Muß man unbedingt modern sein?
Zur Signatur der Moderne im Werk Stefan Georges
von Jörg Seidel
In der dichtung - wie in aller kunst-betätigung -
ist jeder der noch von der sucht ergriffen ist etwas zu "sagen"
etwas "wirken" zu wollen nicht einmal wert in den vorhof der
kunst einzutreten.
Stefan George
Im Laufe der letzten drei, der aufgeklärten Jahrhunderte,
hat man sich jenes ominösen Wissenschaftsideals verschrieben, das
sich den schwergewichtigen Namen "Objektivität" verlieh.
Es hätte sich wohl kaum halten können und würde nicht
noch heute die Wissenschaftsgeister benebeln, wenn es nicht imstande
gewesen wäre, seine Schlüssigkeit eindrucksvoll zu demonstrieren,
seine unbezweifelbaren Wunder zu wirken, die zu nichts Geringerem dienen
als zum Glauben - an sich selbst - zu erziehen. Und so wie der Christ
an Christus, so glaubt der moderne Wissenschaftler, und mit ihm der
moderne Mensch, sofern er an und dem modernen Wissenschaftler glaubt,
an den Wert und das Sein der Objektivität. Das betrifft den Naturwissenschaftler
nicht weniger als den Mann des Geistes. Allein, es erwachsen immer wieder
einmal Phänomene, seien sie nun natürlicher oder künstlicher,
menschlicher Art, die diesen Glauben fundamental erschüttern und
damit den objektivierten Menschen, in all seiner unverhofften Ratlosigkeit,
noch tiefer in den Glauben treiben.
Ein literarisches Phänomen, ein Autor wie Stefan
George, darf dafür als exemplarisch gelten. Wie selten, läßt
sich an seinem Werk und an seiner Person die Vielfalt der Bewältigungsstrategien
in allen Schattierungen und Extremen nachvollziehen. Das meint den Hang
zum Vergessen und Verschweigen nicht minder als die Versuche, in ihm
den poetischen Messias auszumachen, meint die harschen, gnadenlosen
Kritiken ebenso wie die Aufgabe jeglicher Kritikfähigkeit, meint
vor allem die unzählbaren Varianten innerhalb dieser Pole. Was
Wunder also, wenn nahezu alle Versuche einer, wie auch immer gearteten
Annäherung und Auseinandersetzung mit dem Schaffen Georges, literaturwissenschaftlicher,
philosophischer, philologischer oder einfach essayistischer Art, was
Wunder also, wenn sie sich vor allem dadurch kennzeichnen lassen, daß
sie eben diese ominöse Objektivität für sich beanspruchen,
wohl kaum ahnend, welch paradoxe Schlinge die so heraufbeschworene Objektivität
auslegt, in der noch jeder Objektivist sich verfangen hat. Denn es ist
gerade die einbekannte Objektivität, die sich selbst, die
die tatsächliche Objektivation verunmöglicht. Mit anderen
Worten: jegliche Apodiktizität, inklusive dieser hier, jeglicher
diskursive Terrorismus, jedes "so-und-nicht-anders-ist-es-gewesen",
jeder Versuch, nachweisen zu wollen, wie etwas - ein historisches Ereignis,
eine Person, ein Text etc. - "wirklich war", verhindert Objektivität,
verschleiert Gewesenheit, entwirklicht Wirklichkeit. Nur eines ist wirklich
gewiß: So, wie es wirklich war, wie es im Nachhinein gewesen sein
soll, so gerade war es in Wirklichkeit nicht, eben weil es so gewesen
sein soll, eben weil es als Objektivität mißbraucht wurde.
Um es ein drittes Mal, nun im Schutzmantel des Paradoxes zu sagen: Es
gibt, objektiv gesehen, keine Objektivität. Misstraue man daher
jedem, der einen Satz mit "Es gibt, objektiv gesehen..." formt.
Auf den Fall George bezogen, muß demnach konstatiert werden, daß
uns nahezu alle vermeintlichen Annäherungen an den "Meister",
wie er sich gern nennen ließ, aufgrund ihres Objektivitätsanspruches,
der obigem Paradox nicht zu entkommen weiß, tatsächlich von
ihm entfernen.
Im Ostneuhochdeutschen oder auch im Klassenkämpfervokabular
mag man von Ideologiebelastung sprechen. Kurz und bündig: George
verleitet zu quasi-biblischen Vereinfachungen: "Wer nicht für
mich ist, der ist wider mich" und: "Euer Ja sei ein Ja, euer
Nein ein Nein". Und nahezu alle sind der Versuchung erlegen, die
Apologeten ebenso wie die Opponenten.
Für Brecht, in dem man den eigentlichen dichterischen
und weltanschaulichen Antipoden ausmachte, war George einer, dessen
literarische Formen selbstgefällig, dessen Ansichten belanglos
sind, der wohl viele nur schön eingebundene Bücher gelesen
habe und mit Leuten verkehre, die von Renten lebten. Dagegen hielt ihn
Thomas Mann wiederholte Male für eine hohe und rein nationale Angelegenheit,
für den großen Dichterruhm der Zeit, für einen revolutionären
und herausfordernden esoterischen Spracherneuerer, für einen Bildner
und Erzieher deutscher Menschlichkeit, den er in eine Reihe von vielgeehrten,
bewunderten Nichtdemokraten - Luther, Goethe, Schopenhauer und Nietzsche
- stellt, oder den er - mit Nietzsche, Hamsun und Klages - zu den großen
Feinden des "Geistes" und der "Zivilisation" zählt.
Fritz Mauthner sah in den Versen Georges ungenießbare Früchte
auf silbernem Tablett, Artistenlyrik und den Versuch, den Leser zu foppen,
während sie für den jungen Georg Lukacs den Inbegriff des
Ästhetischen und für Georg Simmel den vielbewunderten Eintritt
in die höchste Stufe der Kunst, die l'art pour l'art bedeutet,
die sich, wenn überhaupt, nur noch mit dem Besten Goethes vergleichen
ließe. Arnold Zweig hingegen zog eine klare Linie, die von Georges
"Neuem Reich" zum Dritten Reich ginge und hielt ihn zudem
für einen ziemlich plumpen Plagiator der Droste-Hülshoff.
Wie aber, diese Frage bleibt bestehen, kommt eine solche
Attraktion in aufgeklärten Zeiten zustande, wie vermag es ein Mensch,
die empfindsamsten Gemüter, die intelligentesten Geister seiner
Zeit in seinen Bann zu ziehen, und sei es nur, daß sie ihn verteufelten,
daß sie ihm in der Negierung am meisten erlagen. Denn nicht derjenige
ist ein Antichrist, der dies von sich glauben machen will und daher
den Tod Gottes bekannt gibt, hat er doch den Gott im Tötungsakt
schon er- und anerkannt, betet er ihn in diesem Akt doppelt an, sondern
allein der große Ignorant, "der große Kranke, der große
Verbrecher, der große Verdammte - und der Allwissende" -
um mit Rimbaud zu sprechen -, vor allem aber der Nichtwissende,
kommt im Unbekannten an. Wie aber kann man einer solchen Faszination
entkommen? Nicht etwa indem man seine eigene Subjektivität als
reine Objektivität deklariert, auch nicht durch die Chimäre
Objektivität selbst, sondern, so will es scheinen, nur durch die
Distanz, durchaus nicht durch ein Pathos der Distanz, sondern durch
die Distanz zum Pathos. Und Distanz impliziert selbstredend Akzeptanz,
als auch Differenz. Nur so ist einem charismatischen Menschen und einem
genialen Lyriker zu begegnen, mag er uns auch noch so verführen
wollen.
Uns, den Zu-spät-Gekommenen, hilft dabei die historische
Entfernung. Der Mensch Stefan George, der 1933, früh gealtert und
ergraut, 65-jährig starb, ist nicht mehr. Seine Stimme, sein Gang,
Mimik und Gestik, seine Ruhe, seine gesetzte, gelassene und doch bestimmte,
ja herrische Rede, vor allem aber seine bannenden Augen, lassen sich
nur noch in der Reproduktion vergegenwärtigen, aber selbst die
über fünfzigjährige Entfernung läßt noch erahnen,
welch auratische Ausstrahlung dieser Kopf gehabt haben muß. Man
sehe sich nur die Photographien an. Selten hat sich ein Mensch derart
bildlich inszeniert, so karg wie wirkungsvoll. Es existieren nur wenige
Bilder, die ihn in einem Moment zeigen, den er nicht bestimmt hat und
selbst diese Abbildungen lassen erahnen, weshalb sein Antlitz ungezählte
Male Vergleiche herausforderte, vor allem mit Dante, aber auch Alexander
oder Napoleon.
Hören wir Hugo von Hofmannsthal, noch als Gymnasiast,
den George zu Zeiten kennenlernte, in gewisser Weise entdeckte, als
das literarische Wien noch kaum Notiz von ihm nahm und den er, fast
wie eine Frau, liebend umwirbt, um, wie er sagte, "eine Vereinigung
derer, welche ahnten, was das Dichterische sei", herbeizuführen.
Dieser Hofmannsthal schreibt an George:
Herrn Stefan George
einem, der vorübergeht.
du hast mich dinge gemahnet
die heimlich in mir sind
du warst für die saiten der seele
der nächtige flüsternde wind
und wie das rätselhafte
das rufen der athmenden nacht
wenn draußen die wolken gleiten
und man aus dem traum erwacht
zu weicher blauer weite
die enge nähe schwillt
durch pappeln vor dem monde
ein leises zittern quillt.
Die existentielle Angst, die sich hinter solchen Zeilen
verbirgt, wird ihre Berechtigung gehabt haben und wenig später
vergräbt Hofmannsthal ein weiteres Gedicht in seinem Tagebuch,
das den bezeichnenden Titel "Der Prophet" trägt und charakterisierende
Zeilen wie die folgenden enthält:
Er aber ist nicht wie er immer war.
Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar
Von seinen Worten, den unscheinbar leisen
Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen
Er macht die leere Luft beengend kreisen
Und er kann töten, ohne zu berühren.
Viele hervorragende Geister vermochten es freilich nicht,
dem Sog des Charismas zu entfliehen, und so sehen wir den Dichter, der
einst, in seinen frühen Werken, einem Kult der Einsamkeit huldigte,
von einer Schar hochbegabter Existenzen umgeben, welche man seine Jünger
nannte. Unter ihnen große Namen: allen voran Friedrich Gundolf,
wohl treuester Schüler Georges, der selbst, nachdem er vom Meister
verstoßen wurde - er wagte, sich zu ehelichen und noch dazu eine
Frau, die George nicht für Wert erachtete - bis zu seinem Tode
zumindest im Geiste hörig blieb. Gundolf, Verfasser bahnbrechender
Literatenbiographien, darunter, neben der obligatorischen George-, auch
eine voluminöse Goethebiographie, gilt als Nestor der geistesgeschichtlichen
Literaturtheorie. Unter ihnen auch der Philosoph Ludwig Klages, ein,
wenn nicht der Vorreiter des fundamentalökologischen Gedankens,
oder Karl Wolfskehl, ein genialischer enzyklopädisch gebildeter
und hyperintelligenter Mensch von überschäumendem Temperament,
dessen Vergessenheit eine wirkliche Tragödie darstellt. Oder Ernst
Bertram und Friedrich Wolters, konservative Philosophen, die mit ihren
Arbeiten zu Nietzsche und Platon nationalen Rang erlangten. Und vergessen
wir nicht die jüngere Generation, Max Komerell etwa, Norbert von
Hellingrath, dem die deutsche Literatur große Teile des Hölderlinschen
Werkes zu danken hat und der den Tübinger Poeten verstärkt
ins öffentliche Bewußtsein rückte. Ähnliche Verdienste
kann George und der Kreis um das Werk Jean Pauls beanspruchen. Vergessen
wir auch nicht, obwohl viele, nicht weniger Verdienstvolle ungenannt
bleiben, die Stauffenberg-Brüder, allein schon um die leidige Debatte,
der 1933 verstorbene George sei Wegbereiter des Nationalsozialismus
gewesen, mit verneinenden Argumenten zu füttern. Ob es eine Schuld
sei, daß sich George nicht gegen das herannahende Hitlerregime
- als faschistisches - öffentlich geäußert hat, mag
ein politischer Diskurs debattieren, berührt die poetologischen
Grenzen jedoch kaum. Im Übrigen hatte schon Adorno, der George-Verse
übrigens vertonte, in der Tat Stauffenbergs eine Entsühnung
für jene Schuld Georges gesehen, die in den Erniedrigungen zum
Preise des Führertums auszumachen sei.
Dies alles sollte Warnung sein und von vornherein den
Versuch fraglich erscheinen lassen, sich auf einen seiner Exegeten oder
Interpreten zu verlassen, ohne ausschließen zu wollen, daß
viele dieser Werke lesens- und wissenswert sind. Ein Autor wie dieser
jedoch zwingt regelrecht dazu, sein höchsteigenes Werk zu betrachten,
und zwar ohne die getönte Brille der Objektivität und, seien
wir ehrlich, welch größeres Lob kann ein Werk sich aussprechen,
als daß es auf sich selbst verweist.
Ein Gedicht, ein zartes Gebilde in der Regel, selbst wenn
es, wie oft bei George, gemeißelt zu sein scheint, muß zerbrechen
beim Hin- und Herwenden, Befühlen, Beleuchten, Betasten und Belasten;
ein Gedicht läßt sich nicht befragen und wenn man es dennoch
tut, so hat man die Idee des Gedichtes bereits verraten. Dies gilt um
so mehr bei geheimnisvollen Poesien, bei Gedichten, die sich hermetisch
zu verschließen wagen, die man zwar, wie Peter Szondi schon schrieb,
zu entschlüsseln versuchen könne, aber stets eingedenk ihres
Verschlüsselungscharakters, stets eingedenk ihrer Hermetik, die
es konstituiert. Es wäre nicht mehr dieses Gedicht, wenn sein Geheimnis
- und sei dies auch nur vorgeschützt - ausgeplaudert würde,
wenn es, statt entschlüsselt, aufgebrochen, wenn es schließlich
seines transzendentalen Herzens beraubt würde.
Beschauen wir es uns also, das Werk Georges, das sich
in wenigen ausgewählten Gedichten zu erkennen geben soll, ohne
daß es erkannt werden wird und stets eingedenk der vergewaltigenden
Verführungsgefahr, die der mitunter sirenengleiche Sang darstellt.
In seinem bedingungslosen Streben, sich rein auf das Wesentliche, die
Grundsubstanz zu konzentrieren, verzichtete der Dichter - soweit ich
sehe, ist auch dies außergewöhnlich - weitestgehend auf poetologische
und metaphysische Aussagen außerhalb des gedichteten Wortes. Dieses
selbst also kann allein, wenn überhaupt, poetologische Positionen
enthalten, mehr noch - man darf es vorwegnehmen - es ist die
Poetik selbst.
Schon in den Knabenjahren zieht es George zur Dichtung,
besser noch: zur Sprache. Er kreiert, wohl aus lateinisch-romanischen
Versatzstücken, eine Geheimsprache, beginnt Verse zu übersetzen,
Petrarca und Ibsen, wozu er sich die italienische und norwegische Sprache
aneignet. Insgesamt wird er als Umdichter, wie er es nennt, weltliterarische
Werke aus sieben Sprachen dem deutschen Publikum nahelegen, darunter
große Teile der "Göttlichen Komödie", der
"Blumen des Bösen", aber auch Verse von Rimbaud, Verlaine,
Swinburne, d'Annunzio und auch Shakespeares Sonette. Allein diese Arbeiten
wären bleibendes Verdienst, denn wenn auch nicht an übersetzerischer
Exaktheit, so doch an dichterischer Einfühlsamkeit, an poetischer
Kongenialität, sind Georges Übertragungen weithin unübertroffen.
Bald zieht es ihn in die Fremde - er lebte in den Kulturmetropolen
Europas - und bereits sein erster Parisaufenthalt beschert ihm die zufällig
zustande gekommene, aber fast schicksalhafte Bekanntschaft mit den gefeierten
Dichtern des Parnass, mit Poeten wie Verlaine, de Regnier, vor allem
aber mit Mallarmè, dem elitären "maistre" der
sogenannten Symbolisten. In dessen Kreis, dem er zeitweise beiwohnen
durfte, fand er seine eigenen ästhetischen Ansichten bestätigt
und erhielt er wesentliche Eindrücke. 1890/91 erscheinen die ersten
schmalen Gedichtbände des exzentrischen Dichters, die programmatisch
Zeugnis ablegen von seinem frühen l'art pour l'art - Ideal. Er
schreibt über seine Lyrik: "Sie will geistige kunst auf grund
der neuen fühlweise und mache - eine kunst für die kunst"
sein und sie realisiert diese Ansprüche mit Hilfe eines strengen
Elitarismus und Ästhetizismus, der sich schon oberflächlich,
formal zu erkennen gibt, etwa in Form einer extravaganten, oft antikisierenden
Orthographie, in der Kleinschreibung aller Wörter, in einer eigenen
Schrifttype und im weitestgehenden Verzicht auf Interpunktion, was vor
allem ein Überlesen verunmöglicht und intensive Beschäftigung
verlangt, aber auch das Demiurgische des Dichtungsaktes betont und symbolisiert.
Schließlich bezeugt er auch, wie Gundolf schrieb, den "Willen
zur letzten Einfalt, zur harten Schlichtheit und dichten Sachlichkeit".
Sein erstes Gedicht bereits verkündet ein Programm; es heißt
"Weihe". Es stellt den Beginn der modernen deutschen Lyrik
dar - sagt man.
Hinaus zum strom! wo stolz die hohen rohre
Im linden winde ihre fahnen schwingen
Und wehren junger wellen schmeichelchore
Zum ufermoose kosend vorzudringen.
Im rasen rastend sollst du dich betäuben
An starkem urduft · ohne denkerstörung ·
So dass die fremden hauche all zerstäuben.
Das auge schauend harre der erhörung.
Siehst du im takt des strauches laub schon zittern
Und auf der glatten fluten dunkelglanz
Die dünne nebelmauer sich zersplittern?
Hörst du das elfenlied zum elfentanz?
Schon scheinen durch der zweige zackenrahmen
Mit sternenstädten selige gefilde ·
Der zeiten flug verliert die alten namen
Und raum und dasein bleiben nur im bilde.
Nun bist du reif · nun schwebt die herrin nieder
·
Mondfarbne gazeschleier sie umschlingen ·
Halboffen ihre traumesschweren lider
Zu dir geneigt die segnung zu vollbringen:
Indem ihr mund auf deinem antlitz bebte
Und sie dich rein und so geheiligt sah
Dass sie im kuss nicht auszuweichen strebte
Dem finger stützend deiner lippe nah.
Zwei Jahre darauf läßt George "Algabal",
seinen dritten Gedichtband erscheinen, der die Entwicklung - nicht nur
die persönliche - zum Höhepunkt treibt und sie zugleich beendet.
Daher müssen wir an diesem Ort ein wenig verweilen.
Mit "Algabal" versuchte der Dichter, sich seiner
Auserwähltheit bewußt, und seiner Meisterschaft bewußt
werdend, das schlichtweg Unerhörte zu schaffen und damit
sich selbst als Meister zu inthronisieren. Das Unerhörte evoziert
sowohl das bislang Ungesehene - vor allem auch das Auge wird in diesen
Dichtungen erregt -, das Unvorstellbare des Bildes, als auch die bizarre
Strenge des verdichteten Wortes. Es verkörpert das eigentümliche
Paradox, schwülstigen Byzantinismus, geprägt von überbordenden
künstlichen Farben und Formen, mit glasharter, geschliffen scharfer,
auf ein Minimum reduzierter Sprachprägnanz zusammenzubringen. Mit
fast lächerlicher Ernsthaftigkeit versucht der Poet ein derartiges
Unmaß an Schön- und Vollkommenheit über dem Leser auszugießen,
zwingt er ihn zur Wahrnehmung dessen, was man heutigentags als
"Reizüberflutung" bezeichnen würde, daß diesem
kaum eigener Entscheidungsspielraum bleibt und er sich entweder bewundernd
hin- und aufgibt oder angewidert zurückschaudert. Da heißt
es, sich einem scheinbar unbeugsamen Willen unterwerfen, dem Willen
Algabal-Georges, der sich nicht nur für den Herrscher über
die Menschen, sondern auch über die (selbsterschaffene) Natur wähnt.
Der schöpfung wo er nur geweckt und verwaltet
Erhabene neuheit ihn manchmal erfreut ·
Wo ausser dem seinen kein wille schaltet
Und wo er dem licht und dem wetter gebeut.
Dieser neue, herrische Wille teilt sich auch im Konzept
mit, denn mit dem "Algabal" liegt erstmals ein Zyklus, ein
dreigliedriger, vor. Im "Unterreich" wird eine rein artifizielle
Welt dargestellt, die sich im zweiten Abschnitt "Tage", einer
hochstilisierten Alltäglichkeit, sprich dem bloßen Dasein
des jugendlichen Kaisers aussetzen muß, und endet schließlich
im "Die Andenken" überschriebenen Teil, was selbstredend
die hybriden Andenken des Kaisers meint. Unschwer war hier die historische
Gestalt des Heliogabalus auszumachen, des knabenhaften römischen
Kaisers syrischer Abstammung aus dem dritten Jahrhundert, der sich selbst
den Namen seines Gottes, des Sonnengottes, verlieh, damit den Sonnengottkult
auf seine eigene Person ummünzend. Längst allem Menschlichen
fremd, schafft er sich eine künstliche Welt, in der jeder verbindlich
sittliche Gedanke einer unbedingten, besser: einer bedingungslosen Ästhetik
geopfert wird. Diese selbst vielmehr wird Maß und Wert des Handelns.
Wenn um der zinnen kupferglühe hauben
Um alle giebel erst die sonne wallt
Und kühlung noch in höfen von basalt
Dann warten auf den kaiser seine tauben.
Er trägt ein kleid aus blauer Serer-seide
Mit sardern und safiren übersät
In silberhülsen säumend aufgenäht ·
Doch an den armen hat er kein geschmeide.
Er lächelte · sein weisser finger schenkte
Die hirsekörner aus dem goldnen trog ·
Als leis ein Lyder aus den säulen bog
Und an des herren fuss die stirne senkte.
Die Tauben flattern ängstig nach dem dache
"Ich sterbe gern weil mein gebieter schrak"
Ein breiter dolch ihm schon im busen stak ·
Mit grünem flure spielt die rote lache.
Der kaiser wich mit höhnender gebärde . .
Worauf er doch am selben tag befahl
Dass in den abendlichen weinpokal
Des knechtes name eingegraben werde.
Um es noch einmal verdeutlichend zu wiederholen, was da
geschieht: der lydische Sklave, der bei untertäniger Geste, bei
der Huldigung, die Tauben des Kaisers aufschreckt, gibt sich selbst
den Tod, um diese Schuld zu sühnen. Kein Wort fällt über
die menschlich - ethischen Dimensionen einer solch unglaublichen Tat,
die in obigem Kontext allerdings nahezu profan, logisch wirkt, stattdessen
wird der ästhetische Eindruck manifestiert, ein Farbspiel konstatiert,
das das Rot des noch warmen Blutes auf dem Grün des kalten Marmor
hervorbringt:
Mit grünem flure spielt die rote lache
Doch ist der Knecht nicht umsonst gefallen: "mit
höhnender gebärde", die man zu Recht auch zynisch hätte
nennen können, holt der Gott-Kaiser ihn in die Existenz zurück
- als einmalige Namensgravur im abendlichen Weinpokal. Wenig später
unterstreicht die Duplizität der Situationen den Hyperästhetizismus
des misanthropischen Aristokraten. Die Reaktion auf die vom Kaiser befohlene
Enthauptung des Bruders, genügt sich in der schönen, erhabenen
Geste:
Hernieder steig ich eine marmortreppe ·
Ein leichnam ohne haupt inmitten ruht ·
Dort sickert meines teuren bruders blut ·
Ich raffe leise nur die purpurschleppe.
Es scheint nachvollziehbar, wenn hier die Verwandtschaft
von Kunst und Tod hervorgehoben wurde (David), ohne freilich darauf
hinzuweisen, daß damit auch der Tod der Kunst herbeigeführt
wird: ihr Kältetod oder - ihre Einlösung. Sowohl Schöpfer
als auch Geschöpf wissen um das Dilemma des Schöpfen-Müssens,
um den Zwang zur Neuheit, die sich stets selbst überlebt. Vergegenwärtigen
wir uns noch einmal:
Der schöpfung wo er nur geweckt und verwaltet
Erhabene neuheit ihn machmal erfreut ·
Wo ausser dem seinen kein wille schaltet
Und wo er dem licht und dem wetter gebeut.
George, der mit Algabal zwar nicht die Geschichte, wohl
aber das Schicksal teilt, erfaßte damit nicht nur sein eigenes
Dilemma, sondern auch das der Moderne: sie stößt an ihre
anthropologischen Grenzen, schon weil das Neue nie in Ewigkeit neu sein
kann - denn weil es neu ist, muss es altern - ist es somit verdammt,
Mode zu werden. Diese aber scheut der moderne, der exklusive
Geist wie der Teufel das Weihwasser - und bringt sie doch mit jeder
Neuheit zwanghaft hervor. Ihr ist nicht (mehr) zu entkommen; man kann
sie lediglich entkommen lassen. Nur indem man die Mode entkommen lässt,
lässt man sie auch hinter sich. Rimbauds Diktum: "Man muss
unbedingt modern sein", wird an dieser Stelle von George zum letzten
Mal wahrhaft ernst genommen und an die Grenzen seiner Wirksamkeit getragen,
wo es absurd oder lächerlich, in beiden Fällen aber sinnlos
wird.
Mit "Algabal" legte George ein Werk vor, das
dichterische Grenzen, d.h. Grenzen des Verdichtens, aufzuspüren
versucht, manchmal auch überschreitet, das den Saum des dichterischen
Landes berührt, indem es paradoxerweise wagt, die poetischen Potentiale
der Sprache zu entgrenzen, ein Werk, das man, mit Dubost, einem
Philosophen aus dem Umkreis Derridas, als "letzten Text" bezeichnen
darf, als eine letzte Form des Sagbaren.
Man kann Moderne als jenen geistesgeschichtlichen Zustand
charakterisieren, der die Grenzen der Sagbarkeit auszuloten versucht,
der aufgrund eines unbedingten Wollens das stets Neue, noch nie Dagewesene,
das Originelle zu produzieren strebt, kurz, der aufgrund seines inhärenten
Dranges zum habenden Fort-Schreiten, letzte Möglichkeiten schaffen
will, letzte Texte vor allem, Marksteine, die dem Finder Unsterblichkeit
garantieren sollen. Friedrich Gundolf spricht das in seinem oft nebulösen
George-Buch seltsam klar und deutlich aus: "Jeder echte Künstler
will das schlechthin Neue, d.h. Ursprüngliche, jeder 'Schöpfer'
das Ungewesene das durch ihn erst entsteht. George ist hier der Gipfel
und das Ende jener dichterischen Kunst von der Flaubert, Baudelaire,
Mallarmé, Huysmans geträumt haben". So, wie man heute
noch die mutmaßlichen Beginner verehrt, Menschen und Mythen wie
Homer, Solon, Platon und Aristoteles, so wird man die Beschließer,
die Finalisten ehren, insbesondere in der Moderne, die den Gewinn für
einen höchsten Wert erachtet. Dass die Rechnung scheinbar aufgeht,
beweist ein so gewaltiger Geist wie der Hegels oder ein so radikal offener
wie der de Sades und beide wiederum verweisen auf die historische Wurzel
der Moderne, auf die Aufklärung. Man muss jedoch wissen, dass es
unabsehbar viele Formen von letzten Texten geben kann und allein schon
diese Tatsache mag ein solches Projekt, den letzten Satz sagen,
letztlich das letzte Wort haben zu wollen, ad absurdum zu führen.
Wiederum ist der letzte Text als Endpunkt eines modernen Tentakels,
Ausgangspunkt für neue Formen, Ebenen von Texten, und es scheint
daher nur zwangsläufig, wenn Hegel und de Sade - um bei den exemplarischen
Beispielen zu bleiben - als Sprungbretter in die sogenannte Postmoderne
dienen, ja es muss daher auch gestattet sein, selbiges bei George zu
wagen, der, um auf den Anlass zurückzukommen, mit dem Algabal-Zyklus
einen solchen letzten Text schuf, sich damit als Mustermoderner empfiehlt,
mit Grenzüberschreitungsoption via Postmoderne. George freilich
nimmt die Option nicht wahr, vielmehr regrediert er von seinem auf die
Spitze getriebenen Ästhetizismus in eine rasch radikalisierende
Ethik, gewissermaßen in einen Ethizismus, und das, obwohl er geahnt
haben muss, dass gerade die Aufhebung ethischen Denkens auf der Tagesordnung
steht, eine Aufhebung zu Gunsten eines, man darf sagen, mystischen Holismus
- was im übrigen schon von Nietzsche her zu erfahren war. Überhaupt
zielt Moderne stets auf das Einzige, Ewige und anhand Georges kann man
exemplarisch nachvollziehen, dass die Entfernung von dem einen Pol des
Einzig- und Ewigkeitsdranges, vom Monismus, zum anderen, dem Holismus
nicht groß sein muss. Georges früher Kosmopolitismus hat
diese Entwicklung hin zur Ganzheitlichkeit, zum Holismus also, sicher
gefördert, prinzipiell erklärte sich damit jedoch, weshalb
heutigentags oft die Konservativen die Revolutionäre sind.
Seine nun folgenden Werke sind gekennzeichnet von diesem
Ringen der Allschau mit den engen moralischen-didaktischen Einzäunungen,
und so wie der Dichter der mittleren Jahre die Zucht, die Reinheit,
die Strenge propagierte, also ethische Werte, so scheint das Spätwerk
Spuren von zur Ganzheitlichkeit drängender Altersweisheit aufzuweisen.
Verfolgen wir diese Entwicklung, weniger des Beweises wegen als um sie
verständlich zu machen, anhand des Schaffens. Das Bewusstsein,
mit dem "Algabal" einen letzten Text geschaffen zu haben,
muss man einem, trotz aller Strenge, so sensiblen Geiste unbedingt zugestehen
und eine Äußerung wie diese: "denn was ich nach dem
Algabal noch schreiben soll, ist mir unfaßlich", die einem
Brief an Hofmannsthal entstammt, mag das unterstützen. Aber George
hatte gerade die Mitte seiner zwanziger Jahre durchschritten und besaß,
wie wir sahen, schon von früh ein klares Sendungsbewusstsein. Seine
frühe Flucht in die Weltfremdheit geschah in Siebenmeilenstiefeln
und schon mit "Algabal" erreicht er die äußerste
Sphäre, die man nur verstummend oder tot überwinden kann.
Für ihn musste es folglich, und genau das beschreibt die Signatur
der Moderne, weitergehen, weil er, etwa im Gegensatz zum genialischen
Rimbaud, der, wie man weiß, mit 19 Jahren seine letzten Verse
schrieb und danach Händler wurde, ein Ziel, ein Ideal, eine Utopie
besaß, besitzen wollte. Und weitergehen hieß erst mal zurück
in die Welt, hieß Kontaktaufnahme mit den Realitäten und
hieß auch Arrangement mit den Hässlichkeiten dieser Welt.
Von nun an wird der uneingestandene Verlust an Esoterik oftmals durch
Attitüde ersetzt, die geheimnisvolle Geste verschleiert nicht selten
das Fehlen eines eigentlichen Geheimnisses, einer tragfähigen Idee.
Mit dem letzten Gedicht des Algabal - Zyklus, "Vogelschau",
dem vielleicht vollkommensten, manifestiert, im Sinne des Wortes, George
noch einmal - wahrscheinlich um den Abschied wissend - eindrucksvoll
seinen l'art-pour-l'art-Ästhetizismus (wobei es die üppigen
Alliterationen zu beachten gilt, einem häufigen Stilmerkmal der
Georgeschen Dichtungen und der Klangspur der weichen "W" -
und "Sch" - Laute, die mit der atmosphärischen Klarheit
opponieren). Klang- und Farbsignale buhlen zugleich um die Perzeptionsgunst
des Lesers:
Weisse schwalben sah ich fliegen ·
Schwalben schnee- und silberweiss ·
Sah sie sich im winde wiegen ·
In dem winde hell und heiss.
Bunte häher sah ich hüpfen ·
Papagei und kolibri
Durch die wunder-bäume schlüpfen
In dem wald der Tusferi.
Grosse raben sah ich flattern ·
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am grunde über nattern
Im verzauberten gehau.
Schwalben seh ich wieder fliegen ·
Schnee- und silberweisse schar ·
Wie sie sich im winde wiegen
In dem winde kalt und klar!
Daraus lässt sich noch eine letzte, wenn auch nicht
abschließende Schlussfolgerung ziehen, die sich um den "Wert"
der Lyrik sorgt. Wenn sie, die Lyrik, nämlich das Versprechen halten
kann, das sie gattungsbedingt gibt, dann ist in ihr jener Raum zu verorten,
in dem die Innerlichkeit am Äußerlichsten ist, aus dem Tiefsten
schöpft und nach Außen bringt, der Ort also, an dem das Ich
sich am weitesten vorwagt. Dies angenommen, kann hier etwas vorgefunden
werden, dem weder die alternativen Formen der Literatur noch die Philosophie
je so nahe kommen könnte - und vielleicht noch nicht mal die Anschauung.
Bei Stefan George freilich, stimmt das so nicht mehr, da das Ich, statt
den Weg an die Oberfläche zu suchen, sich im Kunstwerk, im Ge-Dicht
verschanzt, mit dem Gedicht verflicht, so dass ein Entwirren kaum noch
möglich scheint. Damit hat die Lyrik eine ihrer tradierten Hauptaufgaben,
ihren Botschaftscharakter, verloren, um eine neue zu gewinnen: sich
selbst. Das Ich zieht sich ins Ge-Dicht zurück und verweist den
Leserblick auf "es", statt auf sich.
Da diese Lyrik um ihrer selbst willen, die Kunst um ihrer
selbst willen, entsteht, da sie weder Ursache noch Ziel zu benennen
weiß und nur aus sich selbst heraus lebt und in sich selbst untergeht,
da ihr einziger unhintergehbarer Zweck die Zwecklosigkeit ist, büßt
sie ihr expansives Gewaltpotential weitestgehend ein und wird, quasi
als Liturgie, als praktizierte ewige Wiederkehr des Gleichen zum Hohepriester
der Gelassenheit. Sie unterscheidet sich dabei wesentlich von der vom
Mittel zum Zweck mutierten Wissenschaft dadurch, dass sie inhärent
die alles entscheidende Frage Wozu? stellt, bzw. deren positive Beantwortung
in Hinblick auf einen moralischen Wert verweigert, während die
Wissenschaft, sofern sie die Frage nicht längst schon verdrängt
hat, stets antworten wird: um fortzuschreiten, um zu wissen... und was
es dergleichen leere Legitimationsformeln noch gibt. Das ist bei den
technischen Wissenschaften unmittelbar evident, betrifft unter den Geisteswissenschaften
vor allem die Geschichtsforschung. Georges Credo hingegen ist im "Siebenten
Ring" festgehalten, interessanterweise in einem Spruch an Gundolf
("warum" heißt hier offensichtlich "wozu"):
Warum so viel in fernen menschen forschen und in sagen
lesen
Wenn selber du ein wort erfinden kannst dass einst es heisse:
Auf kurzem pfad bin ich dir dies und du mir so gewesen!
Ist das nicht licht und lösung über allem fleisse?
Aber tun wir nicht gerade genau dies: In fernen Menschen
forschen, in Sagen lesen? Gilt der Vorwurf nicht uns selbst, in diesem
Augenblick, sollten nicht auch wir uns von allem "fleisse"
lösen? Nein, denn es geschieht nicht zweckfrei, insofern wir den
einzigen Zweck, auch dieser Veranstaltung, in der Zwecklosigkeit ausmachen,
indem wir, statt auf Ethik und Tat, statt auf Moralismen und Verhaltensmaßregeln
und was man nicht alles noch tun müsste, auf Ästhetik und
Kontemplation, auf Schönheit und Ruhe verweisen. Auf eine reflexiv
gefüllte Ruhe, die uns, aufgrund ihrer Fülle wiederum
nur auf sich selbst verweist. Im Dichten, wie überall, aber besonders
im Dichten hat das Denken Primat und wie stets ist Denken, reines Denken
ursache- und daher schuldlos.
Georges Modernismus ist ein Antimodernismus, das Gründungsdokument
der modernen Literatur verkündet seine eigene Negation, die Negation
der Modernität. Daraus resultiert Georges brisante Aktualität.
Aber es ist auch, vor allem in formaler Hinsicht, ein Hypermodernismus;
beides zusammen umschreibt die tiefe Ambivalenz dieses Geistes. So richtig
will das, aus heutiger, distanzierter Sicht nicht zusammenpassen. Man
wird Adorno zustimmen müssen, der das auffällige "Mißverhältnis
zwischen dem wollenden Eingriff und dem Schein des gelösten, unwillkürlichen
Worts" hervorhob. Vergessen wir auch nicht, dass diese Ambivalenz
die Moderne seit Beginn an prägt; man denke nur an Baudelaires
Bilder des Großstadtmolochs, die von erschreckender Schönheit
sind.
Drei Jahre mussten die sich nun um ihn scharrenden Jünger
warten: auf die "Bücher der Hirten- und Preisgedichte der
Sagen und Sänge und der hängenden Gärten". Wir müssen
darüber hinwegeilen. Die oft untergründige Melancholie der
Verse mag darauf hindeuten, wie intensiv der Dichter mit ihnen und sich
rang, wie stark die "große trübnis", die ein "wahrer
künstler" zu durchleben habe, auf ihm lastete. Die einzige
Liebe, die George je einer Frau entgegenbringen konnte und die keine
Erfüllung fand, mag ihr Übriges geleistet haben. Ihr galt
wohl auch das folgende kleine Gedicht, das ob seiner Zartheit sicher
zu Recht zu den beliebtesten gehört.
Wenn ich heut nicht deinen leib berühre
Wird der faden meiner seele reissen
Wie zu sehr gespannte sehne.
Liebe zeichen seien trauerflöre
Mir der leidet seit ich dir gehöre.
Richte ob mir solche qual gebühre ·
Kühlung sprenge mir dem fieberheissen
Der ich wankend draussen lehne.
Und doch darf man sich selbst hier nicht täuschen
lassen. Hört man genau hin, so ist die latente Gewalt hinter der
seelischen Kulisse melancholischer Empfindsamkeit nicht zu leugnen,
etwa in der Wenn-Dann-Kausalität, die ein anderes, erklärtermaßen
geliebtes Leben mit dem eigenen belastet, in gewisser Weise erpresst:
Wenn ich heut nicht deinen leib berühre
Wird der faden meiner seele reissen
Oder in den versteckten Imperativen, die zwar demonstrativ
Freiheit zu lassen scheinen, tatsächlich aber alle Freiheit fordernd
ersticken:
Richte ob mir solche qual gebühre ·
Kühlung sprenge mir dem fieberheissen
Arnold Schönbergs Interpretation dieses kurzen Gedichts,
wiedersetzt sich zwar den ausdrücklichen Lesevorstellungen Georges,
macht dafür aber eindrucksvoll das Drängende, Fordernde des
Liebesbegehrens deutlich. Nur am Rande sei erwähnt, dass die Schönbergschen
Vertonungen der George-Lieder als Markstein, als Revolution in der Musikgeschichte
gelten, da sie die Ära der Zwölftonmusik einleiten. Georges
lapidarer Kommentar, als man sie ihm vorspielte, soll gelautet haben:
"Das haben wir doch hinter uns".
Überspringen wir aus methodologischen Gründen
Georges erfolgreichste Gedichtbände, "Das Jahr der Seele",
"Der Teppich des Lebens", auch sein esoterischstes Buch "Der
Stern des Bundes", verzichten wir des weiteren darauf, von Maximin,
dem ins Göttliche erhobenen Jüngling zu erzählen oder
die durchaus wissenswerte und kulturhistorisch einmalige Geschichte
des legendären George-Kreises, seines Verlages, seiner Veröffentlichungen
usw. darzulegen und eilen zu einem prototypischen Gedicht aus Georges
letztem Gedichtband. Mit dem kleinen, unscheinbaren Gedicht "Das
Wort", das 1928 im "Neuen Reich" erschien, allerdings
knapp zehn Jahre vorzudatieren ist, schuf George vor allem ein metaphysisches
Kleinod, das entsprechend für Furore sorgte und auch heute noch
zu den - man möchte fast sagen - populärsten Dichtungen seiner
Feder zählt.
DAS WORT
Wunder von ferne oder traum
Bracht ich an meines landes saum
Und harrte bis die graue norn
Den namen fand in ihrem born -
Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark ...
Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart
Sie suchte lang und gab mir kund:
"So schläft hier nichts auf tiefem grund"
Worauf es meiner hand entrann
Und nie mein land den schatz gewann ...
So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.
Die wahren metaphysischen Abgründe, in die diese
Zeilen hineinleuchten, können nur angedeutet werden, aber selbst
diese Andeutungen werden verdeutlichen, wie intensiv der Dichter gelesen
werden will, sollen die poetischen Keime ihre philosophischen Früchte
tragen.
Was fällt auf? Hier vielleicht die Gliederung. Unschwer
sind drei Teile auszumachen.
Der erste:
Wunder von ferne oder traum
Bracht ich an meines landes saum
Und harrte bis die graue norn
Den namen fand in ihrem born -
Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark ...
der zweite:
Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart
Sie suchte lang und gab mir kund:
"So schläft hier nichts auf tiefem grund"
Worauf es meiner hand entrann
Und nie mein land den schatz gewann...
und der dritte:
So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.
Was thematisiert das Gedicht? Das Wort, und das heißt:
die Sprache.
Schließlich eine dritte Frage. Was beschreibt das
Gedicht, mehr noch, was beschreiben die einzelnen Teile? Die Szenerie
mutet märchenhaft an, da ist von Ferne und Traum die Rede, da harrt
die Norn, die nordische Schicksalsgöttin am Brunnen, der Quelle,
die hier antikisierend "Born" heißt, vergleichbar dem
Land, welches mit dem kaum noch gebräuchlichen Begriff "Mark"
bedacht wird. Gleich die erste Zeile, "Wunder von ferne oder traum"
suggeriert - bestätigt allerdings nicht - Vielzahl, Wiederholung.
Was da geschieht, geschieht öfter und es geschieht so wie beschrieben.
Wäre es nicht so sagenhaft, es könnte fast alltäglich
erscheinen. In diese Regelhaftigkeit schneidet die einmalige Ausnahme
eine erste tiefe Zäsur: "Einst". "Einst" soll
heißen: Einmal, vor einer Zeit, aber vor allem: Einmal oder: Die
Ausnahme. Und tatsächlich, der Norn gelingt es dieses eine Mal
nicht, den Namen zu finden, und dem Dichter nicht, den Sprachschatz
zu gewinnen. Es bleibt ihm nichts anderes, als daraus, aus beidem, der
Regel und der Ausnahme, die Schlussfolgerung zu ziehen:
So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.
Das Gedicht besitzt die logische Form eines Syllogismus.
Einer allgemeinen Prämisse wird ein Sonderfall als zweite Prämisse
beigeordnet, was schließlich zur Konklusion führt. Ein Gedicht
syllogistischer Struktur, ist, soweit ich sehe und von einigen Sonetten
absehe, keine weitverbreitete Sache und sollte schon daher Aufmerksamkeit
erregen. Was den Dichter wohl zu solcher Dichte verleitete? Die versteckte
logische Form einmal entschlüsselt, lässt die Finalität
der Verse begreifen, die ganz offensichtlich auf den Schlusssatz zulaufen.
Zudem ist es die einzige Zeile, die, von der Überschrift abgesehen,
das entscheidende Wort birgt, das Wort "Wort". Doch schon
zu Beginn wird dem Leser eine Ungeheuerlichkeit unterbreitet, will der
Dichter doch behaupten, dass ein Ding, und sei es noch so wunderlich,
erst dann zu greifen, zu begreifen ist, wenn es benannt, benamt wurde.
Mithin ist es überhaupt erst dann, denn was nicht ist, lässt
sich nicht greifen. Das Wort also soll über die Allmacht verfügen,
Dinge sein zu lassen oder, wie Heidegger sagt, der diesem Gedicht zwei
sehr lesenswerte Aufsätze widmete: "Das Wort schafft dem Ding
erst das Sein". Nicht an und für sich, sondern nur für
uns selbstredend, denn nur für uns sind Dinge, oder besser: nur
für uns sind die Dinge Dinge, auch wenn sie an und für sich,
ohne uns sein könnten - wie etwa besagtes, aber namenloses Kleinod.
Derart zumindest müsste unsere Schlussfolgerung lauten, wenn wir
die anfänglichen positiven Erfahrungen verallgemeinern wollten,
umso mehr, wenn wir den einzigen Misserfolg bedenken und unzweifelhaft
im finalen Satz "kein ding sei wo das wort gebricht". Was
soll das heißen, es gebricht? Man kann sich in solchen
Fragen bedenkenlos Heidegger anvertrauen, den mit George vor allem eines
eint: Sie sind beide die Lehrer der sprachlichen Sinnzusammenhänge,
die Finder der verloren geglaubten oder vergessenen sprachlichen Entsprechungen,
in diesem Sinne auch die Künder der im Keim angelegten Vollwertsprache
und deren Erblühen. Freilich unterschätzten beide die technizistischen
und wissenschaftsmethodischen Verdummungskapazitäten, wie vermutlich
alle abendländischen, eschatologisch getrimmten Dichter und Denker.
Was uns nämlich in der Moderne durch die Modernität widerfährt,
weil wir immer wieder fahren, statt fahren zu lassen, ist das Unvorstellbare,
das Undenkbare. Weil wir zu er-fahren versuchen, was wir erfahren
wollen und damit die eigentliche Erfahrung verhindern, sprich zum Neustart
verdammt sind. Nach Heidegger jedenfalls heißt "gebricht":
es fehlt. Nicht wo das Wort versagt, sei kein Wort, sondern wo es fehlt,
nicht ist oder verfehlt.
Warum aber schrieb George nicht im weitaus gebräuchlicheren
Ton: "Kein ding ist wo das wort gebricht", nutzt stattdessen
das viel ungebräuchlichere "sei"? Der Verzicht auf die
indikative Form des Verbs "sein" scheint mit einem Verzicht
auf Eindeutigkeit zusammenzuhängen, was gemeinhin als typisch modern
gilt. In der Tat ist die grammatische Zuordnung nicht leicht, die deutsche
Sprache gestattete sich hier eine Grauzone in der Bedeutungen verwischen
können. Wenn man die Validität, die Gültigkeit also,
vom Aussagen variieren will, so bietet die deutsche Sprache dafür
konjunktivische oder imperativische Formen an. Der Imperativ ist nun
keineswegs nur "Befehlsform", wie die deutsche Übertragung
fälschlicherweise glauben macht, sondern kann auch Bitte, Warnung
und Wunsch ausdrücken. Insbesondere letztere Möglichkeit,
die optative Form, die Aussageform des Wunsches, verwischt sich mit
ihrem imperativischen Pendant. Die klassische und paradigmatische Aussage,
die das verdeutlicht, ist Goethes bekannter Spruch: "Edel sei der
Mensch, hilfreich und gut". Und so geht auch Georges "Kein
ding sei wo das wort gebricht" mit den Möglichkeiten schwanger,
wenngleich die Finalität, die Konklusion, vor allem auch der kategorische
Doppelpunkt, der die Aussage apodiktisch setzt, eine imperativische
Deutung unterstützen, aber selbst dann darf die Mehrdeutigkeit
des "sei" nie außer acht gelassen werden. Jedenfalls
haben wir es nicht mit einer allgemeingültigen Aussage zu tun,
die demnach auch keine philosophische Relevanz beansprucht - insofern
als Philosophie nur deskriptiv, reflexiv wirksam sein kann -, sondern
mit einem Diktum oder anders: es wird eher festgesetzt als festgestellt
und auch diese Festsetzung hat eher Gültigkeit im Georgeschen Für-Sich
als im An-und-Für-Sich. Und nur so kann sie überhaupt von
Interesse sein, ist sie doch als philosophische Erkenntnis seit langem
Allgemeingut, während sie als Vorschrift noch unerhört war.
Mehr noch als der Inhalt, interessiert also die Sageweise, was bei einem
Gedicht, das sich offenbar mit der Sagbarkeit beschäftigt, nur
konsequent scheint.
(Von hier aus wird auch sichtbar, dass Georges Poesie
bis in den strukturalistischen Diskurs hineinreicht, denn ganz offensichtlich
wird doch hier eine Situation vorgeführt, in der ein Signifikat
von keinem Signifikant gefüllt werden kann. Ohne kann das Signifikat
aber nicht sein, weil es als inhaltliche Seite des Zeichens, dieses
selbst, den Signifikant nicht entbehren kann. Nichts Geringeres als
die in der Dekonstruktion Derridas aufgezeigte und unterminierte Macht
des Signifikants, thematisiert unser Autor.)
Bei George freilich handelt es sich um ein allgemeines
Primat. Oft ist es weniger der Inhalt als der erhabene Ton, das rein
sprachliche Ringen um das Unsagbare, das tief Gefühlte, das Erschauern
und Erschauen lässt; es macht das Wort zum Virtuosen der seelischen
Sphärenklänge.
Aber noch etwas belebt diesen spezifischen Imperativ,
noch etwas lässt uns bei ihm verweilen. Es wird das eigenartige
Ziel der Aufforderung sein, die sie vom gewohnten Gebrauch des Imperativs
unterscheidet. Gemeinhin beinhalten diese eine Aktion, einen Aufruf
zur Tat, zum Tun, und genau der ist hier nicht vorzufinden, ganz im
Gegenteil wird ein Lassen favorisiert. Dass dieses Lassen in Trauer
vonstatten geht und als Verzicht empfunden wird, darf beim Dichter,
der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Dinge zu benennen und Wörter
zu finden, nicht verwundern, viel eher gilt es die Ruhe zu würdigen,
in der diese bittere Einsicht zur Sprache und damit zur Welt kommt.
Kaum vorstellbar noch, dass es einmal hieß, man müsse unbedingt
modern sein. Die Stellung Georges zur Moderne wird man danach erneut
mindestens als antimodern bezeichnen müssen und in seinen hellsten
Momenten, wie etwa in vorliegendem Gedicht, als amodern. Wenn von Verzicht
im Sinne eines Lassens die Rede ist, zudem imperativisch verkleidet,
dann will die inhärente Aufforderung sowohl zur Aufgabe des zwanghaften
Schöpfens als auch des zwanghaften Suchens animieren, denn alles,
was sein kann, zumindest alles, was gut sein kann, was gut sei - wenn
man so will - ist schon, ist schon da, wenn es auch oft
nicht mehr hier ist. Ist es aber da ohne hier zu sein, so kann
man es womöglich herholen, man kann es suchen, etwa im Sprachschatz,
den die Norn hütet. So erklärt sich die fast vollkommene Absenz
von Neologismen in den Dichtungen Georges, so erklärt sich auch
die Vielzahl von Archaismen, nicht minder die strengen Formen, die versuchen,
allen Überfluss, allen Ballast fahren zu lassen und das Sprachwerk
auf ein Minimum zu reduzieren und so spricht sich Georges poetische
Gelassenheit noch in stilistischen Marginalien, etwa im Verzicht, im
Weglassen von Präfixen aus, um nur ein Stilmerkmal zu nennen. In
gewisser Weise ist selbst der Begriff des "Verzichtes" noch
ein Euphemismus, so als hätte der Dichter doch noch das letzte
Wort, als hätte er noch die Wahl. Tatsächlich aber liegt es
nicht in seiner Macht, zu entscheiden, er ist an das Wort der
Norn gebunden. Gelassenheit will somit auch nicht nur ein Verzichten
sein, sondern ein viel schwierigeres Verzichten-Können, das aus
der Einsicht in die letztendliche Sinnlosigkeit allen irdischen Strebens
geboren werden muss. Für die Norn ist der Dichter durchaus auch
eine Last, da sie doch an des "landes saum" lebt, ein Saum,
eine Grenze, die sich mit jedem Fund ausweitet. Nicht um ein als Territorium
zu denkendes Land handelt es sich, sondern um das Gebiet der Sprache,
das Sprachland und eben das expandiert mit jeder neuen Wort-Ding-Entsprechung.
Man könnte es der Norn daher nicht verübeln, wenn sie mal
nicht fündig wird, hat dann auch nicht die Gewissheit, dass es
keinen Namen gibt, kann sie doch auf ein ureigenes Interesse verweisen,
nicht fündig zu werden: ihre Ruhe. Zugleich ist sie die Schutzgöttin
des Unbekannten. Da deutet sich bereits ein Gedanke an, der uns abschließend
beschäftigen wird. Was als Ding eine wörtliche Entsprechung
findet und damit in die Existenz treten darf, liegt in der Macht der
sagenhaften Norn, der Zauberin. Einer rationalistischen, technizistischen,
verwissenschaftlichten Welt, einer, wie Max Weber es nannte, entzauberten
Welt, hält George nun, nach der künstlichen, hyperästhetisierten
Unterwelt des Algabal, seine neue Zauberwelt entgegen, plädiert
sogar für eine Wiederverzauberung. Konservativismus erhält
bei ihm positiven Wert. Konservativ sein heißt: im Regress der
Gelassenheit und zur Gelassenheit - hier sind Mittel und Zweck identisch
- auf halbem Wege stehen zu bleiben, aber auch und vor allem, den halben
Weg, nein, nicht gegangen zu sein, sondern ihn gehen gelassen zu haben.
Dabei handelt es sich im Übrigen, falls die erkenntnistheoretische
Verortung von Interesse ist, um eine Verzauberung aus platonischem Geiste.
Die Grundkonstellation verrät Georges Platonismus, der, grob verallgemeinert,
die Entsprechung von Idee und Ding beinhaltet. Die Namen nämlich,
über die die Norn wacht, sind schon da, auf ewig, wie die Ideen
Platons und wenn sie sich seelengleich der Dinge bemächtigen, dann
erst sind sie etwas. Nur wenn das Ding ein Ideenkorrelat hat,
kann das Wort, das die Idee aussagt, es in die Existenz setzen. In der
Tat zählte Platon zu den meistdiskutierten Denkern des George-Kreises.
Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart
Was soll das denn für ein eigenartiges Ding sein,
dieses "kleinod reich und zart"? Ganz unproblematisch ist
es ja nicht, die beiden Eigenschaften zusammenzudenken. Ein Kolibri,
wie Hildesheimer es sich vorstellte? Schon möglich, aber als Denkbewegung
etwas unökonomisch. Leichter ließe sich doch an eine Blume
denken - reich und zart. Dafür gäbe es wenigstens Indizien,
spielt das Blumenmotiv in den Dichtungen Georges doch eine gewisse Rolle,
unter anderem als Sprachallegorie. Die Blume ist daher sogar schon als
"Abbreviatur für eine sich selbst reflektierende Sprache"
(Durzak) ausgemacht worden und trotzdem diese Erklärung in unser
Gedicht, das ja auch sich selbst reflektierende Sprache ist, kongenial
einpassen würde, will es nicht recht gefallen. Muss man überhaupt
bei einem Ding an etwas Dingliches, Gegenständliches denken? Persönlich
würde ich an ein Wort glauben. Das "kleinod reich und zart",
das Ding, das nicht sei, ist selbst ein Wort, ein Wort-Schatz. Gibt
es eigentlich Worte - oder meint George Wörter? - wo kein Ding
ist, lässt sich also das Verhältnis umkehren? Ja und nein.
Das Wort ist kräftig genug ohne Ding-Grund: das Phantasiewort,
das Nonsenswort, das Zauberwort. Und doch ist es nicht dinglos, nicht
unbedingt, insofern es des dinglichen Schöpfers bedarf, zugleich
aber selbst Ding ist. Es existiert also nicht nur das Wort "Wort",
sondern auch das Ding "Wort", d.h., wo das Wort ist, ist auch
das Ding - rein indikativ gemeint -: als es selbst und als Geschöpftes.
Heidegger ging sogar noch weiter und spielte mit dem genialen Gedanke
im "kleinod reich und zart" ein Gedicht auszumachen. Warum
nicht gar das Gedicht "Das Wort" höchstselbst, dem ja
tatsächlich ein Name verwehrt ist, so dass es sich selbst benennen
musste. Aber sei es wie es sei, die Zeilen werden es uns nie offenbaren
und genau das ist doch der Sinn, denn sofern der abschließende
Imperativ präskriptiv, also vorschreibend gemeint ist, sofern betrifft
er auch uns. Auch wir, die Leser müssen lernen, dass kein Ding
sei, wo das Wort gebricht - das ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung
mit dem Gedicht. George stellt seine Leser auf eine paradoxale Probe;
während das Diktum zur Kenntnis genommen wird, verleitet das Gedicht
im selben Rezeptionsakt, dagegen zu verstoßen, sich erneut auf
die Suche des unbedingt Neuen zu begeben. Die reflexive Suche führt
letztlich jedoch zu nichts anderem, als deren Aufgabe. Wir finden, dass
es nichts zu finden gibt und das relativiert doch wohl auch die Suche.
Dem Leser wird keine Erfahrung vermittelt, wie er anfangs glaubte, er
muss vielmehr selbst die Erfahrung machen oder anders gesagt: das Gedicht
sagt sich selbst aus. Wenn es verstanden ist, kann es darüber keine
wirkliche Trauer, keine Enttäuschung mehr geben. Es hat uns bedenklich
gestimmt - und was, bitte schön, soll ein Gedicht mehr leisten
können?
Als Schlusswort will das noch nicht recht befriedigen;
es gibt mehr zu verdienen als eine abschließende versteckte Lektüreempfehlung.
Man könnte schließlich versuchen, so etwas wie ein Vermächtnis
oder ein Credo des späten George namhaft zu machen. Das ist keineswegs
der Versuch, doch noch das letzte Wort zu haben - der Dichter selbst
wird das letzte Wort sprechen.
DIE TOTE STADT
Die weite bucht erfüllt der neue hafen
Der alles glück des landes saugt · ein mond
Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·
Endlosen strassen drin mit gleicher gier
Die menge tages feilscht und abends tollt.
Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt
Am felsen droben die mit schwarzen mauern
Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.
Die stille veste lebt und träumt und sieht
Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·
Das schweigen ihre weihebilder schüzt
Und auf den grasigen gassen ihren wohnern
Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.
Sie spürt kein leid · sie weiss der tag bricht an:
Da schleppt sich aus den üppigen palästen
Den berg hinan von flehenden ein zug:
"Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
Wenn ihr nicht helft - im überflusse siech.
Vergönnt uns reinen odem eurer höhe
Und klaren quell! wir finden rast in hof
Und stall und jeder höhlung eines tors.
Hier schätze wie ihr nie sie saht - die steine
Wie fracht von hundert schiffen kostbar · spange
Und reif vom werte ganzer länderbreiten!"
Doch strenge antwort kommt: "Hier frommt kein kauf.
Das gut was euch vor allem galt ist schutt.
Nur sieben sind gerettet die einst kamen
Und denen unsre kinder zugelächelt.
Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.
Geht mit dem falschen prunk der unsren knaben
Zum ekel wird! Seht wie ihr nackter fuss
Ihn übers riff hinab zum meere stösst."
Dieses Gedicht gehört zu jenen, die man gern heranzieht,
wenn man Georges antihumanistische, menschenverachtende Position hervorheben,
wenn man das Führerproblem der Deutschen betonen möchte oder
sogar auf Ahnensuche geht.
Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.
Das ist starker Tobak, keine Frage, aber bevor man das
1907 veröffentlichte Gedicht mit dem Wissen der Spätgeborenen
im Nachhinein verdammt, sollte zuvor eine andere, aktuellere Ebene zur
Kenntnis genommen werden, die öko-logische. Sie misst sich nach
anderen Maßstäben ein, links und rechts sind vor ihren Plagen
keine relevanten Koordinaten mehr. Vieles spricht doch dafür, dass
George Probleme antizipierte, die die heutigen sind und noch keine Politik
zu begreifen verstand, geschweige denn zu lösen, dass er Dinge
mit feinem Auge wahrnahm, für die noch siebzig Jahre später
der Großteil der Menschen blind war und die auch nach neunzig
Jahren noch immer ignoriert werden.
Dichtung ist verdichtete Geschichte; das Ge-Dicht ist
demnach zugleich Ge-Schicht. Verdichtet wird Geschichte als narrative
Struktur, als Geschichte, die man erzählt und als Geschichtetes,
als Geschichte, die man im Gefäß der Erinnerung schichtet,
Schicht für Schicht ablagert. Dabei kommt es zu einem natürlichen
Verdichtungsvorgang, der letztlich in der Annulierung der untersten,
der dichtesten Schicht gipfelt, oder besser versinkt. Die poetische
Dichtung hingegen hat, mit Hilfe der Schrift, die Möglichkeit erlangt,
das Geschicht in ein künstliches Gedicht zu prägen, kann somit
die natürliche Verdichtung, wenn auch nicht aufhalten, so doch
beinträchtigen. Das poetische Gedicht ist jene Dichtungsform, die
dabei am stringentesten sein kann; sie verdichtet Geschichtsmengen zu
so hoher Dichte, wie keine andere Form der Dichtung. Doch ist die Dichtung
als verdichtete Geschichte durchaus nicht die älteste Form, vielmehr
ist sie an die Idee des Fortschritts, die Idee des Ziels, des Sinns
- von Geschichte - bereits gebunden und diese Ideen sind keineswegs
permanent. Nein, sie selbst sind Ur-Sache der Geschichte. Älter
noch ist die Dichtung als Sein-Könnende Geschichte, die Dichtung
des Magier, Schamanen, des Zauberers, der nicht nur die gedichteten
Korrelate zu den materiellen und immateriellen Dingen kannte - das Zauberwort,
den Zauberspruch - sondern auch Zukunft sah. Zukunft sehen, ist das
Gegenteil von Zukunft entwerfen. Das Gedicht war also vornehmlich, und
vor allem vor dem Geschicht, Ge-Sicht, der Dichter war Seher. Dieses
Ideal galt es wiederzuentdecken. Nicht umsonst schrieb Rimbaud in seinen
berühmten delirierenden Briefen: "Ich sage, dass man ein Seher
werden, sich zum Seher machen muss. Der Dichter macht sich zum Seher
durch eine langdauernde, unerhörte und wohlüberlegte Entgrenzung
aller Sinne.", nicht umsonst spricht er von einer Universalsprache,
in der jedes Wort ein Gedanke sei, nicht umsonst versuchte er das Geheimnis
der Vokale zu lüften. Rimbauds Ziel war, eingestandenermaßen,
"eine neue Sprache finden". Man geht jedoch fehl, dieses Ideal
auch George zu unterstellen, wie dies etwa Adorno tat, als er feststellte,
George wolle eine neue Sprache. Nein, "finden" heißt
bei Rimbaud "erfinden", bei George dagegen hat "finden"
etwas mit dem Suchen des Verlorenen zu tun. Für Rimbaud war Baudelaire
der erste Seher und George steht in beider Nachfolge. Zumindest im deutschsprachigen
Raum dürfte er der erste, vielleicht sogar der einzige moderne
Dichter sein, der die Symbiose von Gedicht, Geschicht und Gesicht auf
höchstem lyrischem Niveau verkörpert und damit die beiden,
seit der Antike angenommenen archetypischen poetischen Temperamente
- den orphischen Typ, den vates, mit Zungen redenden, inspirierten Geist
und den Typ Daedalus, den dichtenden artifex, den Arbeiter im Sprachgarten
des Herrn - in einer Person glücklich vereint. Das hat mit Anmaßung
wenig gemein, selbst, wenn George dichtete:
Des sehers wort ist wenigen gemeinsam
sondern ist allein der Versuch, die urtümliche Funktion
der Dichtung - das Gedicht als Gesicht - wiederzubeleben.
Dir kam ein schön und neu gesicht
Doch zeit ward alt · heut lebt kein mann
Ob er je kommt das weisst du nicht
Der dies gesicht noch sehen kann.
Im Gesicht empfängt er die Kunde, die er im Gedicht
verkündet, die dann im Geschicht versinkt. Ob einer ein Dichter
sei, scherzte der gealterte George einmal vielsagend, erkenne er ebenso
am Gesicht wie am Gedicht. Vor der apriorischen Verurteilung der Kündergeste,
die der moderne Kritiker allzu gern anbringt, sollte die Kunde auf ihren
Gehalt geprüft werden. Da wiegt jedes Wort, insbesondere das letzte.
Gerade als Apokalyptiker hat George den Heutigen möglicherweise
das Dringlichste zu sagen.
Appendix:
Ein weiteres Meisterwerk:
aus lametta vom christbaum der drittletzten erleuchtung
Ich wünschte dass ihr jene pfade trätet
Auf denen unsre antilopen-süchte
Den myrrenduft berauschenderer früchte
Genossen als um die ihr glücklich bätet
Dass weid und pappel ihres matten silbers
Entwohnten zierrat euch zu knien schütte
Indes zum tempelhof des weltvergilbers
Die knaben wallen wein in buchner bütte.
Dann würden eure wunden durch die gitter
Der allzustrengen schergen röter bluten
Und eure seelen auf dem hochgeschuhten
Kothurn des engels nahn dem kranz der ritter.
Christian Morgenstern
Literatur
George, Stefan: Werke. Ausgabe in zwei Bänden.
Adorno, Theodor: Noten zur Literatur.
Apel, Friedmar: Wandlungen des Romantischen. Zur Geschichte
des poetischen Subjekts im 19. Jahrhundert.
Arbogast, Hubert: Die Erneuerung der deutschen Dichtersprache
in den Frühwerken Stefan Georges.
Baudelaire, Charles: Sämtliche Werke/Briefe
Boehringer, Robert: Das Leben von Gedichten.
Boehringer, Robert: Mein Bild von Stefan George.
David, Claude: Stefan George. Sein dichterisches Werk.
Dubost, Jean-Pierre: Einführung in den letzten Text.
Durzak, Manfred: Zwischen Symbolismus und Expressionismus:
Stefan George.
Eckel, Winfried: Die künstlichen Paradiese. Analysen
zur Literatur des Symbolismus.
Falk, Walter: Die Ordnung in der Geschichte. Eine alternative
Deutung des Fortschritts.
Friedrich, Hugo: Die Struktur der modernen Lyrik.
Gadamer, Hans-Georg: Philosophische Lehrjahre.
Gundolf, Friedrich: George.
Heftrich, Eckard u.a. (Hg.): Stefan George Kolloquium.
Heidegger, Martin: Unterwegs zur Sprache.
Hink, Walter: Poetik als Poesie. Deutsche poetologische
Lyrik der Neuzeit.
Huysmans, Joris-Karl: Gegen den Strich.
Jost, Dominik: Stefan George und seine Elite.
Lamping, Dieter: Moderne Lyrik.
Manacorda, Giorgio: Il canto di un sogno che ancora non
c'é.
Mann, Thomas: Reden und Aufsätze.
Mattenklott, Gert: Bilderdienst. Ästhetische Opposition
bei Beardsley und George.
Möller, Joachim: Wagner-Nietzsche-George. Das Ende
von Musik-Philosophie-Dichtung.
Morgenstern, Christian: Gedichte - Verse - Sprüche.
Nalewski, Horst: Nachwort zu Stefan George.
Petrow, Michael: Der Dichter als Führer? Zur Wirkung
Stefan Georges im "Dritten Reich".
Reich-Ranicky, Marcel (Hg.): 1000 Gedichte und ihre Interpretationen.
Rimbaud, Arthur: Sämtliche Werke.
Ross, Werner: Baudelaire und die Moderne.
Sartre, Jean Paul: Baudelaire.
Schödlbauer, Ulrich: Stefan George: Positionen der
Moderne.
Schonauer, Franz: Stefan George.
Starkie, Enid: Das Leben des Arthur Rimbaud.
Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne.
Winkler, Michael: Stefan George.
Winkler, Michael: George-Kreis.
Wolters, Friedrich/Elze, Walter: Stimmen des Rheines.
Wuthenow, Ralph-Werner (Hg): Stefan George in seiner Zeit.
Dokumente zur Wirkungsgeschichte.
Zmegac, Victor: Kunst und Gesellschaft im Ästhetizismus
des 19. Jahrhunderts.
Zweig, Arnold: Standbild und Einsturz des Stefan George.
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darf ohne seine schriftliche Zustimmung in keiner Form vervielfältigt oder weiter
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dieser Seite:
21.09.2004
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