscheidet verschiedentlich zwischen drei oder vier Stufen der Abduktion: "Auf der ersten Stufe ist der Befund zwar unerklärlich und sonderbar, aber das Gesetz existiert bereits irgendwo, vielleicht im Innern des betreffenden Problembereichs, und man muß es nur finden (als das Gesetz mit der größten Wahrscheinlichkeit). Auf der zweiten Stufe ist das Gesetz schwer zu erkennen. Es existiert woanders, in einem anderen Problembereich, und man muß eine Wette darauf riskieren, daß es sich auf den vorliegenden Problembereich ausdehnen läßt (dies war der Fall bei Kepler). Auf der dritten Stufe existiert das Gesetz noch nicht, und man muß es erfinden" (ECO: Spiegel, S. 210). Die erste der drei Stufen, die sich durch die steigende Schwierigkeit der Realisierung unterscheiden, nennt er "überkodierte Abduktion" und meint damit die PEIRCEsche Hypothese. Es bleibt allerdings fraglich, ob PEIRCE tatsächlich an zwei Arten der Schlußfolgerung dachte, also ob er zwischen Hypothese und Abduktion unterschieden wissen wollte. Es handelt sich da wohl eher um eine kategoriale Neufindung, die sich ECO inhaltlich zunutze macht. Demnach wird hier einem bereits bekannten codierten Gesetz ein Fall abduktiv hypothetisch beigeordnet, wobei die situativen Umstände entscheidend und zu entscheiden sind oder im semiotischen Diskurs, der die Textualität der Welt voraussetzt: der Ko-Text , die textuale Einordnung, der Kontext, sowie die subjektive Situation des Texterzeugenden. Die vom Subjekt aus gesehen nächst höhere Stufe, die "unterkodierte Abduktion", liegt vor, "wenn die Regel aus einer Reihe gleich wahrscheinlicher Alternativen gewählt werden muß" (ECO: Semiotik und Philosophie, S.70). ECO erklärt diese an Hand der Entdeckung des ersten KEPLERschen Gesetzes. Nachdem KEPLER klar war, daß die Planetenbahnen nicht gleichförmig verliefen, mußte er eine Alternative finden, wobei ihm viele, aber nicht unbegrenzt viele Möglichkeiten blieben. Unter der Annahme der Regelmäßigkeit konnten ungeschlossene geometrische Figuren ausgeschlossen werden, und unter den geschlossenen schienen die Ellipsen nicht zuletzt wegen ihrer Kreisähnlichkeit als die effektivsten. Diese Annahme wurde schließlich experimentell rechnerisch verifiziert. Am riskantesten, aber auch am bedeutendsten ist schließlich die "kreative Abduktion": "Das Gesetz muß ex novo erfunden werden" (ECO: Grenzen, S. 313). Berühmtes Beispiel ist "die kopernikanische Intuition der heliozentrischen Theorie" (ebd., S.329). Der Pole hatte weder empirische Veranlassung noch Beweismaterial, um das ptolemäische Weltbild in Frage zu stellen, außer dessen interne Schwierigkeiten, er ging von einem unergründlichen Harmoniegefühl, einer Sehnsucht nach Harmonie, aus. In einem geistigen Schöpfungsakt versetzte er die Sonne in den Mittelpunkt des Sonnensystems, eine Erfindung, die erst nach dessen Tode zur Entdeckung reifte . Auch die detektivischen und interpretativen Abduktionen stellen zumeist kreative Abduktionen dar (vgl. ECO: Semiotik und Philosophie, S.72) und sind von daher für das literarische Werk ECOs von besonderer Bedeutung. Den Hiatus zwischen psychischen, abduktiv geschaffenen Welten und der realen Welt soll schließlich eine "Meta-Abduktion" überbrücken, der damit die Aufgabe der prinzipiellen Verifikation zukommt. Sie ist die Verbindung, die den festen Boden unter den Füßen garantiert und dürfte gemeinsam mit der kreativen Abduktion weitgehend PEIRCE‘ Abduktionsbegriff abdecken.

Es gibt, so ECO, ein bestimmtes Kriterium, welches eine gewisse Gewähr bietet, in der Vielzahl der möglichen Abduktionen, diejenigen auszuwählen, deren Annahme am erfolgversprechendsten ist. Bereits PEIRCE hatte dies erkannt, es bleibt jedoch ECOs Verdienst, dies explizit verdeutlicht zu haben. Auch der Vater des Pragmatismus nutzte eine detektivische Situation zur Verdeutlichung: "Ein gewisses anonymes Schriftstück besteht aus einem abgerissenen Stück Papier. Man vermutet, daß es sich bei dem Autor um eine bestimmte Person handelt. Sein Schreibtisch, zu dem er allein Zugang hatte, wird untersucht, und man findet in diesem ein abgerissenes Stück Papier, dessen Rand genau mit allen Unregelmäßigkeiten zu jenem fraglichen Schriftstück paßt. Es ist ein rechtmäßiger hypothetischer Schluß, daß die vermutete Person tatsächlich der Autor war. Der Grund dieses Schlusses ist offensichtlich der, daß es äußerst unwahrscheinlich ist, daß zwei abgerissene Papierstücke zufällig zusammenpassen" (2.632) . PEIRCE gibt hier gewissermaßen eine negative Bestimmung dessen, was ECO als Ökonomiekriterium (z.B. ECO: Grenzen) oder Sparsamkeitskriterium (ECO: Autor) in die Semiotik integrierte. Ohne Zweifel war es für den Pragmatisten notwendig, seine Theorie gegen Auswüchse zu schützen, bevor sie, positiv gewendet, weiterentwickelt werden konnte. Und in der Tat muß die Abduktion sich am Erfolg messen lassen, und dies erfordert, "von den Hypothesen alles auszuschließen, das unklar und unsinnig ist" (5.212). Phantasie ist zwar eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Hypothetischen, doch es kann auch dessen Ende bedeuten, wenn sie unendlich wuchert . PEIRCE war sich darüber im klaren, daß jedes Zeichen immer auf andere Zeichen verweist, woraus sich eine virtuelle Unbegrenztheit der Zeichen ergibt, jedoch sei das kein Freifahrtsschein in die Beliebigkeit, konkretisierte ECO. Dem ständen mindestens zwei Dinge entgegen: die Zwecke der Erkenntnis und eben das Ökonomieprinzip. Demnach ist diejenige Hypothese den anderen vorzuziehen, deren Aufwand am geringsten ist. Es handelt sich dabei zumeist um die vernünftigste (einfachste, simpelste, natürlichste etc.) Erklärung, die gleichzeitig eine kritische ist. Von daher favorisiert ECO eine "vom Argwohn geprägte Interpretation" (ECO: Grenzen, S. 119), deren Kriterien der möglichst geringe Aufwand, eine stringente und möglichst einsträngige Kausalität sowie die Kompatibilität mit angrenzenden Gebieten oder die Möglichkeit der paradigmatischen Einordnung sind. Gültig ist dies für die Semiotik als Gesamtprozeß als auch für die abduktiven Schlußverfahren. Um aber ökonomisch interpretieren und entscheiden zu können, bedarf es wieder des Wissens, der Kompetenz. "Jeder Interpretationsakt ist dergestalt eine schwierige Transaktion zwischen der Kompetenz des Lesers (der vom Leser geteilten Kenntnisse der Welt) und der Art der Kompetenz, die ein bestimmter Text postuliert, um ökonomisch interpretiert zu werden" (ebd., S. 148). Freilich unterläßt es auch ECO, nach den psychologischen Wurzeln und dem Herkommen der Kompetenz im abduktiven Prozeß zu fragen, allerdings deutet er im literarischen Werk, im "Namen der Rose" insbesondere, wie nun gezeigt werden soll, mögliche Lösungswege an.

b.) Das literarische Werk

Die Psychologie mußte sich in ihrer Wissenschaftsgenesis, die sich bekanntermaßen auf eine lange Vergangenheit, jedoch nur auf eine kurze Geschichte berufen kann, des öfteren verwundert den Literaten zuwenden, um festzustellen, daß kein geringer Teil ihrer Ergebnisse, der in einem mühsamen empirischen Forschungsprozeß erarbeitet wurde, sich hier oft spielerisch leicht poetisch manifestierte. Vielleicht mag ECO diesbezüglich mit den herausragendsten Literaten nicht konkurrieren können, aber wir erfahren auch in seinen literarischen Werken einiges über die Psychologie der Abduktion und noch mehr über die Psychologie des Detektivs. Dabei kann er sich auf berühmte Vorbilder stützen.
PEIRCE selbst lieferte ein beeindruckendes Beispiel detektivischer Feinfühligkeit, als es ihm gelang, den Diebstahl seiner Uhr während einer Schiffsfahrt aufzuklären (vgl. ECO/SEBEOK, S. 28-39), wobei er sogar den Rahmen der Logik sprengte und das intuitive, fulgurative Element der Abduktion verdeutlichte, denn es gab keinerlei offensichtliche Anhaltspunkte, den Täter zu bestimmen. Die Methode jedoch ist aufschlußreich. Da der Diebstahl stattfand, noch bevor die Mannschaft des Schiffes das Land betrat, konnte der Täterkreis auf eben jene eingegrenzt werden, und da PEIRCE offensichtlich glaubte, daß Inhaber von Diensträngen aus ethischen Erwägungen auszuschließen seien, ließ er das bedienende farbige Personal antreten und stellte jedem einzelnen eine Frage, die denkbar unzusammenhängend mit dem beschriebenen Fall war. Der Dissoziationsversuch ist kaum zu übersehen. Natürlich brachte diese Art der Befragung keinerlei Tatsachenmaterial zutage, und trotzdem war sich der Begründer der Abduktion danach sicher, den Schuldigen benennen zu können. Aufgrund eines bloßen, unerklärbaren Verdachtes, einer Überzeugung. Diese Einsicht, die natürlich dem Fallibilismus-Vorbehalt unterworfen blieb, diente der Antizipation des Täterverhaltens , der die Funktion der Verifikation zukam. Und in der Tat stellte sich nach verwirrenden Zwischenereignissen die Richtigkeit des PEIRCEschen Schlusses heraus. Wenn kein bewußtgewordener Sachverhalt vorliegt, das Ergebnis aber der Wahrheit entspricht, so muß der Akt der Entscheidung ins Psychische, ins sogenannte Unbewußte verlegt werden, was mindestens zweierlei voraussetzt: erstens eine enorme Sensibilität der Wahrnehmung und das seismographische Gespür psychischer Eruptionen, zweitens das Vermögen von primär-kausalen, vordergründig erscheinenden, sich offensichtlich anbietenden, tatsächlich aber ablenkenden Erscheinungen zu abstrahieren - eine Fähigkeit, die dem von PEIRCE engagierten Detektiv abging, der eben einer vermeintlichen Tatsachenspur folgte.

„Der Name der Rose“ beginnt mit der Brunellus-Geschichte, und diese verweist auf zwei andere berühmte Vorlagen. Zum einen liebte Sherlock Holmes es, Watson oder einen Klienten vor seiner eigentlichen detektivischen Arbeit durch besonders scharfsinnige und trotzdem banale "Deduktionen" zu beeindrucken, wie dies auch William von Baskerville bekennt, zum anderen findet die Situation des entlaufenen Pferdes, welches durch abduktives Schließen bestimmt und wiedergefunden wird, in Voltaires "Zadig" seinen Vorläufer. Allerdings schien sich auch Voltaire auf sagenhafte Geschehnisse verschiedener Kulturen der Welt zu berufen , in denen die Geschichte in unterschiedlichsten Formen erzählt wurde.
ECOs Interesse an der Metaphysik des Kriminalromans, die ihn immer wieder beschäftigte ist also ein semiotisches und konjektives. "Ich glaube, daß Krimis den Leuten nicht dadurch gefallen, weil es in ihnen Mord und Totschlag gibt; auch nicht darum, weil sie den Triumph der (intellektuellen, sozialen, rechtlichen und moralischen) Ordnung über die Unordnung feiern. Sondern weil der Kriminalroman eine Konjektur-Geschichte im Reinzustand darstellt" (ECO: Nachschrift, S. 63). Die Motivationsvorgabe, dem Drang erlegen zu sein, einen Mönch zu vergiften (ebd. S. 21), muß man vielleicht nicht zu ernst nehmen, denn es scheint doch permanent das theoretische Interesse durch den Schleier der Mordserie. Um dies von Beginn an deutlich zu machen, bedient er sich der Brunellus-Episode, die im Handlungsgefüge sonst eine untergeordnete Rolle spielt, die den Leser aber ebenso wie Adson in die Lage versetzt, Williams Denkweise jenseits des metaphysischen Diskurses zu verstehen. Dem Leser geht es dann oft nicht anders als Dr. Watson oder Adson, die, wenn sie die Herleitung nachvollziehen konnten, von deren Einfachheit verblüfft waren, sie evident (26) fanden und sogar dazu neigten, die tatsächlich erbrachte kombinatorische Leistung fehl- oder unterzubewerten. Doch gemessen an der Vielzahl der Interpretationsmöglichkeiten, scheint dies nicht gerecht. Tatsächlich nämlich hätte in fast jedem abduktiven Fall alles ganz anders sein können. Selbst offensichtliche Spuren müssen kein Kriterium der Wahrheit sein, wie man etwa an dem sowjetischen Filmklassiker "Rette sich, wer kann" beispielhaft darzustellen vermag, in dem auf einem Schiff, welches einen Zirkus transportierte, eine Panik ausbrach, nachdem durch künstlich gefertigte Abdrücke von Tigertatzen jedermann annahm, daß diese Tiere frei herumliefen. Zwar schließt Zadig zurecht aus den Goldabschürfungen auf vergoldete Hufe, doch es hätte sich ebenso um einen vom Pferd gefallenen Ritter in goldener Rüstung handeln können (vgl. ECO: Grenzen, S. 322), zwar schließt Holmes zurecht aus Watsons schmutzigen Absätzen auf dessen Postbesuch, doch die Schuhe hätte auch eine andere Person tragen können (vgl. CONAN DOYLE: Zeichen, S. 12ff.), zwar identifiziert William zurecht aus der "Quelle" Buridan den Namen des Pferdes, doch hätte der Namengeber, der Abt, auch weniger belesen sein können... Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und obwohl größtmögliche Phantasie unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Abduktionen ist, liegt die Kunst in deren Zügelung. Es ist Vorsicht geboten, und William demonstriert eine quasi mäeutische Vorsicht, gepaart mit einem gesunden Maß an Risiko. Daß die Mönche suchten, war ihrer Aufgeregtheit zu entnehmen, daß es ein Pferd war, den Hufspuren. Bis hierher ging das Risiko, der Rest ist Mäeutik, denn es ist der Cellerar, der William zum einen die Gewißheit für die Richtigkeit seines Verdachtes gibt, durch seine Fragen, seine Mimik und Gestik die weitere Richtung vorgibt. Wie gesagt, eine wesentliche Leistung liegt in der psychologischen Sensibilität.
Später, als William seinem Schüler den Erkenntnisweg erläutert, gibt ECO seine Theorie der Abduktion preis. Er beschreibt sie, ebenso wie dies PEIRCE tat, als Approximation an eine idealische Wahrheit, der man sich eben nur nahe bringen könne (30). Diese Approximation ist, und sei sie noch so dürftig, der Sinn des an sich unerträglichen Lebens des Wahrheitsjägers (210), sein mageres Ergebnis und Erlebnis. Es ist zudem ein verschwenderisches Spiel, den natürlichen Fortpflanzungsvorgängen analog, in denen nur ein Samen, wenn überhaupt, aufgeht. "Ich betrachte eine Anzahl unzusammenhängender Elemente" dozierte William "und entwickle Hypothesen. Aber ich muß viele Hypothesen entwickeln, und manche davon sind so absurd, daß ich mich schämen würde, sie dir zu nennen" (310). Diese Abduktionen müssen, wie oben gesagt, kreativ sein, es kommt darauf an "so viele Wahrheiten wie möglich zu ersinnen" (311). Und ECO macht den Leser mit seiner eigenen Weiterentwicklung der PEIRCEschen Abduktionslehre bekannt, mit dem Ökonomieprinzip. Offensichtlich waren es die Abdrücke eines Pferdes, daß es sich aber um Brunellus handelte, ergab sich aus der Anwendung der Ökonomieregel, die die örtlich/zeitlichen Variablen in die Gleichung einsetzte (vgl. 29) und so zur wahrscheinlichsten (das ist die einfachste) Lösung führte. Verallgemeinert und als Lehrsatz klingt das wie folgt: "Mein lieber Adson, man soll die Erklärungen und Kausalketten nicht komplizierter machen, als es unbedingt nötig ist." (95), denn je geringer die Anzahl der Elemente, um so umfassender die Erklärung (ebd., vgl. S. 268 u.a.). Die sich daraus ergebende Notwendigkeit der (phänomenologischen) Reduktion der Elemente wird erreicht, so lehrt wiederum Sherlock Holmes und macht damit den phänomenologischen Aspekt der Abduktion deutlich, indem man alles ausschließt, was unmöglich ist (CONAN DOYLE: Zeichen, S. 55 u.a.) und die Deckung der Hypothese mit den Fakten vollzieht (ebd.; S.74). Auch Zadigs Goldritter muß als Hypothese aus ökonomischen Gründen ausscheiden, weil eben ein einzelnes Pferd rationeller sei, als ein Pferd mit Reiter (vgl. ECO: Grenzen, S. 323). An anderer Stelle, jedoch mit ähnlichem Ergebnis, als William den Text des Venantius übersetzt (166 ff.), ließe sich die Gesamtheit der Aussagen noch einmal wiederholen.
Vom greisen Alinardus erfährt William zum ersten Mal vom Labyrinthcharakter der Bibliothek, verbunden mit dem fatalen Hinweis auf die Apokalypse des Johannes. Der Franziskaner ist sich dessen zwar nicht bewußt, nimmt von hier ab jedoch diese Matrix an, vor deren Hintergrund dem Leser ein Mißerfolg nach dem anderen präsentiert wird. Mißerfolge Williams sind immer Fehlinterpretationen des Welten-Buches, Verirrungen im Labyrinth der (Mikro)Welt. Wie bereits zu sehen war, sind abduktive Fehlentscheidungen nie zu vermeiden, und dies ist dem mittelalterlichen Detektiv auch nicht anzurechnen, aber als prototypischer Aufklärer, der das "sapere aude" schon vorverinnerlicht hat und mit diesem anthropozentrischen und rationalistischen Selbstbewußtsein an den unbedingten Progreß der Dinge glaubt, kommt ihm die Fallibilität nicht wirklich in den Sinn. ECOs postmoderne Aufklärungskritik ist hier kaum zu übersehen, zumal die Entwicklung im Mikrokosmos Abtei den modernen Makrokosmos Welt antizipiert. Das unterlegte Schema, die Apokalypse, realisiert sich gerade, weil sie vorgeschrieben wurde. Eine Tat läßt sich nicht nur besprechen, denn dieses selbst heißt, die Tat begehen und "jedes Reden über etwas ist zugleich die Verhinderung, daß es selbst spricht" . Das ist die Crux modernen, d.h. vor allem des aufgeklärten, des sich selbst als aufgeklärt verstehenden Philosophierens. Es mag kein dekonstruktives Ziel geben, aber es gibt dieses Verdienst, auf den Sachverhalt hin aufmerksam gemacht zu haben, inklusive die Versuche, diesem letzten Dilemma alles Sprechens zu entgehen.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Williams unbedingter Drang zu wissen, sein faustischer Infinitismus, die Katastrophe nicht nur herausfordert, sondern sie letztlich gar initiiert. Natürlich gab es auch vor und ohne sein Eingreifen mysteriöse Todesfälle, denn schließlich ging es ja nicht um ihn, sondern um das Buch. Es ist aber Kennzeichen eines Kosmos, sich selbst stabilisieren zu können, und so wäre die Abtei ohne äußeres, ohne Williams Eingreifen, welches das Gleichgewicht empfindlich störte, spätestens nach dem Mord am Botanikus und dem Tode des Malachias wieder zur Ruhe gekommen. Williams Eingreifen ist vergleichbar dem archäologischen - es legt frei und führt damit die Zerstörung herbei . Dem ständigen Werden und Vergehen entzieht sich letztlich nichts und niemand, und auch die Bibliothek oder die Abtei wäre irgendwann zugrunde gegangen. Daß es aber in diesem explosiven, apokalyptischen Akt geschieht, ist dem Suchenden zu "verdanken", unabhängig davon, welchen Vorsatz er damit verband. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Sein Anliegen mag ehrenwert sein, das Ergebnis spricht für sich. Nur William, als eigenständiger Autorität, war die Kraft gegeben, die Gesamtdestruktion einzuleiten. Die wissenshungrigen Mönche waren dazu nicht in der Lage. Ihr Tod, verursacht durch das Buch, beweist es.
"Ein abstraktes Modell der Vermutung ist das Labyrinth" (ECO: Nachschrift, S.64). Nur jene werden ihm gewachsen sein, können in der Welt, die "sich aus labyrinthisch zerstückelten Architekturen zusammensetzt" (ECO: Insel, S.58) bestehen, die dem labyrinthischen Dilemma des Seins und Sagens entgehen, indem sie sich vor Augen führen, daß es ein Labyrinth ist, dem zu entkommen, niemandem ermöglicht wird.
Es ist das Wesen des Labyrinths, permanent Entscheidungen zu fällen, diese zu verlangen,

sie zu provozieren und d.h. immer die Möglichkeit, Fehler zu begehen. Das Labyrinth rechnet damit, ja es ist sein einziges und tiefstes Ziel: der Irrtum. Auch der optische Vergleich zwischen FOUCAULTs Gefängnis und ECOs Labyrinth zeigt, wie fließend der Übergang sein kann. Abduktion kann folglich selbst nur abduktiv anerkannt werden.

Allerdings, es existiert eine Form des Labyrinths, die das Gefangensein transzendiert: das Rhizom . Nicht, daß man es wieder verlassen könnte, es kennt einfach kein Außen mehr - Inbegriff und Schmelzpunkt der Freiheit und der Unfreiheit, Anfang und Ende.
Das Mystische. Das Paradoxon.


Literaturverzeichnis:

Beckmann, Jan P.: Pragmatismus. Hagen 1982
Borges, Jorge Luis/Casares, Adolfo Bioy: Gemeinsame Werke. 2 Bände. München 1983
Borges, Jorge Luis: Fiktionen: Frankfurt/M. 1984
Conan Doyle Arthur:
- Eine Studie in Scharlachrot. Zürich 1984
- Das Zeichen der Vier. Zürich 1988
- Der Hund der Baskervilles. Zürich 1986
- Das Tal der Angst. Zürich 1986
- Die Abenteuer des Sherlock Holmes. Zürich 1984
- Die Memoiren des Sherlock Holmes. Zürich 1985
- Die Rückkehr des Sherlock Holmes. Zürich 1985
- Seine Abschiedsvorstellung. Zürich 1987
- Sherlock Holmes’ Buch der Fälle. Zürich 1987
Deleuze, Gilles:
- Kants kritische Philosophie. Berlin 1990
- Logik des Sinns. Frankfurt/M. 1993
- Woran erkennt man den Strukturalismus. Berlin 1992
Deleuze, Gilles/Guattari, Félix:
- Rhizom. Berlin 1977
- Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin 1992
Derrida, Jacques:
- Apokalypse. Graz/Wien 1985
- Die Postkarte. 1. Lieferung. Berlin 1982
- Geschlecht (Heidegger). Wien 1988
Dietzsch, Steffen: Dimensionen der Transzendentalphilosophie 1780-1810. Berlin 1990
Dubost, Jean-Pierre: Einfürhrung in den letzten Text. Stuttgart 1986
Eco, Umberto:
- Apokalyptiker und Integrierte. Frankfurt/M. 1986
- Das offene Kunstwerk. Frankfurt/M 1990
- Das Foucaultsche Pendel. München 1993
- Der Name der Rose. Berlin (Ost) 1989
- Die Grenzen der Interpretation. München/Wien 1992
- Die Insel des vorigen Tages. München/Wien 1995
- Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München 1994
- Im Labyrinth der Vernunft. Leipzig 1989
- Im Wald der Fiktionen. München/Wien 1994
- Kunst und Schönheit im Mittelalter. München 1993
- Lector in fabula. München 1990
- Nachschrift zum Namen der Rose. München 1987
- Platon im Striptease-Lokal. München 1993
- Semiotik – Entwurf einer Theorie der Zeichen. München 1991
- Semiotik und Philosophie der Sprache. München 1985
- Über Spiegel und andere Phänomene. München 1993
- Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge. München/Wien 1993
- Zwischen Autor und Text. München/Wien 1994
Eco, Umberto/Sebeok, Thomas A (Hg.): Der Zirkel oder im Zeichen der Drei. Dupin, Holmes, Peirce. München 1985
Feyerabend, Paul:
- Über Erkenntnis. Zwei Dialoge. Frankfurt/New York 1992
- Wider den Methodenzwang. Frankfurt/M. 1986
Foucault, Michel:
- Von der Subversion des Wissens. Frankfurt 1987
- Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin 1976
- Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt/M. 1993
Hofstätter, Peter: Gruppendynamik. Kritik der Massenpsychologie. Reinbek 1993
Horkheimer, Max: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt/M. 1992
Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Frankfurt 1989
Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. München 1977
Nagl, Ludwig: Charles Sanders Peirce. Frankfurt/M. 1992
Oehler, Klaus: Charles Sanders Peirce: München 1993
Peirce, Charles Sanders: Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. Frankfurt 1991
Popper, Karl:
- Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. Hamburg 1994
- Das Elend des Historizismus. Tübingen 1987
- Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Tübingen 1992
Röttgers, Kurt:
- Der kommunikative Text und die Zeitstruktur von Geschichten. Freiburg/München 1982
- Französische Philosophie der Gegenwart I. Der Mensch. Philosophien der Immanenz des Menschen. Hagen 1988
- Spuren der Macht. Begriffsgeschichte und Systematik. Freiburg/München 1990
- Texte und Menschen. Würzburg 1983
Singer, Peter: Praktische Ethik. Stuttgart 1984
Sloterdijk, Peter:
- Der Zauberbaum. Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahr 1785. Ein epischer Versuch zur Philosophie der Psychologie. Frankfurt 1987
- Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik. Frankfurt 1989
- Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt 1983
- Weltfremdheit. Frankfurt 1993
- Zur Welt kommen - Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen. Frankfurt 1988
Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Frankfurt/M. 1991

Für zahlreiche und anregende Anmerkungen habe ich Frau Prof. Monika Schmitz-Emans (Bochum) zu danken.

 

 

Im Laufe der letzten drei, der aufgeklärten Jahrhunderte, hat man sich jenes ominösen Wissenschaftsideals verschrieben, das sich den schwergewichtigen Namen "Objektivität" verlieh. Es hätte sich wohl kaum halten können und würde nicht noch heute die Wissenschaftsgeister benebeln, wenn es nicht imstande gewesen wäre, seine Schlüssigkeit eindrucksvoll zu demonstrieren, seine unbezweifelbaren Wunder zu wirken, die zu nichts Geringerem dienen als zum Glauben - an sich selbst - zu erziehen. Und so wie der Christ an Christus, so glaubt der moderne Wissenschaftler, und mit ihm der moderne Mensch, sofern er an und dem modernen Wissenschaftler glaubt, an den Wert und das Sein der Objektivität. Das betrifft den Naturwissenschaftler nicht weniger als den Mann des Geistes. Allein, es erwachsen immer wieder einmal Phänomene, seien sie nun natürlicher oder künstlicher, menschlicher Art, die diesen Glauben fundamental erschüttern und damit den objektivierten Menschen, in all seiner unverhofften Ratlosigkeit, noch tiefer in den Glauben treiben.

Ein literarisches Phänomen, ein Autor wie Stefan George, darf dafür als exemplarisch gelten. Wie selten, läßt sich an seinem Werk und an seiner Person die Vielfalt der Bewältigungsstrategien in allen Schattierungen und Extremen nachvollziehen. Das meint den Hang zum Vergessen und Verschweigen nicht minder als die Versuche, in ihm den poetischen Messias auszumachen, meint die harschen, gnadenlosen Kritiken ebenso wie die Aufgabe jeglicher Kritikfähigkeit, meint vor allem die unzählbaren Varianten innerhalb dieser Pole. Was Wunder also, wenn nahezu alle Versuche einer, wie auch immer gearteten Annäherung und Auseinandersetzung mit dem Schaffen Georges, literaturwissenschaftlicher, philosophischer, philologischer oder einfach essayistischer Art, was Wunder also, wenn sie sich vor allem dadurch kennzeichnen lassen, daß sie eben diese ominöse Objektivität für sich beanspruchen, wohl kaum ahnend, welch paradoxe Schlinge die so heraufbeschworene Objektivität auslegt, in der noch jeder Objektivist sich verfangen hat. Denn es ist gerade die einbekannte Objektivität, die sich selbst, die die tatsächliche Objektivation verunmöglicht. Mit anderen Worten: jegliche Apodiktizität, inklusive dieser hier, jeglicher diskursive Terrorismus, jedes "so-und-nicht-anders-ist-es-gewesen", jeder Versuch, nachweisen zu wollen, wie etwas - ein historisches Ereignis, eine Person, ein Text etc. - "wirklich war", verhindert Objektivität, verschleiert Gewesenheit, entwirklicht Wirklichkeit. Nur eines ist wirklich gewiß: So, wie es wirklich war, wie es im Nachhinein gewesen sein soll, so gerade war es in Wirklichkeit nicht, eben weil es so gewesen sein soll, eben weil es als Objektivität mißbraucht wurde. Um es ein drittes Mal, nun im Schutzmantel des Paradoxes zu sagen: Es gibt, objektiv gesehen, keine Objektivität. Misstraue man daher jedem, der einen Satz mit "Es gibt, objektiv gesehen..." formt. Auf den Fall George bezogen, muß demnach konstatiert werden, daß uns nahezu alle vermeintlichen Annäherungen an den "Meister", wie er sich gern nennen ließ, aufgrund ihres Objektivitätsanspruches, der obigem Paradox nicht zu entkommen weiß, tatsächlich von ihm entfernen.

Im Ostneuhochdeutschen oder auch im Klassenkämpfervokabular mag man von Ideologiebelastung sprechen. Kurz und bündig: George verleitet zu quasi-biblischen Vereinfachungen: "Wer nicht für mich ist, der ist wider mich" und: "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein". Und nahezu alle sind der Versuchung erlegen, die Apologeten ebenso wie die Opponenten.

Für Brecht, in dem man den eigentlichen dichterischen und weltanschaulichen Antipoden ausmachte, war George einer, dessen literarische Formen selbstgefällig, dessen Ansichten belanglos sind, der wohl viele nur schön eingebundene Bücher gelesen habe und mit Leuten verkehre, die von Renten lebten. Dagegen hielt ihn Thomas Mann wiederholte Male für eine hohe und rein nationale Angelegenheit, für den großen Dichterruhm der Zeit, für einen revolutionären und herausfordernden esoterischen Spracherneuerer, für einen Bildner und Erzieher deutscher Menschlichkeit, den er in eine Reihe von vielgeehrten, bewunderten Nichtdemokraten - Luther, Goethe, Schopenhauer und Nietzsche - stellt, oder den er - mit Nietzsche, Hamsun und Klages - zu den großen Feinden des "Geistes" und der "Zivilisation" zählt. Fritz Mauthner sah in den Versen Georges ungenießbare Früchte auf silbernem Tablett, Artistenlyrik und den Versuch, den Leser zu foppen, während sie für den jungen Georg Lukacs den Inbegriff des Ästhetischen und für Georg Simmel den vielbewunderten Eintritt in die höchste Stufe der Kunst, die l'art pour l'art bedeutet, die sich, wenn überhaupt, nur noch mit dem Besten Goethes vergleichen ließe. Arnold Zweig hingegen zog eine klare Linie, die von Georges "Neuem Reich" zum Dritten Reich ginge und hielt ihn zudem für einen ziemlich plumpen Plagiator der Droste-Hülshoff.

Wie aber, diese Frage bleibt bestehen, kommt eine solche Attraktion in aufgeklärten Zeiten zustande, wie vermag es ein Mensch, die empfindsamsten Gemüter, die intelligentesten Geister seiner Zeit in seinen Bann zu ziehen, und sei es nur, daß sie ihn verteufelten, daß sie ihm in der Negierung am meisten erlagen. Denn nicht derjenige ist ein Antichrist, der dies von sich glauben machen will und daher den Tod Gottes bekannt gibt, hat er doch den Gott im Tötungsakt schon er- und anerkannt, betet er ihn in diesem Akt doppelt an, sondern allein der große Ignorant, "der große Kranke, der große Verbrecher, der große Verdammte - und der Allwissende" - um mit Rimbaud zu sprechen -, vor allem aber der Nichtwissende, kommt im Unbekannten an. Wie aber kann man einer solchen Faszination entkommen? Nicht etwa indem man seine eigene Subjektivität als reine Objektivität deklariert, auch nicht durch die Chimäre Objektivität selbst, sondern, so will es scheinen, nur durch die Distanz, durchaus nicht durch ein Pathos der Distanz, sondern durch die Distanz zum Pathos. Und Distanz impliziert selbstredend Akzeptanz, als auch Differenz. Nur so ist einem charismatischen Menschen und einem genialen Lyriker zu begegnen, mag er uns auch noch so verführen wollen.

Uns, den Zu-spät-Gekommenen, hilft dabei die historische Entfernung. Der Mensch Stefan George, der 1933, früh gealtert und ergraut, 65-jährig starb, ist nicht mehr. Seine Stimme, sein Gang, Mimik und Gestik, seine Ruhe, seine gesetzte, gelassene und doch bestimmte, ja herrische Rede, vor allem aber seine bannenden Augen, lassen sich nur noch in der Reproduktion vergegenwärtigen, aber selbst die über fünfzigjährige Entfernung läßt noch erahnen, welch auratische Ausstrahlung dieser Kopf gehabt haben muß. Man sehe sich nur die Photographien an. Selten hat sich ein Mensch derart bildlich inszeniert, so karg wie wirkungsvoll. Es existieren nur wenige Bilder, die ihn in einem Moment zeigen, den er nicht bestimmt hat und selbst diese Abbildungen lassen erahnen, weshalb sein Antlitz ungezählte Male Vergleiche herausforderte, vor allem mit Dante, aber auch Alexander oder Napoleon.

Hören wir Hugo von Hofmannsthal, noch als Gymnasiast, den George zu Zeiten kennenlernte, in gewisser Weise entdeckte, als das literarische Wien noch kaum Notiz von ihm nahm und den er, fast wie eine Frau, liebend umwirbt, um, wie er sagte, "eine Vereinigung derer, welche ahnten, was das Dichterische sei", herbeizuführen. Dieser Hofmannsthal schreibt an George:

 

Herrn Stefan George
einem, der vorübergeht.

du hast mich dinge gemahnet
die heimlich in mir sind
du warst für die saiten der seele
der nächtige flüsternde wind

und wie das rätselhafte
das rufen der athmenden nacht
wenn draußen die wolken gleiten
und man aus dem traum erwacht

zu weicher blauer weite
die enge nähe schwillt
durch pappeln vor dem monde
ein leises zittern quillt.

 

Die existentielle Angst, die sich hinter solchen Zeilen verbirgt, wird ihre Berechtigung gehabt haben und wenig später vergräbt Hofmannsthal ein weiteres Gedicht in seinem Tagebuch, das den bezeichnenden Titel "Der Prophet" trägt und charakterisierende Zeilen wie die folgenden enthält:

 

Er aber ist nicht wie er immer war.
Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar
Von seinen Worten, den unscheinbar leisen

Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen
Er macht die leere Luft beengend kreisen
Und er kann töten, ohne zu berühren.

 

Viele hervorragende Geister vermochten es freilich nicht, dem Sog des Charismas zu entfliehen, und so sehen wir den Dichter, der einst, in seinen frühen Werken, einem Kult der Einsamkeit huldigte, von einer Schar hochbegabter Existenzen umgeben, welche man seine Jünger nannte. Unter ihnen große Namen: allen voran Friedrich Gundolf, wohl treuester Schüler Georges, der selbst, nachdem er vom Meister verstoßen wurde - er wagte, sich zu ehelichen und noch dazu eine Frau, die George nicht für Wert erachtete - bis zu seinem Tode zumindest im Geiste hörig blieb. Gundolf, Verfasser bahnbrechender Literatenbiographien, darunter, neben der obligatorischen George-, auch eine voluminöse Goethebiographie, gilt als Nestor der geistesgeschichtlichen Literaturtheorie. Unter ihnen auch der Philosoph Ludwig Klages, ein, wenn nicht der Vorreiter des fundamentalökologischen Gedankens, oder Karl Wolfskehl, ein genialischer enzyklopädisch gebildeter und hyperintelligenter Mensch von überschäumendem Temperament, dessen Vergessenheit eine wirkliche Tragödie darstellt. Oder Ernst Bertram und Friedrich Wolters, konservative Philosophen, die mit ihren Arbeiten zu Nietzsche und Platon nationalen Rang erlangten. Und vergessen wir nicht die jüngere Generation, Max Komerell etwa, Norbert von Hellingrath, dem die deutsche Literatur große Teile des Hölderlinschen Werkes zu danken hat und der den Tübinger Poeten verstärkt ins öffentliche Bewußtsein rückte. Ähnliche Verdienste kann George und der Kreis um das Werk Jean Pauls beanspruchen. Vergessen wir auch nicht, obwohl viele, nicht weniger Verdienstvolle ungenannt bleiben, die Stauffenberg-Brüder, allein schon um die leidige Debatte, der 1933 verstorbene George sei Wegbereiter des Nationalsozialismus gewesen, mit verneinenden Argumenten zu füttern. Ob es eine Schuld sei, daß sich George nicht gegen das herannahende Hitlerregime - als faschistisches - öffentlich geäußert hat, mag ein politischer Diskurs debattieren, berührt die poetologischen Grenzen jedoch kaum. Im Übrigen hatte schon Adorno, der George-Verse übrigens vertonte, in der Tat Stauffenbergs eine Entsühnung für jene Schuld Georges gesehen, die in den Erniedrigungen zum Preise des Führertums auszumachen sei.

Dies alles sollte Warnung sein und von vornherein den Versuch fraglich erscheinen lassen, sich auf einen seiner Exegeten oder Interpreten zu verlassen, ohne ausschließen zu wollen, daß viele dieser Werke lesens- und wissenswert sind. Ein Autor wie dieser jedoch zwingt regelrecht dazu, sein höchsteigenes Werk zu betrachten, und zwar ohne die getönte Brille der Objektivität und, seien wir ehrlich, welch größeres Lob kann ein Werk sich aussprechen, als daß es auf sich selbst verweist.

Ein Gedicht, ein zartes Gebilde in der Regel, selbst wenn es, wie oft bei George, gemeißelt zu sein scheint, muß zerbrechen beim Hin- und Herwenden, Befühlen, Beleuchten, Betasten und Belasten; ein Gedicht läßt sich nicht befragen und wenn man es dennoch tut, so hat man die Idee des Gedichtes bereits verraten. Dies gilt um so mehr bei geheimnisvollen Poesien, bei Gedichten, die sich hermetisch zu verschließen wagen, die man zwar, wie Peter Szondi schon schrieb, zu entschlüsseln versuchen könne, aber stets eingedenk ihres Verschlüsselungscharakters, stets eingedenk ihrer Hermetik, die es konstituiert. Es wäre nicht mehr dieses Gedicht, wenn sein Geheimnis - und sei dies auch nur vorgeschützt - ausgeplaudert würde, wenn es, statt entschlüsselt, aufgebrochen, wenn es schließlich seines transzendentalen Herzens beraubt würde.

Beschauen wir es uns also, das Werk Georges, das sich in wenigen ausgewählten Gedichten zu erkennen geben soll, ohne daß es erkannt werden wird und stets eingedenk der vergewaltigenden Verführungsgefahr, die der mitunter sirenengleiche Sang darstellt. In seinem bedingungslosen Streben, sich rein auf das Wesentliche, die Grundsubstanz zu konzentrieren, verzichtete der Dichter - soweit ich sehe, ist auch dies außergewöhnlich - weitestgehend auf poetologische und metaphysische Aussagen außerhalb des gedichteten Wortes. Dieses selbst also kann allein, wenn überhaupt, poetologische Positionen enthalten, mehr noch - man darf es vorwegnehmen - es ist die Poetik selbst.

Schon in den Knabenjahren zieht es George zur Dichtung, besser noch: zur Sprache. Er kreiert, wohl aus lateinisch-romanischen Versatzstücken, eine Geheimsprache, beginnt Verse zu übersetzen, Petrarca und Ibsen, wozu er sich die italienische und norwegische Sprache aneignet. Insgesamt wird er als Umdichter, wie er es nennt, weltliterarische Werke aus sieben Sprachen dem deutschen Publikum nahelegen, darunter große Teile der "Göttlichen Komödie", der "Blumen des Bösen", aber auch Verse von Rimbaud, Verlaine, Swinburne, d'Annunzio und auch Shakespeares Sonette. Allein diese Arbeiten wären bleibendes Verdienst, denn wenn auch nicht an übersetzerischer Exaktheit, so doch an dichterischer Einfühlsamkeit, an poetischer Kongenialität, sind Georges Übertragungen weithin unübertroffen.

Bald zieht es ihn in die Fremde - er lebte in den Kulturmetropolen Europas - und bereits sein erster Parisaufenthalt beschert ihm die zufällig zustande gekommene, aber fast schicksalhafte Bekanntschaft mit den gefeierten Dichtern des Parnass, mit Poeten wie Verlaine, de Regnier, vor allem aber mit Mallarmè, dem elitären "maistre" der sogenannten Symbolisten. In dessen Kreis, dem er zeitweise beiwohnen durfte, fand er seine eigenen ästhetischen Ansichten bestätigt und erhielt er wesentliche Eindrücke. 1890/91 erscheinen die ersten schmalen Gedichtbände des exzentrischen Dichters, die programmatisch Zeugnis ablegen von seinem frühen l'art pour l'art - Ideal. Er schreibt über seine Lyrik: "Sie will geistige kunst auf grund der neuen fühlweise und mache - eine kunst für die kunst" sein und sie realisiert diese Ansprüche mit Hilfe eines strengen Elitarismus und Ästhetizismus, der sich schon oberflächlich, formal zu erkennen gibt, etwa in Form einer extravaganten, oft antikisierenden Orthographie, in der Kleinschreibung aller Wörter, in einer eigenen Schrifttype und im weitestgehenden Verzicht auf Interpunktion, was vor allem ein Überlesen verunmöglicht und intensive Beschäftigung verlangt, aber auch das Demiurgische des Dichtungsaktes betont und symbolisiert. Schließlich bezeugt er auch, wie Gundolf schrieb, den "Willen zur letzten Einfalt, zur harten Schlichtheit und dichten Sachlichkeit". Sein erstes Gedicht bereits verkündet ein Programm; es heißt "Weihe". Es stellt den Beginn der modernen deutschen Lyrik dar - sagt man.

 

Hinaus zum strom! wo stolz die hohen rohre
Im linden winde ihre fahnen schwingen
Und wehren junger wellen schmeichelchore
Zum ufermoose kosend vorzudringen.

Im rasen rastend sollst du dich betäuben
An starkem urduft · ohne denkerstörung ·
So dass die fremden hauche all zerstäuben.
Das auge schauend harre der erhörung.

Siehst du im takt des strauches laub schon zittern
Und auf der glatten fluten dunkelglanz
Die dünne nebelmauer sich zersplittern?
Hörst du das elfenlied zum elfentanz?

Schon scheinen durch der zweige zackenrahmen
Mit sternenstädten selige gefilde ·
Der zeiten flug verliert die alten namen
Und raum und dasein bleiben nur im bilde.

Nun bist du reif · nun schwebt die herrin nieder ·
Mondfarbne gazeschleier sie umschlingen ·
Halboffen ihre traumesschweren lider
Zu dir geneigt die segnung zu vollbringen:

Indem ihr mund auf deinem antlitz bebte
Und sie dich rein und so geheiligt sah
Dass sie im kuss nicht auszuweichen strebte
Dem finger stützend deiner lippe nah.

 

Zwei Jahre darauf läßt George "Algabal", seinen dritten Gedichtband erscheinen, der die Entwicklung - nicht nur die persönliche - zum Höhepunkt treibt und sie zugleich beendet. Daher müssen wir an diesem Ort ein wenig verweilen.

Mit "Algabal" versuchte der Dichter, sich seiner Auserwähltheit bewußt, und seiner Meisterschaft bewußt werdend, das schlichtweg Unerhörte zu schaffen und damit sich selbst als Meister zu inthronisieren. Das Unerhörte evoziert sowohl das bislang Ungesehene - vor allem auch das Auge wird in diesen Dichtungen erregt -, das Unvorstellbare des Bildes, als auch die bizarre Strenge des verdichteten Wortes. Es verkörpert das eigentümliche Paradox, schwülstigen Byzantinismus, geprägt von überbordenden künstlichen Farben und Formen, mit glasharter, geschliffen scharfer, auf ein Minimum reduzierter Sprachprägnanz zusammenzubringen. Mit fast lächerlicher Ernsthaftigkeit versucht der Poet ein derartiges Unmaß an Schön- und Vollkommenheit über dem Leser auszugießen, zwingt er ihn zur Wahrnehmung dessen, was man heutigentags als "Reizüberflutung" bezeichnen würde, daß diesem kaum eigener Entscheidungsspielraum bleibt und er sich entweder bewundernd hin- und aufgibt oder angewidert zurückschaudert. Da heißt es, sich einem scheinbar unbeugsamen Willen unterwerfen, dem Willen Algabal-Georges, der sich nicht nur für den Herrscher über die Menschen, sondern auch über die (selbsterschaffene) Natur wähnt.

 

Der schöpfung wo er nur geweckt und verwaltet
Erhabene neuheit ihn manchmal erfreut ·
Wo ausser dem seinen kein wille schaltet
Und wo er dem licht und dem wetter gebeut.

 

Dieser neue, herrische Wille teilt sich auch im Konzept mit, denn mit dem "Algabal" liegt erstmals ein Zyklus, ein dreigliedriger, vor. Im "Unterreich" wird eine rein artifizielle Welt dargestellt, die sich im zweiten Abschnitt "Tage", einer hochstilisierten Alltäglichkeit, sprich dem bloßen Dasein des jugendlichen Kaisers aussetzen muß, und endet schließlich im "Die Andenken" überschriebenen Teil, was selbstredend die hybriden Andenken des Kaisers meint. Unschwer war hier die historische Gestalt des Heliogabalus auszumachen, des knabenhaften römischen Kaisers syrischer Abstammung aus dem dritten Jahrhundert, der sich selbst den Namen seines Gottes, des Sonnengottes, verlieh, damit den Sonnengottkult auf seine eigene Person ummünzend. Längst allem Menschlichen fremd, schafft er sich eine künstliche Welt, in der jeder verbindlich sittliche Gedanke einer unbedingten, besser: einer bedingungslosen Ästhetik geopfert wird. Diese selbst vielmehr wird Maß und Wert des Handelns.

 

Wenn um der zinnen kupferglühe hauben
Um alle giebel erst die sonne wallt
Und kühlung noch in höfen von basalt
Dann warten auf den kaiser seine tauben.

Er trägt ein kleid aus blauer Serer-seide
Mit sardern und safiren übersät
In silberhülsen säumend aufgenäht ·
Doch an den armen hat er kein geschmeide.

Er lächelte · sein weisser finger schenkte
Die hirsekörner aus dem goldnen trog ·
Als leis ein Lyder aus den säulen bog
Und an des herren fuss die stirne senkte.

Die Tauben flattern ängstig nach dem dache
"Ich sterbe gern weil mein gebieter schrak"
Ein breiter dolch ihm schon im busen stak ·
Mit grünem flure spielt die rote lache.

Der kaiser wich mit höhnender gebärde . .
Worauf er doch am selben tag befahl
Dass in den abendlichen weinpokal
Des knechtes name eingegraben werde.

 

Um es noch einmal verdeutlichend zu wiederholen, was da geschieht: der lydische Sklave, der bei untertäniger Geste, bei der Huldigung, die Tauben des Kaisers aufschreckt, gibt sich selbst den Tod, um diese Schuld zu sühnen. Kein Wort fällt über die menschlich - ethischen Dimensionen einer solch unglaublichen Tat, die in obigem Kontext allerdings nahezu profan, logisch wirkt, stattdessen wird der ästhetische Eindruck manifestiert, ein Farbspiel konstatiert, das das Rot des noch warmen Blutes auf dem Grün des kalten Marmor hervorbringt:

 

Mit grünem flure spielt die rote lache

 

Doch ist der Knecht nicht umsonst gefallen: "mit höhnender gebärde", die man zu Recht auch zynisch hätte nennen können, holt der Gott-Kaiser ihn in die Existenz zurück - als einmalige Namensgravur im abendlichen Weinpokal. Wenig später unterstreicht die Duplizität der Situationen den Hyperästhetizismus des misanthropischen Aristokraten. Die Reaktion auf die vom Kaiser befohlene Enthauptung des Bruders, genügt sich in der schönen, erhabenen Geste:

 

Hernieder steig ich eine marmortreppe ·
Ein leichnam ohne haupt inmitten ruht ·
Dort sickert meines teuren bruders blut ·
Ich raffe leise nur die purpurschleppe.

 

Es scheint nachvollziehbar, wenn hier die Verwandtschaft von Kunst und Tod hervorgehoben wurde (David), ohne freilich darauf hinzuweisen, daß damit auch der Tod der Kunst herbeigeführt wird: ihr Kältetod oder - ihre Einlösung. Sowohl Schöpfer als auch Geschöpf wissen um das Dilemma des Schöpfen-Müssens, um den Zwang zur Neuheit, die sich stets selbst überlebt. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal:

 

Der schöpfung wo er nur geweckt und verwaltet
Erhabene neuheit ihn machmal erfreut ·
Wo ausser dem seinen kein wille schaltet
Und wo er dem licht und dem wetter gebeut.

 

George, der mit Algabal zwar nicht die Geschichte, wohl aber das Schicksal teilt, erfaßte damit nicht nur sein eigenes Dilemma, sondern auch das der Moderne: sie stößt an ihre anthropologischen Grenzen, schon weil das Neue nie in Ewigkeit neu sein kann - denn weil es neu ist, muss es altern - ist es somit verdammt, Mode zu werden. Diese aber scheut der moderne, der exklusive Geist wie der Teufel das Weihwasser - und bringt sie doch mit jeder Neuheit zwanghaft hervor. Ihr ist nicht (mehr) zu entkommen; man kann sie lediglich entkommen lassen. Nur indem man die Mode entkommen lässt, lässt man sie auch hinter sich. Rimbauds Diktum: "Man muss unbedingt modern sein", wird an dieser Stelle von George zum letzten Mal wahrhaft ernst genommen und an die Grenzen seiner Wirksamkeit getragen, wo es absurd oder lächerlich, in beiden Fällen aber sinnlos wird.

Mit "Algabal" legte George ein Werk vor, das dichterische Grenzen, d.h. Grenzen des Verdichtens, aufzuspüren versucht, manchmal auch überschreitet, das den Saum des dichterischen Landes berührt, indem es paradoxerweise wagt, die poetischen Potentiale der Sprache zu entgrenzen, ein Werk, das man, mit Dubost, einem Philosophen aus dem Umkreis Derridas, als "letzten Text" bezeichnen darf, als eine letzte Form des Sagbaren.

Man kann Moderne als jenen geistesgeschichtlichen Zustand charakterisieren, der die Grenzen der Sagbarkeit auszuloten versucht, der aufgrund eines unbedingten Wollens das stets Neue, noch nie Dagewesene, das Originelle zu produzieren strebt, kurz, der aufgrund seines inhärenten Dranges zum habenden Fort-Schreiten, letzte Möglichkeiten schaffen will, letzte Texte vor allem, Marksteine, die dem Finder Unsterblichkeit garantieren sollen. Friedrich Gundolf spricht das in seinem oft nebulösen George-Buch seltsam klar und deutlich aus: "Jeder echte Künstler will das schlechthin Neue, d.h. Ursprüngliche, jeder 'Schöpfer' das Ungewesene das durch ihn erst entsteht. George ist hier der Gipfel und das Ende jener dichterischen Kunst von der Flaubert, Baudelaire, Mallarmé, Huysmans geträumt haben". So, wie man heute noch die mutmaßlichen Beginner verehrt, Menschen und Mythen wie Homer, Solon, Platon und Aristoteles, so wird man die Beschließer, die Finalisten ehren, insbesondere in der Moderne, die den Gewinn für einen höchsten Wert erachtet. Dass die Rechnung scheinbar aufgeht, beweist ein so gewaltiger Geist wie der Hegels oder ein so radikal offener wie der de Sades und beide wiederum verweisen auf die historische Wurzel der Moderne, auf die Aufklärung. Man muss jedoch wissen, dass es unabsehbar viele Formen von letzten Texten geben kann und allein schon diese Tatsache mag ein solches Projekt, den letzten Satz sagen, letztlich das letzte Wort haben zu wollen, ad absurdum zu führen. Wiederum ist der letzte Text als Endpunkt eines modernen Tentakels, Ausgangspunkt für neue Formen, Ebenen von Texten, und es scheint daher nur zwangsläufig, wenn Hegel und de Sade - um bei den exemplarischen Beispielen zu bleiben - als Sprungbretter in die sogenannte Postmoderne dienen, ja es muss daher auch gestattet sein, selbiges bei George zu wagen, der, um auf den Anlass zurückzukommen, mit dem Algabal-Zyklus einen solchen letzten Text schuf, sich damit als Mustermoderner empfiehlt, mit Grenzüberschreitungsoption via Postmoderne. George freilich nimmt die Option nicht wahr, vielmehr regrediert er von seinem auf die Spitze getriebenen Ästhetizismus in eine rasch radikalisierende Ethik, gewissermaßen in einen Ethizismus, und das, obwohl er geahnt haben muss, dass gerade die Aufhebung ethischen Denkens auf der Tagesordnung steht, eine Aufhebung zu Gunsten eines, man darf sagen, mystischen Holismus - was im übrigen schon von Nietzsche her zu erfahren war. Überhaupt zielt Moderne stets auf das Einzige, Ewige und anhand Georges kann man exemplarisch nachvollziehen, dass die Entfernung von dem einen Pol des Einzig- und Ewigkeitsdranges, vom Monismus, zum anderen, dem Holismus nicht groß sein muss. Georges früher Kosmopolitismus hat diese Entwicklung hin zur Ganzheitlichkeit, zum Holismus also, sicher gefördert, prinzipiell erklärte sich damit jedoch, weshalb heutigentags oft die Konservativen die Revolutionäre sind.

Seine nun folgenden Werke sind gekennzeichnet von diesem Ringen der Allschau mit den engen moralischen-didaktischen Einzäunungen, und so wie der Dichter der mittleren Jahre die Zucht, die Reinheit, die Strenge propagierte, also ethische Werte, so scheint das Spätwerk Spuren von zur Ganzheitlichkeit drängender Altersweisheit aufzuweisen. Verfolgen wir diese Entwicklung, weniger des Beweises wegen als um sie verständlich zu machen, anhand des Schaffens. Das Bewusstsein, mit dem "Algabal" einen letzten Text geschaffen zu haben, muss man einem, trotz aller Strenge, so sensiblen Geiste unbedingt zugestehen und eine Äußerung wie diese: "denn was ich nach dem Algabal noch schreiben soll, ist mir unfaßlich", die einem Brief an Hofmannsthal entstammt, mag das unterstützen. Aber George hatte gerade die Mitte seiner zwanziger Jahre durchschritten und besaß, wie wir sahen, schon von früh ein klares Sendungsbewusstsein. Seine frühe Flucht in die Weltfremdheit geschah in Siebenmeilenstiefeln und schon mit "Algabal" erreicht er die äußerste Sphäre, die man nur verstummend oder tot überwinden kann. Für ihn musste es folglich, und genau das beschreibt die Signatur der Moderne, weitergehen, weil er, etwa im Gegensatz zum genialischen Rimbaud, der, wie man weiß, mit 19 Jahren seine letzten Verse schrieb und danach Händler wurde, ein Ziel, ein Ideal, eine Utopie besaß, besitzen wollte. Und weitergehen hieß erst mal zurück in die Welt, hieß Kontaktaufnahme mit den Realitäten und hieß auch Arrangement mit den Hässlichkeiten dieser Welt. Von nun an wird der uneingestandene Verlust an Esoterik oftmals durch Attitüde ersetzt, die geheimnisvolle Geste verschleiert nicht selten das Fehlen eines eigentlichen Geheimnisses, einer tragfähigen Idee.

Mit dem letzten Gedicht des Algabal - Zyklus, "Vogelschau", dem vielleicht vollkommensten, manifestiert, im Sinne des Wortes, George noch einmal - wahrscheinlich um den Abschied wissend - eindrucksvoll seinen l'art-pour-l'art-Ästhetizismus (wobei es die üppigen Alliterationen zu beachten gilt, einem häufigen Stilmerkmal der Georgeschen Dichtungen und der Klangspur der weichen "W" - und "Sch" - Laute, die mit der atmosphärischen Klarheit opponieren). Klang- und Farbsignale buhlen zugleich um die Perzeptionsgunst des Lesers:

 

Weisse schwalben sah ich fliegen ·
Schwalben schnee- und silberweiss ·
Sah sie sich im winde wiegen ·
In dem winde hell und heiss.

Bunte häher sah ich hüpfen ·
Papagei und kolibri
Durch die wunder-bäume schlüpfen
In dem wald der Tusferi.

Grosse raben sah ich flattern ·
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am grunde über nattern
Im verzauberten gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen ·
Schnee- und silberweisse schar ·
Wie sie sich im winde wiegen
In dem winde kalt und klar!

 

Daraus lässt sich noch eine letzte, wenn auch nicht abschließende Schlussfolgerung ziehen, die sich um den "Wert" der Lyrik sorgt. Wenn sie, die Lyrik, nämlich das Versprechen halten kann, das sie gattungsbedingt gibt, dann ist in ihr jener Raum zu verorten, in dem die Innerlichkeit am Äußerlichsten ist, aus dem Tiefsten schöpft und nach Außen bringt, der Ort also, an dem das Ich sich am weitesten vorwagt. Dies angenommen, kann hier etwas vorgefunden werden, dem weder die alternativen Formen der Literatur noch die Philosophie je so nahe kommen könnte - und vielleicht noch nicht mal die Anschauung. Bei Stefan George freilich, stimmt das so nicht mehr, da das Ich, statt den Weg an die Oberfläche zu suchen, sich im Kunstwerk, im Ge-Dicht verschanzt, mit dem Gedicht verflicht, so dass ein Entwirren kaum noch möglich scheint. Damit hat die Lyrik eine ihrer tradierten Hauptaufgaben, ihren Botschaftscharakter, verloren, um eine neue zu gewinnen: sich selbst. Das Ich zieht sich ins Ge-Dicht zurück und verweist den Leserblick auf "es", statt auf sich.

Da diese Lyrik um ihrer selbst willen, die Kunst um ihrer selbst willen, entsteht, da sie weder Ursache noch Ziel zu benennen weiß und nur aus sich selbst heraus lebt und in sich selbst untergeht, da ihr einziger unhintergehbarer Zweck die Zwecklosigkeit ist, büßt sie ihr expansives Gewaltpotential weitestgehend ein und wird, quasi als Liturgie, als praktizierte ewige Wiederkehr des Gleichen zum Hohepriester der Gelassenheit. Sie unterscheidet sich dabei wesentlich von der vom Mittel zum Zweck mutierten Wissenschaft dadurch, dass sie inhärent die alles entscheidende Frage Wozu? stellt, bzw. deren positive Beantwortung in Hinblick auf einen moralischen Wert verweigert, während die Wissenschaft, sofern sie die Frage nicht längst schon verdrängt hat, stets antworten wird: um fortzuschreiten, um zu wissen... und was es dergleichen leere Legitimationsformeln noch gibt. Das ist bei den technischen Wissenschaften unmittelbar evident, betrifft unter den Geisteswissenschaften vor allem die Geschichtsforschung. Georges Credo hingegen ist im "Siebenten Ring" festgehalten, interessanterweise in einem Spruch an Gundolf ("warum" heißt hier offensichtlich "wozu"):

 

Warum so viel in fernen menschen forschen und in sagen lesen
Wenn selber du ein wort erfinden kannst dass einst es heisse:
Auf kurzem pfad bin ich dir dies und du mir so gewesen!
Ist das nicht licht und lösung über allem fleisse?

 

Aber tun wir nicht gerade genau dies: In fernen Menschen forschen, in Sagen lesen? Gilt der Vorwurf nicht uns selbst, in diesem Augenblick, sollten nicht auch wir uns von allem "fleisse" lösen? Nein, denn es geschieht nicht zweckfrei, insofern wir den einzigen Zweck, auch dieser Veranstaltung, in der Zwecklosigkeit ausmachen, indem wir, statt auf Ethik und Tat, statt auf Moralismen und Verhaltensmaßregeln und was man nicht alles noch tun müsste, auf Ästhetik und Kontemplation, auf Schönheit und Ruhe verweisen. Auf eine reflexiv gefüllte Ruhe, die uns, aufgrund ihrer Fülle wiederum nur auf sich selbst verweist. Im Dichten, wie überall, aber besonders im Dichten hat das Denken Primat und wie stets ist Denken, reines Denken ursache- und daher schuldlos.

Georges Modernismus ist ein Antimodernismus, das Gründungsdokument der modernen Literatur verkündet seine eigene Negation, die Negation der Modernität. Daraus resultiert Georges brisante Aktualität. Aber es ist auch, vor allem in formaler Hinsicht, ein Hypermodernismus; beides zusammen umschreibt die tiefe Ambivalenz dieses Geistes. So richtig will das, aus heutiger, distanzierter Sicht nicht zusammenpassen. Man wird Adorno zustimmen müssen, der das auffällige "Mißverhältnis zwischen dem wollenden Eingriff und dem Schein des gelösten, unwillkürlichen Worts" hervorhob. Vergessen wir auch nicht, dass diese Ambivalenz die Moderne seit Beginn an prägt; man denke nur an Baudelaires Bilder des Großstadtmolochs, die von erschreckender Schönheit sind.

 

Drei Jahre mussten die sich nun um ihn scharrenden Jünger warten: auf die "Bücher der Hirten- und Preisgedichte der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten". Wir müssen darüber hinwegeilen. Die oft untergründige Melancholie der Verse mag darauf hindeuten, wie intensiv der Dichter mit ihnen und sich rang, wie stark die "große trübnis", die ein "wahrer künstler" zu durchleben habe, auf ihm lastete. Die einzige Liebe, die George je einer Frau entgegenbringen konnte und die keine Erfüllung fand, mag ihr Übriges geleistet haben. Ihr galt wohl auch das folgende kleine Gedicht, das ob seiner Zartheit sicher zu Recht zu den beliebtesten gehört.

 

Wenn ich heut nicht deinen leib berühre
Wird der faden meiner seele reissen
Wie zu sehr gespannte sehne.
Liebe zeichen seien trauerflöre
Mir der leidet seit ich dir gehöre.
Richte ob mir solche qual gebühre ·
Kühlung sprenge mir dem fieberheissen
Der ich wankend draussen lehne.

 

Und doch darf man sich selbst hier nicht täuschen lassen. Hört man genau hin, so ist die latente Gewalt hinter der seelischen Kulisse melancholischer Empfindsamkeit nicht zu leugnen, etwa in der Wenn-Dann-Kausalität, die ein anderes, erklärtermaßen geliebtes Leben mit dem eigenen belastet, in gewisser Weise erpresst:

 

Wenn ich heut nicht deinen leib berühre
Wird der faden meiner seele reissen

 

Oder in den versteckten Imperativen, die zwar demonstrativ Freiheit zu lassen scheinen, tatsächlich aber alle Freiheit fordernd ersticken:

 

Richte ob mir solche qual gebühre ·
Kühlung sprenge mir dem fieberheissen

 

Arnold Schönbergs Interpretation dieses kurzen Gedichts, wiedersetzt sich zwar den ausdrücklichen Lesevorstellungen Georges, macht dafür aber eindrucksvoll das Drängende, Fordernde des Liebesbegehrens deutlich. Nur am Rande sei erwähnt, dass die Schönbergschen Vertonungen der George-Lieder als Markstein, als Revolution in der Musikgeschichte gelten, da sie die Ära der Zwölftonmusik einleiten. Georges lapidarer Kommentar, als man sie ihm vorspielte, soll gelautet haben: "Das haben wir doch hinter uns".

 

Überspringen wir aus methodologischen Gründen Georges erfolgreichste Gedichtbände, "Das Jahr der Seele", "Der Teppich des Lebens", auch sein esoterischstes Buch "Der Stern des Bundes", verzichten wir des weiteren darauf, von Maximin, dem ins Göttliche erhobenen Jüngling zu erzählen oder die durchaus wissenswerte und kulturhistorisch einmalige Geschichte des legendären George-Kreises, seines Verlages, seiner Veröffentlichungen usw. darzulegen und eilen zu einem prototypischen Gedicht aus Georges letztem Gedichtband. Mit dem kleinen, unscheinbaren Gedicht "Das Wort", das 1928 im "Neuen Reich" erschien, allerdings knapp zehn Jahre vorzudatieren ist, schuf George vor allem ein metaphysisches Kleinod, das entsprechend für Furore sorgte und auch heute noch zu den - man möchte fast sagen - populärsten Dichtungen seiner Feder zählt.

 

DAS WORT

Wunder von ferne oder traum
Bracht ich an meines landes saum

Und harrte bis die graue norn
Den namen fand in ihrem born -

Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark ...

Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart

Sie suchte lang und gab mir kund:
"So schläft hier nichts auf tiefem grund"

Worauf es meiner hand entrann
Und nie mein land den schatz gewann ...

So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.

 

Die wahren metaphysischen Abgründe, in die diese Zeilen hineinleuchten, können nur angedeutet werden, aber selbst diese Andeutungen werden verdeutlichen, wie intensiv der Dichter gelesen werden will, sollen die poetischen Keime ihre philosophischen Früchte tragen.

Was fällt auf? Hier vielleicht die Gliederung. Unschwer sind drei Teile auszumachen.

Der erste:

Wunder von ferne oder traum
Bracht ich an meines landes saum

Und harrte bis die graue norn
Den namen fand in ihrem born -

Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark ...

der zweite:

Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart

Sie suchte lang und gab mir kund:
"So schläft hier nichts auf tiefem grund"

Worauf es meiner hand entrann
Und nie mein land den schatz gewann...

und der dritte:

So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.

 

Was thematisiert das Gedicht? Das Wort, und das heißt: die Sprache.

Schließlich eine dritte Frage. Was beschreibt das Gedicht, mehr noch, was beschreiben die einzelnen Teile? Die Szenerie mutet märchenhaft an, da ist von Ferne und Traum die Rede, da harrt die Norn, die nordische Schicksalsgöttin am Brunnen, der Quelle, die hier antikisierend "Born" heißt, vergleichbar dem Land, welches mit dem kaum noch gebräuchlichen Begriff "Mark" bedacht wird. Gleich die erste Zeile, "Wunder von ferne oder traum" suggeriert - bestätigt allerdings nicht - Vielzahl, Wiederholung. Was da geschieht, geschieht öfter und es geschieht so wie beschrieben. Wäre es nicht so sagenhaft, es könnte fast alltäglich erscheinen. In diese Regelhaftigkeit schneidet die einmalige Ausnahme eine erste tiefe Zäsur: "Einst". "Einst" soll heißen: Einmal, vor einer Zeit, aber vor allem: Einmal oder: Die Ausnahme. Und tatsächlich, der Norn gelingt es dieses eine Mal nicht, den Namen zu finden, und dem Dichter nicht, den Sprachschatz zu gewinnen. Es bleibt ihm nichts anderes, als daraus, aus beidem, der Regel und der Ausnahme, die Schlussfolgerung zu ziehen:

 

So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.

 

Das Gedicht besitzt die logische Form eines Syllogismus. Einer allgemeinen Prämisse wird ein Sonderfall als zweite Prämisse beigeordnet, was schließlich zur Konklusion führt. Ein Gedicht syllogistischer Struktur, ist, soweit ich sehe und von einigen Sonetten absehe, keine weitverbreitete Sache und sollte schon daher Aufmerksamkeit erregen. Was den Dichter wohl zu solcher Dichte verleitete? Die versteckte logische Form einmal entschlüsselt, lässt die Finalität der Verse begreifen, die ganz offensichtlich auf den Schlusssatz zulaufen. Zudem ist es die einzige Zeile, die, von der Überschrift abgesehen, das entscheidende Wort birgt, das Wort "Wort". Doch schon zu Beginn wird dem Leser eine Ungeheuerlichkeit unterbreitet, will der Dichter doch behaupten, dass ein Ding, und sei es noch so wunderlich, erst dann zu greifen, zu begreifen ist, wenn es benannt, benamt wurde. Mithin ist es überhaupt erst dann, denn was nicht ist, lässt sich nicht greifen. Das Wort also soll über die Allmacht verfügen, Dinge sein zu lassen oder, wie Heidegger sagt, der diesem Gedicht zwei sehr lesenswerte Aufsätze widmete: "Das Wort schafft dem Ding erst das Sein". Nicht an und für sich, sondern nur für uns selbstredend, denn nur für uns sind Dinge, oder besser: nur für uns sind die Dinge Dinge, auch wenn sie an und für sich, ohne uns sein könnten - wie etwa besagtes, aber namenloses Kleinod. Derart zumindest müsste unsere Schlussfolgerung lauten, wenn wir die anfänglichen positiven Erfahrungen verallgemeinern wollten, umso mehr, wenn wir den einzigen Misserfolg bedenken und unzweifelhaft im finalen Satz "kein ding sei wo das wort gebricht". Was soll das heißen, es gebricht? Man kann sich in solchen Fragen bedenkenlos Heidegger anvertrauen, den mit George vor allem eines eint: Sie sind beide die Lehrer der sprachlichen Sinnzusammenhänge, die Finder der verloren geglaubten oder vergessenen sprachlichen Entsprechungen, in diesem Sinne auch die Künder der im Keim angelegten Vollwertsprache und deren Erblühen. Freilich unterschätzten beide die technizistischen und wissenschaftsmethodischen Verdummungskapazitäten, wie vermutlich alle abendländischen, eschatologisch getrimmten Dichter und Denker. Was uns nämlich in der Moderne durch die Modernität widerfährt, weil wir immer wieder fahren, statt fahren zu lassen, ist das Unvorstellbare, das Undenkbare. Weil wir zu er-fahren versuchen, was wir erfahren wollen und damit die eigentliche Erfahrung verhindern, sprich zum Neustart verdammt sind. Nach Heidegger jedenfalls heißt "gebricht": es fehlt. Nicht wo das Wort versagt, sei kein Wort, sondern wo es fehlt, nicht ist oder verfehlt.

Warum aber schrieb George nicht im weitaus gebräuchlicheren Ton: "Kein ding ist wo das wort gebricht", nutzt stattdessen das viel ungebräuchlichere "sei"? Der Verzicht auf die indikative Form des Verbs "sein" scheint mit einem Verzicht auf Eindeutigkeit zusammenzuhängen, was gemeinhin als typisch modern gilt. In der Tat ist die grammatische Zuordnung nicht leicht, die deutsche Sprache gestattete sich hier eine Grauzone in der Bedeutungen verwischen können. Wenn man die Validität, die Gültigkeit also, vom Aussagen variieren will, so bietet die deutsche Sprache dafür konjunktivische oder imperativische Formen an. Der Imperativ ist nun keineswegs nur "Befehlsform", wie die deutsche Übertragung fälschlicherweise glauben macht, sondern kann auch Bitte, Warnung und Wunsch ausdrücken. Insbesondere letztere Möglichkeit, die optative Form, die Aussageform des Wunsches, verwischt sich mit ihrem imperativischen Pendant. Die klassische und paradigmatische Aussage, die das verdeutlicht, ist Goethes bekannter Spruch: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut". Und so geht auch Georges "Kein ding sei wo das wort gebricht" mit den Möglichkeiten schwanger, wenngleich die Finalität, die Konklusion, vor allem auch der kategorische Doppelpunkt, der die Aussage apodiktisch setzt, eine imperativische Deutung unterstützen, aber selbst dann darf die Mehrdeutigkeit des "sei" nie außer acht gelassen werden. Jedenfalls haben wir es nicht mit einer allgemeingültigen Aussage zu tun, die demnach auch keine philosophische Relevanz beansprucht - insofern als Philosophie nur deskriptiv, reflexiv wirksam sein kann -, sondern mit einem Diktum oder anders: es wird eher festgesetzt als festgestellt und auch diese Festsetzung hat eher Gültigkeit im Georgeschen Für-Sich als im An-und-Für-Sich. Und nur so kann sie überhaupt von Interesse sein, ist sie doch als philosophische Erkenntnis seit langem Allgemeingut, während sie als Vorschrift noch unerhört war. Mehr noch als der Inhalt, interessiert also die Sageweise, was bei einem Gedicht, das sich offenbar mit der Sagbarkeit beschäftigt, nur konsequent scheint.

(Von hier aus wird auch sichtbar, dass Georges Poesie bis in den strukturalistischen Diskurs hineinreicht, denn ganz offensichtlich wird doch hier eine Situation vorgeführt, in der ein Signifikat von keinem Signifikant gefüllt werden kann. Ohne kann das Signifikat aber nicht sein, weil es als inhaltliche Seite des Zeichens, dieses selbst, den Signifikant nicht entbehren kann. Nichts Geringeres als die in der Dekonstruktion Derridas aufgezeigte und unterminierte Macht des Signifikants, thematisiert unser Autor.)

Bei George freilich handelt es sich um ein allgemeines Primat. Oft ist es weniger der Inhalt als der erhabene Ton, das rein sprachliche Ringen um das Unsagbare, das tief Gefühlte, das Erschauern und Erschauen lässt; es macht das Wort zum Virtuosen der seelischen Sphärenklänge.

Aber noch etwas belebt diesen spezifischen Imperativ, noch etwas lässt uns bei ihm verweilen. Es wird das eigenartige Ziel der Aufforderung sein, die sie vom gewohnten Gebrauch des Imperativs unterscheidet. Gemeinhin beinhalten diese eine Aktion, einen Aufruf zur Tat, zum Tun, und genau der ist hier nicht vorzufinden, ganz im Gegenteil wird ein Lassen favorisiert. Dass dieses Lassen in Trauer vonstatten geht und als Verzicht empfunden wird, darf beim Dichter, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Dinge zu benennen und Wörter zu finden, nicht verwundern, viel eher gilt es die Ruhe zu würdigen, in der diese bittere Einsicht zur Sprache und damit zur Welt kommt. Kaum vorstellbar noch, dass es einmal hieß, man müsse unbedingt modern sein. Die Stellung Georges zur Moderne wird man danach erneut mindestens als antimodern bezeichnen müssen und in seinen hellsten Momenten, wie etwa in vorliegendem Gedicht, als amodern. Wenn von Verzicht im Sinne eines Lassens die Rede ist, zudem imperativisch verkleidet, dann will die inhärente Aufforderung sowohl zur Aufgabe des zwanghaften Schöpfens als auch des zwanghaften Suchens animieren, denn alles, was sein kann, zumindest alles, was gut sein kann, was gut sei - wenn man so will - ist schon, ist schon da, wenn es auch oft nicht mehr hier ist. Ist es aber da ohne hier zu sein, so kann man es womöglich herholen, man kann es suchen, etwa im Sprachschatz, den die Norn hütet. So erklärt sich die fast vollkommene Absenz von Neologismen in den Dichtungen Georges, so erklärt sich auch die Vielzahl von Archaismen, nicht minder die strengen Formen, die versuchen, allen Überfluss, allen Ballast fahren zu lassen und das Sprachwerk auf ein Minimum zu reduzieren und so spricht sich Georges poetische Gelassenheit noch in stilistischen Marginalien, etwa im Verzicht, im Weglassen von Präfixen aus, um nur ein Stilmerkmal zu nennen. In gewisser Weise ist selbst der Begriff des "Verzichtes" noch ein Euphemismus, so als hätte der Dichter doch noch das letzte Wort, als hätte er noch die Wahl. Tatsächlich aber liegt es nicht in seiner Macht, zu entscheiden, er ist an das Wort der Norn gebunden. Gelassenheit will somit auch nicht nur ein Verzichten sein, sondern ein viel schwierigeres Verzichten-Können, das aus der Einsicht in die letztendliche Sinnlosigkeit allen irdischen Strebens geboren werden muss. Für die Norn ist der Dichter durchaus auch eine Last, da sie doch an des "landes saum" lebt, ein Saum, eine Grenze, die sich mit jedem Fund ausweitet. Nicht um ein als Territorium zu denkendes Land handelt es sich, sondern um das Gebiet der Sprache, das Sprachland und eben das expandiert mit jeder neuen Wort-Ding-Entsprechung. Man könnte es der Norn daher nicht verübeln, wenn sie mal nicht fündig wird, hat dann auch nicht die Gewissheit, dass es keinen Namen gibt, kann sie doch auf ein ureigenes Interesse verweisen, nicht fündig zu werden: ihre Ruhe. Zugleich ist sie die Schutzgöttin des Unbekannten. Da deutet sich bereits ein Gedanke an, der uns abschließend beschäftigen wird. Was als Ding eine wörtliche Entsprechung findet und damit in die Existenz treten darf, liegt in der Macht der sagenhaften Norn, der Zauberin. Einer rationalistischen, technizistischen, verwissenschaftlichten Welt, einer, wie Max Weber es nannte, entzauberten Welt, hält George nun, nach der künstlichen, hyperästhetisierten Unterwelt des Algabal, seine neue Zauberwelt entgegen, plädiert sogar für eine Wiederverzauberung. Konservativismus erhält bei ihm positiven Wert. Konservativ sein heißt: im Regress der Gelassenheit und zur Gelassenheit - hier sind Mittel und Zweck identisch - auf halbem Wege stehen zu bleiben, aber auch und vor allem, den halben Weg, nein, nicht gegangen zu sein, sondern ihn gehen gelassen zu haben.

Dabei handelt es sich im Übrigen, falls die erkenntnistheoretische Verortung von Interesse ist, um eine Verzauberung aus platonischem Geiste. Die Grundkonstellation verrät Georges Platonismus, der, grob verallgemeinert, die Entsprechung von Idee und Ding beinhaltet. Die Namen nämlich, über die die Norn wacht, sind schon da, auf ewig, wie die Ideen Platons und wenn sie sich seelengleich der Dinge bemächtigen, dann erst sind sie etwas. Nur wenn das Ding ein Ideenkorrelat hat, kann das Wort, das die Idee aussagt, es in die Existenz setzen. In der Tat zählte Platon zu den meistdiskutierten Denkern des George-Kreises.

 

Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart

 

Was soll das denn für ein eigenartiges Ding sein, dieses "kleinod reich und zart"? Ganz unproblematisch ist es ja nicht, die beiden Eigenschaften zusammenzudenken. Ein Kolibri, wie Hildesheimer es sich vorstellte? Schon möglich, aber als Denkbewegung etwas unökonomisch. Leichter ließe sich doch an eine Blume denken - reich und zart. Dafür gäbe es wenigstens Indizien, spielt das Blumenmotiv in den Dichtungen Georges doch eine gewisse Rolle, unter anderem als Sprachallegorie. Die Blume ist daher sogar schon als "Abbreviatur für eine sich selbst reflektierende Sprache" (Durzak) ausgemacht worden und trotzdem diese Erklärung in unser Gedicht, das ja auch sich selbst reflektierende Sprache ist, kongenial einpassen würde, will es nicht recht gefallen. Muss man überhaupt bei einem Ding an etwas Dingliches, Gegenständliches denken? Persönlich würde ich an ein Wort glauben. Das "kleinod reich und zart", das Ding, das nicht sei, ist selbst ein Wort, ein Wort-Schatz. Gibt es eigentlich Worte - oder meint George Wörter? - wo kein Ding ist, lässt sich also das Verhältnis umkehren? Ja und nein. Das Wort ist kräftig genug ohne Ding-Grund: das Phantasiewort, das Nonsenswort, das Zauberwort. Und doch ist es nicht dinglos, nicht unbedingt, insofern es des dinglichen Schöpfers bedarf, zugleich aber selbst Ding ist. Es existiert also nicht nur das Wort "Wort", sondern auch das Ding "Wort", d.h., wo das Wort ist, ist auch das Ding - rein indikativ gemeint -: als es selbst und als Geschöpftes. Heidegger ging sogar noch weiter und spielte mit dem genialen Gedanke im "kleinod reich und zart" ein Gedicht auszumachen. Warum nicht gar das Gedicht "Das Wort" höchstselbst, dem ja tatsächlich ein Name verwehrt ist, so dass es sich selbst benennen musste. Aber sei es wie es sei, die Zeilen werden es uns nie offenbaren und genau das ist doch der Sinn, denn sofern der abschließende Imperativ präskriptiv, also vorschreibend gemeint ist, sofern betrifft er auch uns. Auch wir, die Leser müssen lernen, dass kein Ding sei, wo das Wort gebricht - das ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit dem Gedicht. George stellt seine Leser auf eine paradoxale Probe; während das Diktum zur Kenntnis genommen wird, verleitet das Gedicht im selben Rezeptionsakt, dagegen zu verstoßen, sich erneut auf die Suche des unbedingt Neuen zu begeben. Die reflexive Suche führt letztlich jedoch zu nichts anderem, als deren Aufgabe. Wir finden, dass es nichts zu finden gibt und das relativiert doch wohl auch die Suche. Dem Leser wird keine Erfahrung vermittelt, wie er anfangs glaubte, er muss vielmehr selbst die Erfahrung machen oder anders gesagt: das Gedicht sagt sich selbst aus. Wenn es verstanden ist, kann es darüber keine wirkliche Trauer, keine Enttäuschung mehr geben. Es hat uns bedenklich gestimmt - und was, bitte schön, soll ein Gedicht mehr leisten können?

 

Als Schlusswort will das noch nicht recht befriedigen; es gibt mehr zu verdienen als eine abschließende versteckte Lektüreempfehlung. Man könnte schließlich versuchen, so etwas wie ein Vermächtnis oder ein Credo des späten George namhaft zu machen. Das ist keineswegs der Versuch, doch noch das letzte Wort zu haben - der Dichter selbst wird das letzte Wort sprechen.

 

DIE TOTE STADT

Die weite bucht erfüllt der neue hafen
Der alles glück des landes saugt · ein mond
Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·
Endlosen strassen drin mit gleicher gier
Die menge tages feilscht und abends tollt.
Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt
Am felsen droben die mit schwarzen mauern
Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht
Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·
Das schweigen ihre weihebilder schüzt
Und auf den grasigen gassen ihren wohnern
Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.
Sie spürt kein leid · sie weiss der tag bricht an:
Da schleppt sich aus den üppigen palästen
Den berg hinan von flehenden ein zug:

"Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
Wenn ihr nicht helft - im überflusse siech.
Vergönnt uns reinen odem eurer höhe
Und klaren quell! wir finden rast in hof
Und stall und jeder höhlung eines tors.
Hier schätze wie ihr nie sie saht - die steine
Wie fracht von hundert schiffen kostbar · spange
Und reif vom werte ganzer länderbreiten!"

Doch strenge antwort kommt: "Hier frommt kein kauf.
Das gut was euch vor allem galt ist schutt.
Nur sieben sind gerettet die einst kamen
Und denen unsre kinder zugelächelt.
Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.

Geht mit dem falschen prunk der unsren knaben
Zum ekel wird! Seht wie ihr nackter fuss
Ihn übers riff hinab zum meere stösst."

 

Dieses Gedicht gehört zu jenen, die man gern heranzieht, wenn man Georges antihumanistische, menschenverachtende Position hervorheben, wenn man das Führerproblem der Deutschen betonen möchte oder sogar auf Ahnensuche geht.

 

Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.

 

Das ist starker Tobak, keine Frage, aber bevor man das 1907 veröffentlichte Gedicht mit dem Wissen der Spätgeborenen im Nachhinein verdammt, sollte zuvor eine andere, aktuellere Ebene zur Kenntnis genommen werden, die öko-logische. Sie misst sich nach anderen Maßstäben ein, links und rechts sind vor ihren Plagen keine relevanten Koordinaten mehr. Vieles spricht doch dafür, dass George Probleme antizipierte, die die heutigen sind und noch keine Politik zu begreifen verstand, geschweige denn zu lösen, dass er Dinge mit feinem Auge wahrnahm, für die noch siebzig Jahre später der Großteil der Menschen blind war und die auch nach neunzig Jahren noch immer ignoriert werden.

Dichtung ist verdichtete Geschichte; das Ge-Dicht ist demnach zugleich Ge-Schicht. Verdichtet wird Geschichte als narrative Struktur, als Geschichte, die man erzählt und als Geschichtetes, als Geschichte, die man im Gefäß der Erinnerung schichtet, Schicht für Schicht ablagert. Dabei kommt es zu einem natürlichen Verdichtungsvorgang, der letztlich in der Annulierung der untersten, der dichtesten Schicht gipfelt, oder besser versinkt. Die poetische Dichtung hingegen hat, mit Hilfe der Schrift, die Möglichkeit erlangt, das Geschicht in ein künstliches Gedicht zu prägen, kann somit die natürliche Verdichtung, wenn auch nicht aufhalten, so doch beinträchtigen. Das poetische Gedicht ist jene Dichtungsform, die dabei am stringentesten sein kann; sie verdichtet Geschichtsmengen zu so hoher Dichte, wie keine andere Form der Dichtung. Doch ist die Dichtung als verdichtete Geschichte durchaus nicht die älteste Form, vielmehr ist sie an die Idee des Fortschritts, die Idee des Ziels, des Sinns - von Geschichte - bereits gebunden und diese Ideen sind keineswegs permanent. Nein, sie selbst sind Ur-Sache der Geschichte. Älter noch ist die Dichtung als Sein-Könnende Geschichte, die Dichtung des Magier, Schamanen, des Zauberers, der nicht nur die gedichteten Korrelate zu den materiellen und immateriellen Dingen kannte - das Zauberwort, den Zauberspruch - sondern auch Zukunft sah. Zukunft sehen, ist das Gegenteil von Zukunft entwerfen. Das Gedicht war also vornehmlich, und vor allem vor dem Geschicht, Ge-Sicht, der Dichter war Seher. Dieses Ideal galt es wiederzuentdecken. Nicht umsonst schrieb Rimbaud in seinen berühmten delirierenden Briefen: "Ich sage, dass man ein Seher werden, sich zum Seher machen muss. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine langdauernde, unerhörte und wohlüberlegte Entgrenzung aller Sinne.", nicht umsonst spricht er von einer Universalsprache, in der jedes Wort ein Gedanke sei, nicht umsonst versuchte er das Geheimnis der Vokale zu lüften. Rimbauds Ziel war, eingestandenermaßen, "eine neue Sprache finden". Man geht jedoch fehl, dieses Ideal auch George zu unterstellen, wie dies etwa Adorno tat, als er feststellte, George wolle eine neue Sprache. Nein, "finden" heißt bei Rimbaud "erfinden", bei George dagegen hat "finden" etwas mit dem Suchen des Verlorenen zu tun. Für Rimbaud war Baudelaire der erste Seher und George steht in beider Nachfolge. Zumindest im deutschsprachigen Raum dürfte er der erste, vielleicht sogar der einzige moderne Dichter sein, der die Symbiose von Gedicht, Geschicht und Gesicht auf höchstem lyrischem Niveau verkörpert und damit die beiden, seit der Antike angenommenen archetypischen poetischen Temperamente - den orphischen Typ, den vates, mit Zungen redenden, inspirierten Geist und den Typ Daedalus, den dichtenden artifex, den Arbeiter im Sprachgarten des Herrn - in einer Person glücklich vereint. Das hat mit Anmaßung wenig gemein, selbst, wenn George dichtete:

 

Des sehers wort ist wenigen gemeinsam

 

sondern ist allein der Versuch, die urtümliche Funktion der Dichtung - das Gedicht als Gesicht - wiederzubeleben.

 

Dir kam ein schön und neu gesicht
Doch zeit ward alt · heut lebt kein mann
Ob er je kommt das weisst du nicht

Der dies gesicht noch sehen kann.

 

Im Gesicht empfängt er die Kunde, die er im Gedicht verkündet, die dann im Geschicht versinkt. Ob einer ein Dichter sei, scherzte der gealterte George einmal vielsagend, erkenne er ebenso am Gesicht wie am Gedicht. Vor der apriorischen Verurteilung der Kündergeste, die der moderne Kritiker allzu gern anbringt, sollte die Kunde auf ihren Gehalt geprüft werden. Da wiegt jedes Wort, insbesondere das letzte. Gerade als Apokalyptiker hat George den Heutigen möglicherweise das Dringlichste zu sagen.

 

Appendix:

Ein weiteres Meisterwerk:

aus lametta vom christbaum der drittletzten erleuchtung

Ich wünschte dass ihr jene pfade trätet
Auf denen unsre antilopen-süchte
Den myrrenduft berauschenderer früchte
Genossen als um die ihr glücklich bätet

Dass weid und pappel ihres matten silbers
Entwohnten zierrat euch zu knien schütte
Indes zum tempelhof des weltvergilbers
Die knaben wallen wein in buchner bütte.

Dann würden eure wunden durch die gitter
Der allzustrengen schergen röter bluten
Und eure seelen auf dem hochgeschuhten
Kothurn des engels nahn dem kranz der ritter.

 

Christian Morgenstern

Literatur

George, Stefan: Werke. Ausgabe in zwei Bänden.

 

Adorno, Theodor: Noten zur Literatur.

Apel, Friedmar: Wandlungen des Romantischen. Zur Geschichte des poetischen Subjekts im 19. Jahrhundert.

Arbogast, Hubert: Die Erneuerung der deutschen Dichtersprache in den Frühwerken Stefan Georges.

Baudelaire, Charles: Sämtliche Werke/Briefe

Boehringer, Robert: Das Leben von Gedichten.

Boehringer, Robert: Mein Bild von Stefan George.

David, Claude: Stefan George. Sein dichterisches Werk.

Dubost, Jean-Pierre: Einführung in den letzten Text.

Durzak, Manfred: Zwischen Symbolismus und Expressionismus: Stefan George.

Eckel, Winfried: Die künstlichen Paradiese. Analysen zur Literatur des Symbolismus.

Falk, Walter: Die Ordnung in der Geschichte. Eine alternative Deutung des Fortschritts.

Friedrich, Hugo: Die Struktur der modernen Lyrik.

Gadamer, Hans-Georg: Philosophische Lehrjahre.

Gundolf, Friedrich: George.

Heftrich, Eckard u.a. (Hg.): Stefan George Kolloquium.

Heidegger, Martin: Unterwegs zur Sprache.

Hink, Walter: Poetik als Poesie. Deutsche poetologische Lyrik der Neuzeit.

Huysmans, Joris-Karl: Gegen den Strich.

Jost, Dominik: Stefan George und seine Elite.

Lamping, Dieter: Moderne Lyrik.

Manacorda, Giorgio: Il canto di un sogno che ancora non c'é.

Mann, Thomas: Reden und Aufsätze.

Mattenklott, Gert: Bilderdienst. Ästhetische Opposition bei Beardsley und George.

Möller, Joachim: Wagner-Nietzsche-George. Das Ende von Musik-Philosophie-Dichtung.

Morgenstern, Christian: Gedichte - Verse - Sprüche.

Nalewski, Horst: Nachwort zu Stefan George.

Petrow, Michael: Der Dichter als Führer? Zur Wirkung Stefan Georges im "Dritten Reich".

Reich-Ranicky, Marcel (Hg.): 1000 Gedichte und ihre Interpretationen.

Rimbaud, Arthur: Sämtliche Werke.

Ross, Werner: Baudelaire und die Moderne.

Sartre, Jean Paul: Baudelaire.

Schödlbauer, Ulrich: Stefan George: Positionen der Moderne.

Schonauer, Franz: Stefan George.

Starkie, Enid: Das Leben des Arthur Rimbaud.

Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne.

Winkler, Michael: Stefan George.

Winkler, Michael: George-Kreis.

Wolters, Friedrich/Elze, Walter: Stimmen des Rheines.

Wuthenow, Ralph-Werner (Hg): Stefan George in seiner Zeit. Dokumente zur Wirkungsgeschichte.

Zmegac, Victor: Kunst und Gesellschaft im Ästhetizismus des 19. Jahrhunderts.

Zweig, Arnold: Standbild und Einsturz des Stefan George.


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