Die Theorie der Abduktion bei Charles Sanders Peirce und Umberto Eco

von Jörg Seidel


"Es gab keine Intrige", sagte William, "und ich habe sie aus Versehen aufgedeckt."

Der Name der Rose

 

"Alles was ich Ihnen gesagt habe, bis zu diesem Moment inklusive, ist falsch."

Das Foucaultsche Pendel

 

"Haltet die Augen offen und deckt Geheimnisse auf, über die Ihr nichts wißt."
"Das ist es, was ich immer getan habe, Eminenz. Oder jedenfalls glaube ich das, denn ich habe vergessen, daß ich's getan habe."

Die Insel des vorigen Tages


Inhalt:

  1. Charles Sanders Peirce
    1. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie
    2. Logik und Psychologik: die Abduktion
  2. Umberto Eco
    1. Das theoretische Werk
    2. Das literarische Werk

 

Der offensichtliche Drang des Menschen zur Kategorisierung, die häufig Quelle des Miß- und Unverständnisses ist, machte auch vor dem Denken von Charles Sanders PEIRCE nicht halt, indem es dieses unter den Begriff des „Pragmatismus“ bzw. (in späterer Absetzung von DEWEY, JAMES, SCHILLER u.a.) des „Pragmatizismus“ einordnete, dabei allerdings PEIRCE‘ eigener Empfehlung folgend. ECO macht aus seiner Beeinflussung durch PEIRCE keinen Hehl, bemerkte 1986 gar, "das PEIRCE‘ Denken (für ihn) immer wichtiger geworden ist“ (ECO: Semiotik Theorie, S.12) [1], vermeidet den Pragmatismusbegriff aber weitgehend. Nicht zufällig verweist dies auf die selektive Lesart des Semiotikers, der vor allem an logischen und semiotischen Problemen interessiert ist. Bei einer so umfassend kohärenten Theorie wie der von PEIRCE, scheint die Abnabelung einiger Theoriebestandteile jedoch schwierig zu sein, und so impliziert das Sprechen über Abduktion, Semiotik oder Fallibilismus immer schon den ganzen Pragmatismus. Von daher kann auf eine kurze Erläuterung der Grundideen nicht verzichtet werden, zumal PEIRCE mitunter deutlich auf den Diskurs der Postmoderne verweist, in den ECO unauslösbar verstrickt ist.

 

1. CHARLES SANDERS PEIRCE

Nicht zu unterschätzen sind PEIRCE‘ Beteuerungen, mit dem Pragmatismus keine systematische Philosophie, kein philosophisches System geschaffen zu haben, sondern lediglich eine Methode des Denkens (vgl. z.B. Peirce 8.206), die keine statischen oder infalliblen Momente akzeptiert. Leider waren die Differenzierungsversuche nicht immer ausreichend, wie etwa HORKHEIMERs eigenartige Abrechnung mit dem Pragmatismus zeigt, der über den von ihm angenommenen marxistischen Rahmen schießt, wenn er zum einen von einem einheitlichen Pragmatismus spricht, zum anderen diesen als Widerspiegelung einer Gesellschaftsformation vulgarisiert. An dieser Stelle interessiert nur, und dies lediglich exemplarisch, der erste Gesichtspunkt. "Der Kern dieser Philosophie (sic!) ist die Meinung, daß eine Idee, ein Begriff oder eine Theorie nichts als ein Schema oder ein Plan zum Handeln ist, und deshalb ist Wahrheit nichts als der Erfolg der Idee" (HORKHEIMER, S. 49). HORKHEIMER wirft dem Pragmatismus, als amorphe Masse, vor, daß er die Wahrheit liquidiere, "indem er sie mit den praktischen Handlungen der Verifikation gleichsetze". Die partielle Ehrenrettung PEIRCE‘, dem der Kritiker der instrumentellen Vernunft wenigstens seinen Kantianismus anerkennt, kann nicht das prinzipielle Mißverständnis verschleiern (das HORKHEIMER wie gesagt nur repräsentiert), wenngleich das Format eines solchen Denkers natürlich auch dafür garantiert, immer ein Fünkchen Wahrheit mitzuliefern. So verweist er etwa zurecht auf die enge Verbindung von Denken und Handeln, die offenzulegen das erklärte Ziel von PEIRCE war. Immer wieder suchte er im Spätwerk die Distanz zum „Praktikalismus“ und „Aktionalismus“ von JAMES [2], DEWEY u.a., denn er weiß, "daß es den Tod des Pragmatismus bedeuten würde, wenn er wirklich das Handeln zum ein und alles des Lebens machen würde" (5.429). Seine bedeutende Schrift "How to makes our ideas clear", die wesentlich diese Beziehung abhandelt, gipfelt in der als "Pragmatische Maxime" bezeichneten Aussage: "Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unserer Vorstellung zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das ganze unseres Begriffes des Gegenstandes." (5.402), die PEIRCE als "Anwendung des einzigen Prinzipes der Logik, das durch Jesus empfohlen wurde: 'an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen' " (ebd., Anm. 19) begreift. Ob diese biblische Legitimation tatsächlich notwendig war, bleibt zweitrangig, macht man sich erst die wirkliche Bedeutung klar, die auf jeden Fall ausschließt, "daß das Verhalten von Menschen über die Bedeutung eines Begriffs entscheidet" (HORKHEIMER; S.53), wie HORKHEIMER dem Pragmatismus funktionalistisch unterstellte. PEIRCE geht es offensichtlich um die Bedeutung der Begriffe, deren Klärung denknotwendig ist. Diese Klärung wiederum bedarf der Erhellung der tatsächlichen, wie auch der nur möglichen Wirkungen, und damit wird deutlich, daß HORKHEIMER, zumindest in Hinblick auf den Vater des Pragmatismus, das Pferd von hinten besteigt, den Sachverhalt also verdreht bzw. normativ interpretiert, was deskriptiv-rückschließend gemeint war. Die Gültigkeit von Begriffen erschließt sich aus den tatsächlichen und möglichen praktischen Konsequenzen und entgeht damit einer sinnlosen Abstraktheit. Gleichzeitig eröffnet PEIRCE damit den Weg, der die Verantwortlichkeit des Denkens im antizipativen Akt fordert und mithin in den strukturalistisch-dekonstruktiven Diskurs verweist. Die ursächliche Aussage der Pragmatischen Maxime macht deutlich, daß es sich hier zuerst um einen Ansatz handelt, der Bedeutung zu erklären sucht, und er kann das nur, wenn er sich auf die letzten Bedeutungseinheiten konzentriert, die Zeichen, sowie auf deren Konsequenzen in der Praxis, die sich zwangsläufig und objektiv aus der Dreieckskonstellation der Semiose ergeben, was letztlich auf eine Semiotik hinausläuft. Die Radikalisierung des pragmatischen Denkens und gleichzeitig seine Ausweitung auf den transkategorialen Bereich kann etwa bei DELEUZE deutlich gemacht werden, wobei es eben auf die Vaterschaft ankommt: "Aber vor allem war meine Art, mich dieser Epoche zu entziehen, glaube ich, die Geschichte der Philosophie als eine Art Arschfick zu verstehen, oder was auf dasselbe hinausläuft: unbefleckte Empfängnis. Ich stellte mir vor, hinter den Rücken eines Autors zu gelangen und ihm ein Kind zu machen, das sein eigenes und trotzdem monströs wäre. Es ist sehr wichtig, daß es sein eigenes ist, weil es nötig ist, daß der Autor wirklich all das sagt, was ich ihn sagen lasse. Aber es war auch wichtig, daß das Kind monströs ist, weil er alle Arten von Dezentrierung - Gleitbewegungen, Brüche, geheime Absonderungen - durchlaufen mußte, die mir beliebten" (DELEUZE: Kant, Einband) [3]. Nicht zuletzt resultiert aus dieser Vaterschaft die Aktualität des PEIRCEschen Denkens, impliziert die Notwendigkeit der Aufarbeitung eines weithin vergessenen Philosophierens.

Dies markiert den Fixpunkt, in dem PEIRCE, ECO und der postmoderne strukturalistische Strang zusammenfinden: das Verborgene im Text/Zeichen freizulegen, seine letzten Konsequenzen - in einem Akt der Verborgenheit, die Anwesenheit des Abwesenden, schon dagewesenen Signifikats - aufzudecken.

 

Der Pragmatismus ist epistemologisch [4] als Methode zu verstehen, die eine Antwort auf die Frage nach der Wahrheit oder Gewißheit sucht. Von Theorien, die einen erkenntnistheoretischen Ruhepunkt gefunden zu haben glaubten, distanzierte sich PEIRCE und machte dies frühzeitig in seiner Kritik an DESCARTES (5.264ff.) deutlich, welcher im cogito die letzte unbezweifelbare Entität ausmachte und die jahrhundertlange Suche, die mit PLATONs Apriorismus der Ideen theoriefähig wurde, zu bis dahin ungekannter Radikalität - erst HUSSERL war nochmals in der Lage, die Optik zu verschärfen - führte. PEIRCE bezweifelte also jenen universalen Zweifel des Franzosen in Hinblick auf die nicht zu rechtfertigende Universalität, die ein einzelner niemals beanspruchen könne (5.265) und die in diesen Extremen ohnehin unvermittelbar bleiben muß, zumal es die Grenzen der Subjektivität sprenge, letztendliche Wahrheiten für alle anderen postulieren zu wollen. Dem hält der Amerikaner die Prozessualität des Erkennens entgegen (z.B. 5.263/ 5.267), dessen Entwicklung durch kumulativen Charakter geprägt ist, welcher sich wiederum aus der Unmöglichkeit eines intuitiven Selbstbewußtseins ergibt (5.224, 5.237, 5.249). Dies angenommen, setzt Erkenntnisvermittlung voraus und schließt damit nicht nur die Bewußtwerdung, sondern auch den cartesischen wie jeden anderen Nullpunkt der Erkenntnis an sich aus. Da die vermittelte Erkenntnis durchaus eine falsche sein kann, muß auch die daraus resultierende und erweiterte Fragestellung selbst hinterfragbar bleiben, ein Punkt, den der cartesische Absolutismus, indem er die Frage nach der letzten Unbezweifelbarkeit selbst nicht bezweifelt, außer Acht läßt. Hier wurzeln historisch und entwicklungslogisch PEIRCE‘ wesentliche Ansätze, die in der Wissenschaftstheorie (in potentieller Antizipation der KUHNschen Paradigmentheorie - z.B. die Rolle der scientific community, vgl. 5.265), Semiotik (z.B. 5.253,5.287) und Logik (erstmals 5.272ff.) sich niederschlagen.

 

a) Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

Es gibt keine Wahrheit an sich, insofern als das Prädikat "wahr/falsch" stets nur ein Urteil über einen Sachverhalt darstellt [5], diesen selbst aber nicht beschreiben kann. Die Intentionalität der Wahrheit wiederum setzt einen sozialen Vergleich der Aussagen und somit eine soziale Situation der Aussagenden voraus. Eremitische Wahrheit ist letztlich unmöglich, weil ihr die Bestätigung des anderen fehlt, ebenso wie sie geneaologisch vom Vorherigen erst ermöglicht wurde. Klar setzt sich hier die PEIRCEsche Annahme eines kumulativen vom absoluten Charakter der Wahrheit ab, die demzufolge nur idealiter und approximativ zu erreichen ist. Gleichzeitig setzt das Konstrukt Wahrheit einen Konsenszustand der Wahrheitssuchenden voraus, die, immer im Plural, sowohl den Wahrheitswert als auch die erreichte Annäherung an diesen vereinbart. Ist der Konsens erreicht, der sich freilich immer wieder neu bestätigen muß, so offenbart sich erneut die Unmöglichkeit des cartesischen universalen Zweifels, der nämlich an diesem Punkt ins logische Paradoxon hineinschlittert, also gerade in jenen Zustand, der ausgeschlossen und verhindert werden sollte [6]. Der Moment des Konsenses ist der Moment der Zweifelsfreiheit, der mit dem rationalistischen Ziel der Zweifellosigkeit, Gewißheit oder Unbezweifelbarkeit kollidiert. Dieses Spannungsverhältnis führt mitten in PEIRCE‘ wichtige These des Fallibilismus, die sowohl direkt auf den postmodernen Diskurs im allgemeinen als auch auf ECO im speziellen verweist, zudem essentiell wurde für den wissenschaftstheoretischen Diskurs der Neuzeit. Der Fallibilismus-Vorbehalt beinhaltet, von den dargelegten Prämissen ausgehend, die Unmöglichkeit absoluter Wahrheitsbeanspruchung für synthetische, das sind wesentlich sozial vermittelte, Urteile und Aussagen. Dies umschreibt, auf einen Satz gebracht (und ihm damit zwangsläufig nicht gerecht werdend) das epistemologische Konzentrat des literarischen Werkes Umberto ECOs. Unabhängig davon, wie weit der einzelne bestimmte Sachverhalte als wahr erachtet, muß er von der Möglichkeit ausgehen, daß dieser wie jeder andere Sachverhalt falsch sein oder werden kann. In gewisser Weise kreiert PEIRCE hier einen neuen erkenntnistheoretischen Apriorismus, dem aber gerade das Apriorische abgeht. Dessen Relativität erweist sich nochmals, wenn bedacht wird, daß es hierbei nicht um prinzipielle Anzweiflung der Erkennbarkeit von Wahrheit geht noch um die Infragestellung der Wahrheit selbst, sondern um die ständige Möglichkeit der Falschheit beider Faktoren. Es geht um Wahrheit im Konjunktiv, also auch um einen ständigen Faktor der Verunsicherung, nicht aber der Unsicherheit. Kategorial ordnet sich der Fallibilismus also zwischen den Extremen Skeptizismus und Dogmatismus ein (vgl. BECKMANN, S. 47), kultiviert faktisch eine gewisse Sanftheit, Schwäche des Denkens (vgl. „pensiero debole“). Er akzeptiert also weder die Aussage, daß es keine noch daß es eine absolute Wahrheit gäbe.

Wenn alles Denken fallibel ist, so entfällt das Ziel Gewißheit bzw. kann nicht mehr als erreichbar gelten [7]. Freilich muß die nun leere Stelle, der Gegenpol zum Zweifel, der wohl zurecht seit Platon als Antrieb des (philosophischen) Denkens gilt, besetzt werden. PEIRCE realisiert dies im doubt-belief-concept, setzt dem Zweifel also die Überzeugung entgegen. Des Denkens "einziges Motiv, seine Idee und Funktion ist, eine Überzeugung herzustellen". (5.396) "Deine Probleme würden bedeutend vereinfacht, wenn du, anstatt zu sagen, daß du die Wahrheit erkennen willst, einfach sagtest, daß du einen Zustand der Überzeugung ereichen willst, der unangreifbar für jeden Zweifel ist" (5.416).

 

b) Logik und Psychologik – die Abduktion

PEIRCE‘ Logik im ganzen anzugehen, ist an dieser Stelle nicht möglich und, soweit zu sehen ist, ein noch weitgehend unerschlossenes und unverstandenes Feld. Hier soll vor allem die erste selbständige Leistung betrachtet werden, die neben der Semiotik auch ECOs Interesse fand, die Theorie der Abduktion, die innerhalb der PEIRCEschen Logik nur einen relativ geringen Teil einnimmt, zudem gebietsübergreifend von Bedeutung ist. Diese Einschränkungen akzeptiert, dürfte die Subsumtion gerechtfertigt sein.

Daß es neben der Deduktion und Induktion einen dritten Schlußtypus gibt, wußte bereits ARISTOTELES, und so beschränkt sich PEIRCE‘ Verdienst darauf, diesen Schlußtypus genauer untersucht und damit wissenschaftsfähig gemacht zu haben. Darüber hinaus gelang es ihm, die prinzipielle Bedeutung der Abduktion darzulegen, die zwar in der Logik der Forschung ihren Anwendungshöhepunkt findet, ihre Basis allerdings im individuellen Erfahrungsleben, in den jeweiligen Wahrnehmungsprozessen und in der individuellen Psychologie der Entscheidungen. Während die beiden klassischen Schlußtypen ihre allgemeine Anwendbarkeit durch ihre Idealtypik weitgehend verlieren, tritt mit der Abduktion die alltäglichste Variante deutlich hervor, die das gesamte menschliche Denken durchzieht. "Ziel des schlußfolgernden Denkens ist, durch die Betrachtung dessen, was wir bereits wissen, etwas anderes herauszufinden, das wir nicht wissen" (5.365), und PEIRCE zeigte, inwieweit besonders die Abduktion, die er zuerst Hypothese, später auch Retroduktion nannte, sich hierfür eignet.

Um die Differenzen und Gemeinsamkeiten beispielhaft zu verdeutlichen, griff PEIRCE des öfteren zu dem fast sprichwörtlich gewordenen Bohnensackexempel, das auch ECO verschiedentlich strapaziert und das, trotz seiner Bekanntheit, auch hier noch einmal erinnert wird, um daraus allgemeine Aussagen schließen zu können.

Deduktion
Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.

"Jede Deduktion hat diesen Charakter; sie ist nur die Anwendung allgemeiner Regeln auf besondere Fälle" (2.620). Ihr Vorteil, die unbedingte Notwendigkeit des Resultats, impliziert zugleich ihren Nachteil, den Verzicht auf eigentlichen Erkenntnisgewinn, denn in der Regel als allgemeiner Aussage ist das Resultat bereits enthalten, dem man sich dann nur noch versichern kann. Die Wenn-Dann-Konstellation, auf der jede Deduktion beruht und die diese Strenge bewirkt, beinhaltet jedoch noch ein zweites Problem. Die oberste Prämisse, d.i. die allgemeine, ist immer anfechtbar, da absolut. Absolutheit läßt sich aber nicht nach- oder beweisen (Anfechtbarkeit und Nichtbeweisbarkeit sind zwar nicht synonym, werden hier zweckrational aber kurzgeschlossen.). Dies ist die Grundbedingung des logischen Paradoxons, welches, zahlentheoretisch übersetzt, im GÖDELschen Theorem eine Erklärung (eine Lösung ist schlechthin unmöglich) fand. Danach enthalten alle wiederspruchsfreien axiomatischen Formulierungen unentscheidbare Aussagen. RUSSELs Paradoxie, mengentheoretisch angewandt, daß die meisten Mengen nicht Elemente ihrer selbst sein können, besagt prinzipiell das gleiche. PEIRCE‘ Bohnenbeispiel freilich ist nicht gut geeignet, die Richtigkeit der letzten Aussagen aufzuzeigen, da es relationslogisch (PEIRCE gilt als Wegbereiter der Relationenlogik) argumentiert, insofern, da A (alle Bohnen) B (weiß) ist, wenn C (Relation: dieser Sack). Im klassischen deduktiven Schluß liegt diese Unentscheidbarkeit gerade im "wenn". Wenn nämlich alle Menschen sterblich sind, Paul ein Mensch ist, dann ist Paul sterblich. Zwar spricht einiges dafür, daß alle Menschen sterblich sind, es ist jedoch schlechthin nicht verifizierbar. [8] POPPERs Falsifizierbarkeitsthese offenbart sich hier als teleologisch, denn sie löst dieses Problem nicht prinzipiell, schiebt es nur hinaus, läßt aber dem Wissenschaftler das beruhigende Gefühl, für sich eine Lösung gefunden zu haben und legitimiert weiterhin das Ziel. PEIRCE scheint GÖDEL schon erahnt zu haben, wenn er die Deduktion, "das notwendige Schlußfolgern", nur auf "ideale Sachverhalte" oder "auf Sachverhalte, insofern sie mit einem idealen in Übereinstimmung stehen" (8.209), anwendbar erklärt.

In der Klassifikation der Gesamtheit aller Schlüsse zeigt PEIRCE diagrammatisch die prinzipielle Differenz der Deduktion von den beiden anderen Formen:

Schluß

deduktiv oder analytisch synthetisch

Induktion Hypothese (2.623)

Die Induktion ist der Schluß von Fall und Resultat auf die Regel (2.622).
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.
Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.

Vor- und Nachteil der Induktion wenden sich gewissermaßen im Vergleich zur Deduktion. Ihre Synthetizität offenbart ihren erkenntniserweiternden Charakter, dem allerdings die Notwendigkeit abgeht. Auch hier also entbehrt die Regel der Beweisbarkeit, fungiert jedoch als Schluß. Damit gewinnt sie zeigenden Charakter, entspricht damit, wie PEIRCE im Brief an CALDERONI mitteilt, der experimentellen Untersuchung (8.209). Ihre prinzipielle Bedeutung für den Forschungsprozeß wird in der Wechselwirkung der drei Schlußtypen noch deutlicher. Bisher allerdings ist sichtbar geworden, daß die beiden klassischen Schlußarten die Beziehung zwischen Regel, allgemeiner, absoluter Aussage und Fall, der speziellen Aussage, verschiedentlich in Szene setzen.

 

Mit der Induktion stimmt die Abduktion in mindestens zwei Punkten überein, in ihrer Synthetizität inklusive der Fähigkeit der Erkenntniserweiterung und in ihrer wendeartigen Relation zur Deduktion: die Induktion "ist nicht die einzige Art, wie man einen deduktiven Syllogismus umkehren kann" (2.623). Es ist der Schluß von Regel und Resultat auf einen Fall.

Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.

Verdeutlicht man sich, daß ein Fall immer ein Einzelfall ist, so wird die Singularität des Schlusses einsichtig und damit der Hypothesencharakter. Dieser schließt neben der An-Sich-Hypothese gleichzeitig die Vermutung ein, daß der singuläre Schluß verallgemeinerbar sein könnte, worauf die Existenzberechtigung des Schlußverfahrens überhaupt beruht. Allerdings ist die Verallgemeinerbarkeit oft nicht vonnöten, um einen Zweck, der eben auch ein singulärer sein kann, zu erfüllen, so daß es sich hier um eine abstrakte, aber mögliche Größe handelt. Eine dritte Übereinstimmung, die sich zudem aus der Singularität ergibt, tritt zutage in der Unüberprüfbarkeit innerhalb desselben Diskurses. Was bei der Deduktion (im Sinne GÖDELs) und der Induktion jedoch als Mangel erfahren wird, akzeptiert die Abduktion inhärent, indem sie weitestgehend auf Strenge verzichtet. Als synthetischer Schluß ist die Induktion offenbar eine bedeutend stärkere Schlußform als die Hypothese (vgl. 2.642). Wenn die Abduktion streng ist, dann in dieser durchgehaltenen Hypothesenhaftigkeit, die, psychologisch betrachtet, Kreativität (nicht Raten, wie oft behauptet wird - doch dazu später) heißen könnte. Bereits der Ausgangspunkt der Abduktion ist eine hypothetische, erfundene, unerprobte allgemeine Regel (vgl. hierzu NAGL, S. 112). Dieser wird eine Realität subsumiert, um hernach zu schließen, daß diese Realität ein Fall dieser Regel ist (Hypothese). "Abduktion ist der Vorgang, in dem eine erklärende Hypothese gebildet wird" (5.171). "Durch Hypothese schließen wir auf die Existenz eines Faktums, das ganz verschieden von etwas Beobachtetem ist, aus dem sich jedoch nach den ganzen Gesetzen etwas Beobachtetes notwendig ergeben würde" (2.636) - womit PEIRCE beginnt, die Differenz zwischen den beiden synthetischen Schlüssen aufzuzeigen, denn die Induktion "ist das Schlußfolgern von Partikulärem auf das allgemeine Gesetz", die Abduktion das Schlußfolgern "von der Wirkung auf die Ursache". "Erstere klassifiziert, letztere erklärt" (ebd.). Mit diesem Erklären bringt die Abduktion als einzige Schlußart Eigeninitiative ein, sie ist das "einzige logische Verfahren, das irgendeine neue Idee einführt" (5.171). Sie löst sich damit von der unmittelbaren Beobachtung, die für die Induktion, so es sich um ähnliche Beobachtungsfälle handelt, noch bindend ist und schließt auf die Existenz von Phänomenen, die nicht beobachtet werden oder gar nicht beobachtet werden könnten, die also nicht auf ähnliche Fälle zurückzuführen sind. Kurz: es wird etwas angenommen, das die direkte Beobachtungsebene durchstößt. Um ihre Gültigkeit nachzuweisen, bedarf es auch hier der vierten Übereinstimmung mit der Induktion, der experimentellen Verifikation, der Arbeit des Detektivs. Angenommen, dieser findet einen Leichnam mit Schußverletzungen in der Herzgegend, und daneben liegt ein Revolver. Zweckmäßigerweise wird er vermuten, daß es sich hierbei um die Tatwaffe handelt.

Die erste experimentelle Verifikation ergibt die Fingerabdrücke des Opfers auf der Waffe, woraus der Detektiv nach obigem Schema auf Selbstmord schließt. Ergibt die Obduktion jedoch, daß die Leiche einen dreitausendfach erhöhten Arsengehalt im Gewebe aufweist, so wird die Regel erschüttert, und eine neue Hypothese ist notwendig. Approximativ gelangt der Detektiv (im Idealfall) zur Wahrheit, in Abhängigkeit seiner eigenen Kreativität und der des Mörders.

"Was ist unter einer guten Abduktion zu verstehen?". Sie muß die Fakten erklären und ihren Zweck erfüllen. "Was ist nun der Zweck einer erklärenden Hypothese? Ihr Zweck ist, dadurch daß sie dem Test des Experiments unterworfen wird, zur Vermeidung jeder Überraschung zu führen und zur Einrichtung einer Verhaltensgewohnheit positiver Erwartung, die nicht enttäuscht werden wird. Jede Hypothese kann daher, wenn keinerlei besondere Gründe für ihre Ablehnung vorhanden sind, zulässig sein, vorausgesetzt, daß sie in der Lage ist, experimentell verifiziert zu werden, und nur insofern sie solcher Verifikation zugänglich ist. Das ist annähernd die Lehre des Pragmatismus" (5.197). Die Verifikation wird andererseits ermöglicht, wenn Rhythmen, Ähnlichkeiten, Gleichförmigkeiten in der Natur u.ä. akzeptiert und angenommen werden. Demzufolge handelt es sich um eine Hypothese, "wenn wir finden, daß in gewissen Hinsichten zwei Objekte einander sehr ähnlich sind, und schließen, daß sie einander in anderen Hinsichten ebenso ähnlich sind" (2.624). Der Verdacht der Widersprüchlichkeit zu obiger Aussage (2.640) wird entkräftet wenn die Nuancierung zwischen Verifikation durch unmittelbare Beobachtung und durch Experiment beachtet wird. (vgl. hierzu APELs Anm.12, S. 249). Am Beispiel der Personenwahrnehmung, die sozialpsychologisch weitgehend untersucht wurde, wird sichtbar, wie enorm fehleranfällig das hypothetische Schließen ist, dargelegt in theoretischen Ansätzen wie dem primary-effect, regency-effect, der Übertragung etc.. Wie gesagt, diese Fehlerhaftigkeit wird akzeptiert, die Abduktion "ist bloße Vermutung ohne Beweiskraft" (8.209).

Nun gibt die Analyse der Abduktion noch kaum Auskunft über deren Bedeutsamkeit, die sich in der Anwendbarkeit herausstellen muß. Auftretende Zweifel werden von PEIRCE im Keim erstickt, denn er sieht die Relevanz von der Wahrnehmung über die Psychologie bis hin zur Forschungsentwicklung der Wissenschaften. Letzteres zuerst.

Die Logik der Forschung stellt sich demnach als ein Komplex von abduktiven, deduktiven und induktiven Schlüssen dar, deren Beginn und Basis die Hypothese ist. "Nachdem die Abduktion uns eine Theorie eingegeben hat, benützen wir die Deduktion, um von jener idealen Theorie eine gemischte Vielfalt von Konsequenzen unter dem Gesichtspunkt abzuleiten, daß wir, wenn wir gewisse Handlungen ausführen, uns mit gewissen Erfahrungen konfrontiert sehen werden. Wir gehen dann dazu über, diese Experimente auszuprobieren, und wenn die Voraussagen der Theorie verifiziert werden, haben wir ein verhältnismäßiges Vertrauen, daß die übrigen Experimente, die noch auszuprobieren sind, die Theorie bestätigen werden. Ich sage, diese drei sind die einzigen Schlußmodi, die es gibt. Ich bin davon sowohl a priori als auch a posteriori überzeugt" (8.209). Schließlich gibt uns die Induktion "die einzige annähernde Sicherheit hinsichtlich des Realen, die wir haben können" (ebd., vgl. auch 2.712). Zwangsläufig drängt sich die Nähe zu FEYERABENDs "anarchistischer Erkenntnistheorie" auf, die wirkungsvoll aus postmodern-pluralistischer Sicht in den wissenschaftstheoretischen Diskurs eingriff. Soweit zu sehen ist, geschah dies ohne ausdrückliche Besinnung auf PEIRCE. Gerade weil die Regelverletzungen im Wissenschaftsbetrieb stattfanden, gab es demnach eine Wissenschaftsentwicklung in der Geschichte. Jeder Ansatz, so der Österreicher, sei er auch noch so absurd, kann unser Wissen bereichern, und daher seien Hypothesen, auch irrelevante, irrationale, nicht belegte sowie kontra-induktive zuzulassen. "Es spielt keine Rolle, wie unwahrscheinlich diese Annahmen sind; alles, was sich ereignet, ist unendlich unwahrscheinlich" (2.642), argumentiert auch PEIRCE aus tychistischem Kontext. Mit der objektiven Verseuchung der Wissenschaftsdaten, die sich aus ihrer historisch-physiologischen Determiniertheit ergibt, müsse man leben. Ja, sofern überhaupt richtige Erkenntnis möglich ist, dann beruhe sie zumeist und zwangsläufig auf fehlerhaften Voraussetzungen. Beide Denker strapazieren die Beispiele GALILEI und KEPLER; so weist FEYERABEND überzeugend und spielerisch nach, wie stark GALILEIs empirische Daten mit dem ptolemäischen Weltbild korrelieren, er also nur mit Hilfe von Propaganda, Täuschung, Lüge und ad-hoc-Ideen (so behauptete GALILEI etwa, das Fernrohr aufgrund optischer Studien erfunden zu haben, während FEYERABEND nachweist, daß er von Optik weder Ahnung hatte noch die entsprechende Literatur kannte, das Fernrohr also zufällig, spielerisch entdeckte) sein neues Bild überzeugend darstellte (insofern war die katholische Kirche juristisch im Recht, als sie GALILEI verurteilte). "Eine neue Theorie kündigt sich im praktischen Verhalten an..." (FEYERABEND: Methodenzwang, S. 193), so FEYERABEND und im Hinblick auf POPPER, aber PEIRCE mitdenkend: "die wissenschaftliche Forschung, sagt Popper, beginnt mit einem Problem und schreitet fort zu einer Lösung. Diese Kennzeichnung berücksichtigt nicht, daß Probleme falsch formuliert sein können..." (ebd., S. 356).

Jedoch nicht nur im physikalisch-mathematischen Bereich [9] findet das konjektive Denken Anwendung. (Und wieder weht der Wind aus der solipsistischen Richtung.) PEIRCE gibt zu bedenken, daß die Existenz historischer Ereignisse und Personen nur hypothetisch anzunehmen ist, sobald sie vergangen und der Erinnerung entronnen sind. Die Existenz Napoleons, den wir nie gesehen haben, jedoch Bilder und Geschichten von ihm kennen, läßt sich nur hypothetisch als wirklich annehmen (vgl. 2.652, 2.642; vgl. auch ECO: Fiktionen, S.119f.). [10] Auch die ärztliche Diagnose muß immer Hypothese bleiben, von Symptomen ausgehend, schließt der Arzt retroduktiv, also zurück auf die vermeintliche Ursache. Die Ohnmacht des Patienten ergibt sich aus dessen Unfähigkeit, die Fähigkeit des Arztes zu überprüfen (vgl. ECO/SEBEOK: S. 140), gleichzeitig aber auch aus der Unmöglichkeit, die Falsifikation durchzuführen, die letztlich den Tod des Patienten nach sich zöge. Hier zeigt sich die Anwendungsbeschränktheit des POPPERschen Falsifikationismus. [11]

"Jemand müßte völlig verrückt sein, wollte er leugnen, daß der Wissenschaft viele wirkliche Entdeckungen gelungen sind. Aber jedes einzelne Stück wissenschaftlicher Theorie, das heute festgegründet dasteht, ist der Abduktion zu verdanken" (5.172).

Was im Forschungsprozeß zur Spitze getrieben wird, findet sich schon in den Elementareinheiten menschlicher Erkenntnis, in der Wahrnehmung. Die Hypothese bringt das sensuelle Element des Denkens hervor (vgl. 2.643) [12]. Nihil est intellectu, quod non prius fuerit in sensu. (5.181) Das in sensu liest PEIRCE als in einem Wahrnehmungsurteil, und insofern ist alles, was ich wahrnehme, ein Eindruck, der durch eine Aussage, welcher Form auch immer, handhabbar gemacht wird. Diese Umwandlung allerdings beruht auf einer Hypothese, denn das unmittelbar Wahrgenommene wird übersetzt interpretiert und verliert mit diesem Eintritt in die Semiose dabei die Ursächlichkeit. Jedes Denken ist ein Denken in Zeichen, meint der Semiotiker, und deshalb ist ein denkendes Verarbeiten von Wahrnehmungsinhalten gar nicht anders als interpretierend möglich. Denken und Semiose sind Synonyme. Wohlgemerkt handelt es sich um den Interpretationscharakter des Wahrnehmungsurteils, nicht um die Wahrnehmung selbst, es handelt sich dabei "wirklich um nichts anderes als den extremsten Fall abduktiver Urteile" (5.185), um den ursprünglichsten Fall zumal.

 

Wie aber vollzieht sich die Abduktion aus psychologischer Sicht?

PEIRCE versucht dieser Frage mit einem Denkmodell beizukommen, das, wie ich meine, deutlich auf LORENZ` Fulgurationshypothese verweist (vgl. LORENZ, S. 47) [13], die dort allerdings noch allgemein verstanden wird und sich daher besonders für eine Erläuterung anbietet. Als ursprünglich göttlicher Blitzstrahl (fulguratio) gedacht, bezeichnet dieser Begriff prinzipiell den Vorgang des In-Existenz-Tretens eines neu Geschaffenen oder einer neuen Verbindung, die, so LORENZ, völlig neue Systemeigenschaften aufweist. Und in der Tat scheint sich diese evolutionsgenetische Annahme auch auf das Denken ausdehnen zu lassen: "Die abduktive Vermutung kommt uns wie ein Blitz. Sie ist ein Akt der Einsicht, obwohl extrem fehlbarer Einsicht" (5.183). Das fulgurative Element des Zur-Einsicht-Kommens verweist auf das Unerwartete, Plötzliche, empfundene Zufällige, ja das Umwegige, verweist auf Dissoziationszustände des Denkens [14], wie dies im psychoanalytischen Diskurs, der selbst eine gewaltige und gewalttätige Abduktion ist, [15] wenngleich ohne Verifikationsmöglichkeit, da unaufhebbare Zirkularität vorliegt, benannt wurde. Deren gibt es viele, und sie alle kennzeichnet das Unbewußt-Werden: der Traum, der Rausch, die Meditation, Hypnose, Ekstase etc. Vielfältig sind die Wege, dorthin zu gelangen. [16] Als lichtvolle Einsicht/ Idee/Gefühl/Gewißheit beschrieben dies, und sie verwendeten dabei unwissentlich HUSSERLs Evidenzdefinition (vgl. HUSSERL, S.28 f., 109, 156, 191ff.) die Physiker EINSTEIN und HEISENBERG, die sowohl Relativitätstheorie als auch Unschärferelation erst entwarfen, als sie dies als Ziel bereits aufgegeben hatten. Auch der Lauf (oder anderer Ausdauersport, der keine Konzentration erfordert), rhythmische, tanzende...Bewegungen, führt die Gedanken zur Assoziation, indem der Körper aktiviert, ja dominierend wird, das Denken dadurch Freiheit von sich erlangt. Hypnose ebenso wie FREUDs/JUNGs Assoziationsmethode, können dazu führen, am berühmtesten jedoch dürften mystische Praktiken oder Drogen sein. An anderer Stelle nimmt PEIRCE Position gegen die Mystik ein, jedoch kann er das nur aus einer offensichtlich unwissenden und voreingenommenen Position heraus, denn gerade sein Argument, daß die Erkenntnis, d.i. die richtige Interpretation der Zeichen, auf etwas zurückzuführen sein müsse, "das auf jeden Menschen einwirkt oder einwirken könnte" (5.384), womit er die Mystiker als erledigt betrachtet [17], spricht für diese Methode als psychologische. Nicht der Verweis auf Gott, der ja tatsächlich den Menschen entlastet, sondern die beeindruckende Übereinstimmung der so vielen Mystikererlebnisse aller Zeiten, Kulturen und Religionen, die ebenfalls als lichtvoll und allumfassend beschrieben werden, deuten auf das fulgurative Abduktionserlebnis hin. Was schließlich die Drogen betrifft, so zeigen William von Baskerville und dessen literarischer Detektivpate Sherlock Holmes, daß und inwieweit ihr Genuß erkenntniserweiternd sein kann. (Demselben Zweck dient übrigens auch Holmes Violinenspiel, allerdings nur wenn er improvisiert, ebenso wie seine chemischen Experimente.) Es gilt dabei deren ursächliche Intentionen wiederzuentdecken, die in der modernen Gesellschaft fast gänzlich verlorengegangen sind, so daß hier Drogenmißbrauch die einzig mögliche Konsequenz ist (vgl. SLOTERDIJK: Weltfremdheit, S. 118-160). Gerade in jenen Situationen, die neue (systemneue) Ansätze erfordern, was mitunter mit einem Handlungsnotstand korrespondiert, ziehen sich die Protagonisten zurück, um die anregende Wirkung der Drogen zu Hilfe zu ziehen. Es geht dann immer darum, den tradierten Denkrahmen zu sprengen, um auf eine neue Ebene zu gelangen oder aber wie die Koan im Zen-Buddhismus die Kausalitäten zu zerstören, Zwänge und Determinationen zu beseitigen bis hin zur Sprachdetermination. Man könnte sich an einem Gedankenexperiment durchaus ECOs William von Baskerville vorstellen, wenn man sich PEIRCE‘ Worte vor Augen führt: "Es gibt eine gewisse angenehme geistige Beschäftigung, die ich ... weil sie keinem anderen Zweck dient als dem, allen ernsthaften Zweck links liegen zu lassen, halb geneigt war (auf eine näherhin zu qualifizierende Weise) Tagtraum zu nennen; aber für einen Geisteszustand, der der geistigen Leerheit und der bloßen Träumerei so diametral entgegengesetzt ist, wäre eine solche Bezeichnung ein gravierender Mißgriff" (6.458). [18]

 

In ihrer Alltäglichkeit scheint die Abduktion ein äußerst erfolgreiches Schlußverfahren zu sein, das zwar sehr häufig fehl schließt, was ihr offensichtlich aber verziehen wird. Zwei Fragen ergeben sich, die die Abstraktionsebene weiter erhöhen. Wie kann überhaupt eine menschliche Hypothese natürliche Prozesse erklären; woher stammt die Kompatibilität, und wieso sind immer so viele Treffer in all der vermeintlichen Raterei, die das Verfahren überhaupt erst legitimieren; was sind schließlich die Voraussetzungen dafür? Letzterer Teil der Frage wird von PEIRCE zwar gestellt, jedoch, so weit zu sehen ist, nicht beantwortet, so daß zuerst dem Philosophen selbst gefolgt werden soll. Dieser macht sich hier die Evolutionstheorie zunutze, indem er zum einen auf "gewisse Gleichförmigkeiten in der Natur, durch deren Erkenntnis eine Hypothese erheblich erweitert werden kann" (2.633) hinweist, andererseits eine gewisse Analogie zu Naturprozessen, zu evolutionären Prozessen sieht [19]. Der Mensch als Naturwesen kann schlechthin nicht anders, als natürliche Prozesse denkerisch zu replizieren und bleibt daher dieser Affinität unauslöslich verbunden [20], wenngleich sein Denken diesen Hiatus erst erschuf. Und wie das instinktsichere Tier die natürliche Einheit mit jedem Tun bestätigt, bleibt dem Menschen als (GEHLENsches) Mängelwesen, welches die Instinkte weitgehend verlor, nichts anderes übrig, als einen analogen kognitiven Vorgang einzusetzen, und dieser eben ist das konjektive Denken. Auch hier bestätigt sich das Ergebnis in der Praxis (wo nebenbei bemerkt die Nähe zur Pragmatischen Maxime wieder offensichtlich wird) und wird in Abhängigkeit zur Notwendigkeit früher oder später revidiert. "Dieses Vermögen der Einsicht hat zur selben Zeit die allgemeine Natur eines Instinktes, der insofern dem Instinkt der Tiere gleicht, als er über die allgemeinen Vermögen unserer Vernunft weit hinausgeht und uns führt, als ob wir im Besitz von Fakten wären, die gänzlich außerhalb der Reichweite unserer Sinne liegen. Es gleicht dem Instinkt weiterhin darin, daß es in geringem Maße dem Irrtum unterworfen ist; denn obwohl es häufiger den falschen als den richtigen Weg einschlägt, ist es im Ganzen gesehen doch das Wunderbarste unserer ganzen Konstitution" (5.173). Gerade dieses Wunderbare aufzulösen, gelang PEIRCE nicht - es fehlte ihm das empirische Material. Doch die Frage ist brisant, und PEIRCE war der Antwort ganz nah, muß es doch einen Grund geben, der die abduktiven Erfolge garantiert, und zwar jenseits der Wahrscheinlichkeit des Zufalls. Das Raten, wie PEIRCE hin und wieder glaubte [21], kann als Erklärung aus diesem Grunde nicht dienen. "Nein, nein, ich rate nie. Raten ist eine abscheuliche Angewohnheit, es zerstört die Fähigkeit, logisch zu denken" (CONAN DOYLE: Zeichen, S. 15) erkannte der Meister der kriminalistischen Hypothese, Sherlock Holmes, und an anderer Stelle wird man über die notwendige Voraussetzung belehrt, um diese Meisterschaft zu erlangen: "er hat eine ganze Menge abseitiger Erkenntnisse angehäuft" (CONAN DOYLE: Studie, S.12, vgl. auch: Zeichen, S. 10ff. u.a.). Aus der Schule der amerikanischen behavioristischen Sozialpsychologie kommend, hat Peter R. HOFSTÄTTER einen am empirischen Material gewonnenen Ansatz entwickelt, der (so glaube ich) das PEIRCEsche Problem lösen könnte, alles hängt dabei an der Frage des Wissens. Die "synthetische Gruppe", in der als ein mathematisches Konstrukt alle subjektiven Einzelleistungen addiert, um dann durch die Anzahl der Mitglieder dividiert zu werden, erreicht mit diesem Quotienten eine korrektere Lösung als jede Einzellösung für sich. Die approximative Korrektheit korreliert dabei mit der Anzahl der Einzellösungen, so daß HOFSTÄTTER eine statistische Utopie von der potentiellen Allwissenheit der Gruppe (HOFSTÄTTER, S.48 ff.) beschreiben kann. Statistisch betrachtet handelt es sich hier um ein Phänomen des Fehlerausgleiches. Erfolgversprechend kann diese Gruppe allerdings nur dann sein, wenn sie zwei wesentliche Bedingungen erfüllt: erstens, "daß in der Menge der Beurteilenden die Durchschnittsrichtigkeit der Urteile größer als Null sei" (ebd., S.43), wofür zweitens Voraussetzung ist, daß ein Mindestmaß an Wissen über das zu lösende Problem vorliegt. Gerade dies hebt es vom Ratehintergrund ab. Bleibt freilich die Frage, was das alles mit der Abduktion zu tun hat, die doch ein je individuelles Phänomen ist. Die Synthesis der Gruppe jedoch ermöglicht die Anwendung auf das PEIRCEsche Problem insofern, als eine Gruppensituation bereits im inneren Dialog gegeben ist [22]. Jede Entscheidungssituation aber teilt die Person zwangsläufig, so daß diese im Entscheidungsmoment dem Konstrukt der synthetischen Gruppe entspricht. [23] Wenn dann marginales Wissen vorhanden ist, wie dies die Detektive Holmes [24] und William von Baskerville anhäufen, so scheint die Situation günstig, durch abduktives Denken eine realitätsnahe Entscheidung zu fällen.

PEIRCE legitimiert dies auch wissenschaftstheoretisch und epistemologisch, denn nicht die Wahrheit als distinkter Entität, die ohnehin nur approximativ, "in the long run", anzustreben ist, sondern Überzeugt-Sein und Übereinstimmung in der Sozietät, der scientific community, sind Ziele allen Forschens. Dies ist nicht präskriptiv zu lesen, sondern stellt die deskriptive Erkenntnis PEIRCE‘ dar. Wir befinden uns damit wieder inmitten des pragmatischen Diskurses und können mit PEIRCE das Fazit ziehen: "Wenn Sie die Frage des Pragmatismus sorgfältiger Prüfung unterwerfen, werden Sie sehen, daß er nichts anderes als die Frage nach der Logik der Abduktion ist" (5.197)

 

 

2. UMBERTO ECO

Will man sich ECOs Theorie über Abduktion zuwenden, so stellt sich die Frage nach der Teilbarkeit des Werkes, und es ist schwerlich zu übersehen, daß er ein theoretisches (welches sich in semiotische, historische, ästhetische, philosophische, kulturkritische, linguistische etc. Studien noch unterteilen ließe) und belletristisches (Romane, Kurzgeschichten und Essays) Werk bisher vorlegte. Trotzdem wäre es nicht ungerechtfertigt, die Stringenz des Gesamtwerkes hervorzuheben, denn was er literarisch schuf, kann als angewandte Wissenschaft gelesen werden. Wird die Trennung trotzdem vollzogen, dann vor allem aus formalen Gründen und unter dem ständigen Bewußtsein der Kohärenz. Am Schicksal Herrn Sigmas machte ECO erstmals deutlich, womit die Semiotik sich befassen muß, nämlich mit allem [25] (ECO: Labyrinth, S.11), und in diesem erweiterten Sinne darf sie als Oberbegriff des gesamten Schaffens dienen.

 

a) Das theoretische Werk

Die Semiotik, als die Wissenschaft von den Zeichen, muß sich ständig mit der Intentionalität und Kausalität des semiotischen Prozesses beschäftigen, also mit der Interpretation zumeist verursachter und bezweckter Zeichen, mit Zeichen, die von einem Sender für einen Empfänger geschaffen und genutzt wurden. Sie muß sich dabei ihrer inhärenten Grenzen [26] bewußt sein, eben weil sie immer Macht intendiert. Dieser Prozeß unterliegt Signifikationen, die aufzuspüren weitestgehend Aufgabe der Abduktion ist. Ohne abduktives Herangehen wäre Semiose letztlich, d.h. von den idealtypischen und äußerst seltenen Fällen abgesehen, unmöglich. Soll ein Zeichen als solches fungieren, dann muß es erkennbar sein, unabhängig davon, ob die Erkennung je realisiert wird. Und genau diese Erkennbarkeit garantiert das abduktive Verfahren. Die Abduktion ist "das versuchsweise und risikoreiche Aufspüren eines Systems von Signifikationsregeln, die es dem Zeichen erlauben, seine Bedeutung zu erlangen" (ECO: Semiotik und Philosophie, S. 68). Im semiotischen Kontext fällt der Abduktion also die interpretative Aufgabe zu, sie ist eine Interpretation, die selbst logischen Regeln gehorcht, sie läßt das Zeichen erst als solches funktionieren, sie "ist das klarste Beispiel für die Erzeugung einer Zeichen-Funktion" (ECO: Semiotik Entwurf, S.188). Da ihr aber, wie bereits festgestellt, die logische Strenge fehlt, sie auf ein intuitives, zufälliges - verbunden mit marginalem Wissen - Element angewiesen ist, verzichtet sie auf die Suche von nomothetischen Erkenntnissen, allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten, womit sie sich ohnehin für die alltägliche Situation erst eignet. Im Alltag nämlich, nicht im Laborzustand, wird der übergroße Anteil an Entscheidungen gefällt, und diese lassen sich dann nicht, im Gegensatz zum Experiment, in Konstante und Variable aufgliedern. Die alltägliche Logik ist eine Logik der Unschärfe, sie gleicht den fraktalen, sich selbstähnlichen und dissipativen Strukturen der Natur [27]. Die hier anzutreffenden Entscheidungen sind schwierig im kontextualen Sinne, denn unbegreifbar bleiben die unendlichen Möglichkeiten. Diese Ohnmacht des menschlichen Geistes, mit einem endlichen Denkapparat dem Unendlichen gegenüberzustehen, ließ ihn den Zufall erfinden für all jene Sachverhalte, die unerklärlich, da tatsachenüberladen, sind. Die Vieldimensionalität muß ihr logisch-psychologisches Gegenüber finden, und sie hat dies in der Abduktion tatsächlich entdeckt. Abduktives Denken gab es, seit es Denken gibt, und dies darf nicht mit PEIRCE‘ oder ECOs Abduktionen über die Abduktion, deren Metaabduktionen, verwechselt werden. Ihre Bedeutung für die Semiotik zusammenfassend, meint ECO: "Eine Abduktion ist ein typisches Verfahren, mittels dessen man bei der Semiose fähig ist, schwierige Entscheidungen zu treffen, wenn man unklaren Instruktionen folgt" (ECO: Grenzen, S. 295). Die Unklarheit beansprucht dabei Objektivität.

Darüber hinaus müßten kaum noch Worte verloren werden, wenn nicht ECO den Versuch unternommen hätte, die PEIRCEsche Theorie der Abduktion zu konkretisieren und weiterzuentwickeln.

ECO unterscheidet verschiedentlich zwischen drei oder vier Stufen der Abduktion: "Auf der ersten Stufe ist der Befund zwar unerklärlich und sonderbar, aber das Gesetz existiert bereits irgendwo, vielleicht im Innern des betreffenden Problembereichs, und man muß es nur finden (als das Gesetz mit der größten Wahrscheinlichkeit). Auf der zweiten Stufe ist das Gesetz schwer zu erkennen. Es existiert woanders, in einem anderen Problembereich, und man muß eine Wette darauf riskieren, daß es sich auf den vorliegenden Problembereich ausdehnen läßt (dies war der Fall bei Kepler). Auf der dritten Stufe existiert das Gesetz noch nicht, und man muß es erfinden" (ECO: Spiegel, S. 210). Die erste der drei Stufen, die sich durch die steigende Schwierigkeit der Realisierung unterscheiden, nennt er "überkodierte Abduktion" [28] und meint damit die PEIRCEsche Hypothese. Es bleibt allerdings fraglich, ob PEIRCE tatsächlich an zwei Arten der Schlußfolgerung dachte, also ob er zwischen Hypothese und Abduktion unterschieden wissen wollte. Es handelt sich da wohl eher um eine kategoriale Neufindung, die sich ECO inhaltlich zunutze macht. Demnach wird hier einem bereits bekannten codierten Gesetz ein Fall abduktiv hypothetisch beigeordnet, wobei die situativen Umstände entscheidend und zu entscheiden sind oder im semiotischen Diskurs, der die Textualität der Welt voraussetzt: der Ko-Text [29], die textuale Einordnung, der Kontext, sowie die subjektive Situation des Texterzeugenden. Die vom Subjekt aus gesehen nächst höhere Stufe, die "unterkodierte Abduktion", liegt vor, "wenn die Regel aus einer Reihe gleich wahrscheinlicher Alternativen gewählt werden muß" (ECO: Semiotik und Philosophie, S.70). ECO erklärt diese an Hand der Entdeckung des ersten KEPLERschen Gesetzes. Nachdem KEPLER klar war, daß die Planetenbahnen nicht gleichförmig verliefen, mußte er eine Alternative finden, wobei ihm viele, aber nicht unbegrenzt viele Möglichkeiten blieben. Unter der Annahme der Regelmäßigkeit konnten ungeschlossene geometrische Figuren ausgeschlossen werden, und unter den geschlossenen schienen die Ellipsen nicht zuletzt wegen ihrer Kreisähnlichkeit als die effektivsten. Diese Annahme [30] wurde schließlich experimentell rechnerisch verifiziert. Am riskantesten, aber auch am bedeutendsten ist schließlich die "kreative Abduktion": "Das Gesetz muß ex novo erfunden werden" (ECO: Grenzen, S. 313). Berühmtes Beispiel ist "die kopernikanische Intuition der heliozentrischen Theorie" (ebd., S.329). Der Pole hatte weder empirische Veranlassung noch Beweismaterial, um das ptolemäische Weltbild in Frage zu stellen, außer dessen interne Schwierigkeiten, er ging von einem unergründlichen Harmoniegefühl, einer Sehnsucht nach Harmonie, aus. In einem geistigen Schöpfungsakt versetzte er die Sonne in den Mittelpunkt des Sonnensystems, eine Erfindung, die erst nach dessen Tode zur Entdeckung reifte [31]. Auch die detektivischen und interpretativen Abduktionen stellen zumeist kreative Abduktionen dar (vgl. ECO: Semiotik und Philosophie, S.72) und sind von daher für das literarische Werk ECOs von besonderer Bedeutung. Den Hiatus zwischen psychischen, abduktiv geschaffenen Welten und der realen Welt soll schließlich eine "Meta-Abduktion" überbrücken, der damit die Aufgabe der prinzipiellen Verifikation zukommt. Sie ist die Verbindung, die den festen Boden unter den Füßen garantiert und dürfte gemeinsam mit der kreativen Abduktion weitgehend PEIRCE‘ Abduktionsbegriff abdecken.

 

Es gibt, so ECO, ein bestimmtes Kriterium, welches eine gewisse Gewähr bietet, in der Vielzahl der möglichen Abduktionen, diejenigen auszuwählen, deren Annahme am erfolgversprechendsten ist. Bereits PEIRCE hatte dies erkannt, es bleibt jedoch ECOs Verdienst, dies explizit verdeutlicht zu haben. Auch der Vater des Pragmatismus nutzte eine detektivische Situation zur Verdeutlichung: "Ein gewisses anonymes Schriftstück besteht aus einem abgerissenen Stück Papier. Man vermutet, daß es sich bei dem Autor um eine bestimmte Person handelt. Sein Schreibtisch, zu dem er allein Zugang hatte, wird untersucht, und man findet in diesem ein abgerissenes Stück Papier, dessen Rand genau mit allen Unregelmäßigkeiten zu jenem fraglichen Schriftstück paßt. Es ist ein rechtmäßiger hypothetischer Schluß, daß die vermutete Person tatsächlich der Autor war. Der Grund dieses Schlusses ist offensichtlich der, daß es äußerst unwahrscheinlich ist, daß zwei abgerissene Papierstücke zufällig zusammenpassen" (2.632) [32]. PEIRCE gibt hier gewissermaßen eine negative Bestimmung dessen, was ECO als Ökonomiekriterium (z.B. ECO: Grenzen) oder Sparsamkeitskriterium (ECO: Autor) in die Semiotik integrierte. [33] Ohne Zweifel war es für den Pragmatisten notwendig, seine Theorie gegen Auswüchse zu schützen, bevor sie, positiv gewendet, weiterentwickelt werden konnte. Und in der Tat muß die Abduktion sich am Erfolg messen lassen, und dies erfordert, "von den Hypothesen alles auszuschließen, das unklar und unsinnig ist" (5.212). Phantasie ist zwar eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Hypothetischen, doch es kann auch dessen Ende bedeuten, wenn sie unendlich wuchert [34]. PEIRCE war sich darüber im klaren, daß jedes Zeichen immer auf andere Zeichen verweist, woraus sich eine virtuelle Unbegrenztheit der Zeichen ergibt, jedoch sei das kein Freifahrtsschein in die Beliebigkeit, konkretisierte ECO. [35] Dem ständen mindestens zwei Dinge entgegen: die Zwecke der Erkenntnis und eben das Ökonomieprinzip. Demnach ist diejenige Hypothese den anderen vorzuziehen, deren Aufwand am geringsten ist. Es handelt sich dabei zumeist um die vernünftigste (einfachste, simpelste, natürlichste etc.) Erklärung, die gleichzeitig eine kritische ist. [36] Von daher favorisiert ECO eine "vom Argwohn geprägte Interpretation" (ECO: Grenzen, S. 119), deren Kriterien der möglichst geringe Aufwand, eine stringente und möglichst einsträngige Kausalität sowie die Kompatibilität mit angrenzenden Gebieten oder die Möglichkeit der paradigmatischen Einordnung sind. Gültig ist dies für die Semiotik als Gesamtprozeß als auch für die abduktiven Schlußverfahren. Um aber ökonomisch interpretieren und entscheiden zu können, bedarf es wieder des Wissens, der Kompetenz. "Jeder Interpretationsakt ist dergestalt eine schwierige Transaktion zwischen der Kompetenz des Lesers (der vom Leser geteilten Kenntnisse der Welt) und der Art der Kompetenz, die ein bestimmter Text postuliert, um ökonomisch interpretiert zu werden" (ebd., S. 148). Freilich unterläßt es auch ECO, nach den psychologischen Wurzeln und dem Herkommen der Kompetenz im abduktiven Prozeß zu fragen, allerdings deutet er im literarischen Werk, im "Namen der Rose" insbesondere, wie nun gezeigt werden soll, mögliche Lösungswege an.

 

b) Das literarische Werk

Die Psychologie mußte sich in ihrer Wissenschaftsgenesis, die sich bekanntermaßen auf eine lange Vergangenheit, jedoch nur auf eine kurze Geschichte berufen kann, des öfteren verwundert den Literaten zuwenden, um festzustellen, daß kein geringer Teil ihrer Ergebnisse, der in einem mühsamen empirischen Forschungsprozeß erarbeitet wurde, sich hier oft spielerisch leicht poetisch manifestierte. Vielleicht mag ECO diesbezüglich mit den herausragendsten Literaten nicht konkurrieren können, aber wir erfahren auch in seinen literarischen Werken einiges über die Psychologie der Abduktion und noch mehr über die Psychologie des Detektivs. Dabei kann er sich auf berühmte Vorbilder stützen.

PEIRCE selbst lieferte ein beeindruckendes Beispiel detektivischer Feinfühligkeit, als es ihm gelang, den Diebstahl seiner Uhr während einer Schiffsfahrt aufzuklären (vgl. ECO/SEBEOK, S. 28-39), wobei er sogar den Rahmen der Logik sprengte und das intuitive, fulgurative Element der Abduktion verdeutlichte, denn es gab keinerlei offensichtliche Anhaltspunkte, den Täter zu bestimmen. Die Methode jedoch ist aufschlußreich. Da der Diebstahl stattfand, noch bevor die Mannschaft des Schiffes das Land betrat, konnte der Täterkreis auf eben jene eingegrenzt werden, und da PEIRCE offensichtlich glaubte, daß Inhaber von Diensträngen aus ethischen Erwägungen auszuschließen seien, ließ er das bedienende farbige Personal antreten und stellte jedem einzelnen eine Frage, die denkbar unzusammenhängend mit dem beschriebenen Fall war. Der Dissoziationsversuch ist kaum zu übersehen. Natürlich brachte diese Art der Befragung keinerlei Tatsachenmaterial zutage, und trotzdem war sich der Begründer der Abduktion danach sicher, den Schuldigen benennen zu können. Aufgrund eines bloßen, unerklärbaren Verdachtes, einer Überzeugung. Diese Einsicht, die natürlich dem Fallibilismus-Vorbehalt unterworfen blieb, diente der Antizipation des Täterverhaltens [37], der die Funktion der Verifikation zukam. Und in der Tat stellte sich nach verwirrenden Zwischenereignissen die Richtigkeit des PEIRCEschen Schlusses heraus. Wenn kein bewußtgewordener Sachverhalt vorliegt, das Ergebnis aber der Wahrheit entspricht, so muß der Akt der Entscheidung ins Psychische, ins sogenannte Unbewußte verlegt werden, was mindestens zweierlei voraussetzt: erstens eine enorme Sensibilität der Wahrnehmung und das seismographische Gespür psychischer Eruptionen, zweitens das Vermögen von primär-kausalen, vordergründig erscheinenden, sich offensichtlich anbietenden, tatsächlich aber ablenkenden Erscheinungen zu abstrahieren - eine Fähigkeit, die dem von PEIRCE engagierten Detektiv abging, der eben einer vermeintlichen Tatsachenspur folgte. [38]

 

„Der Name der Rose“ beginnt mit der Brunellus-Geschichte, und diese verweist auf zwei andere berühmte Vorlagen. Zum einen liebte Sherlock Holmes es, Watson oder einen Klienten vor seiner eigentlichen detektivischen Arbeit durch besonders scharfsinnige und trotzdem banale "Deduktionen" zu beeindrucken, wie dies auch William von Baskerville bekennt, zum anderen findet die Situation des entlaufenen Pferdes, welches durch abduktives Schließen bestimmt und wiedergefunden wird, in Voltaires "Zadig" seinen Vorläufer. Allerdings schien sich auch Voltaire auf sagenhafte Geschehnisse verschiedener Kulturen der Welt zu berufen [39], in denen die Geschichte in unterschiedlichsten Formen erzählt wurde.

ECOs Interesse an der Metaphysik des Kriminalromans, die ihn immer wieder beschäftigte [40] ist also ein semiotisches und konjektives. "Ich glaube, daß Krimis den Leuten nicht dadurch gefallen, weil es in ihnen Mord und Totschlag gibt; auch nicht darum, weil sie den Triumph der (intellektuellen, sozialen, rechtlichen und moralischen) Ordnung über die Unordnung feiern. Sondern weil der Kriminalroman eine Konjektur-Geschichte im Reinzustand darstellt" (ECO: Nachschrift, S. 63). Die Motivationsvorgabe, dem Drang erlegen zu sein, einen Mönch zu vergiften (ebd. S. 21), muß man vielleicht nicht zu ernst nehmen, denn es scheint doch permanent das theoretische Interesse durch den Schleier der Mordserie. Um dies von Beginn an deutlich zu machen, bedient er sich der Brunellus-Episode, die im Handlungsgefüge sonst eine untergeordnete Rolle spielt, die den Leser aber ebenso wie Adson in die Lage versetzt, Williams Denkweise jenseits des metaphysischen Diskurses zu verstehen. Dem Leser geht es dann oft nicht anders als Dr. Watson oder Adson, die, wenn sie die Herleitung nachvollziehen konnten, von deren Einfachheit verblüfft waren, sie evident (26) fanden und sogar dazu neigten, die tatsächlich erbrachte kombinatorische Leistung fehl- oder unterzubewerten. Doch gemessen an der Vielzahl der Interpretationsmöglichkeiten, scheint dies nicht gerecht. Tatsächlich nämlich hätte in fast jedem abduktiven Fall alles ganz anders sein können. Selbst offensichtliche Spuren müssen kein Kriterium der Wahrheit sein, wie man etwa an dem sowjetischen Filmklassiker "Rette sich, wer kann" [41] beispielhaft darzustellen vermag, in dem auf einem Schiff, welches einen Zirkus transportierte, eine Panik ausbrach, nachdem durch künstlich gefertigte Abdrücke von Tigertatzen jedermann annahm, daß diese Tiere frei herumliefen. Zwar schließt Zadig zurecht aus den Goldabschürfungen auf vergoldete Hufe, doch es hätte sich ebenso um einen vom Pferd gefallenen Ritter in goldener Rüstung handeln können (vgl. ECO: Grenzen, S. 322), zwar schließt Holmes zurecht aus Watsons schmutzigen Absätzen auf dessen Postbesuch, doch die Schuhe hätte auch eine andere Person tragen können (vgl. CONAN DOYLE: Zeichen, S. 12ff.), zwar identifiziert William zurecht aus der "Quelle" Buridan den Namen des Pferdes, doch hätte der Namengeber, der Abt, auch weniger belesen sein können... Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und obwohl größtmögliche Phantasie unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Abduktionen ist, liegt die Kunst in deren Zügelung. Es ist Vorsicht geboten, und William demonstriert eine quasi mäeutische Vorsicht, gepaart mit einem gesunden Maß an Risiko. Daß die Mönche suchten, war ihrer Aufgeregtheit zu entnehmen, daß es ein Pferd war, den Hufspuren. Bis hierher ging das Risiko, der Rest ist Mäeutik, denn es ist der Cellerar, der William zum einen die Gewißheit für die Richtigkeit seines Verdachtes gibt, durch seine Fragen, seine Mimik und Gestik die weitere Richtung vorgibt. Wie gesagt, eine wesentliche Leistung liegt in der psychologischen Sensibilität. [42]

Später, als William seinem Schüler den Erkenntnisweg erläutert, gibt ECO seine Theorie der Abduktion preis. Er beschreibt sie, ebenso wie dies PEIRCE tat, als Approximation an eine idealische Wahrheit, der man sich eben nur nahe bringen könne (30). Diese Approximation ist, und sei sie noch so dürftig, der Sinn des an sich unerträglichen Lebens des Wahrheitsjägers (210), sein mageres Ergebnis und Erlebnis. Es ist zudem ein verschwenderisches Spiel, den natürlichen Fortpflanzungsvorgängen analog, in denen nur ein Samen, wenn überhaupt, aufgeht. "Ich betrachte eine Anzahl unzusammenhängender Elemente" dozierte William "und entwickle Hypothesen. Aber ich muß viele Hypothesen entwickeln, und manche davon sind so absurd, daß ich mich schämen würde, sie dir zu nennen" (310). Diese Abduktionen müssen, wie oben gesagt, kreativ sein, es kommt darauf an "so viele Wahrheiten wie möglich zu ersinnen" (311). [43] Und ECO macht den Leser mit seiner eigenen Weiterentwicklung der PEIRCEschen Abduktionslehre bekannt, mit dem Ökonomieprinzip. Offensichtlich waren es die Abdrücke eines Pferdes, daß es sich aber um Brunellus handelte, ergab sich aus der Anwendung der Ökonomieregel, die die örtlich/zeitlichen Variablen in die Gleichung einsetzte (vgl. 29) und so zur wahrscheinlichsten (das ist die einfachste) Lösung führte. Verallgemeinert und als Lehrsatz klingt das wie folgt: "Mein lieber Adson, man soll die Erklärungen und Kausalketten nicht komplizierter machen, als es unbedingt nötig ist." (95), denn je geringer die Anzahl der Elemente, um so umfassender die Erklärung (ebd., vgl. S. 268 u.a.). Die sich daraus ergebende Notwendigkeit der (phänomenologischen) Reduktion der Elemente wird erreicht, so lehrt wiederum Sherlock Holmes und macht damit den phänomenologischen Aspekt der Abduktion deutlich, indem man alles ausschließt, was unmöglich ist (CONAN DOYLE: Zeichen, S. 55 u.a.) und die Deckung der Hypothese mit den Fakten vollzieht (ebd.; S.74). [44] Auch Zadigs Goldritter muß als Hypothese aus ökonomischen Gründen ausscheiden, weil eben ein einzelnes Pferd rationeller sei, als ein Pferd mit Reiter (vgl. ECO: Grenzen, S. 323). An anderer Stelle, jedoch mit ähnlichem Ergebnis, als William den Text des Venantius übersetzt [45] (166 ff.), ließe sich die Gesamtheit der Aussagen noch einmal wiederholen.

Vom greisen Alinardus erfährt William zum ersten Mal vom Labyrinthcharakter der Bibliothek, verbunden mit dem fatalen Hinweis auf die Apokalypse des Johannes. Der Franziskaner ist sich dessen zwar nicht bewußt, nimmt von hier ab jedoch diese Matrix an, vor deren Hintergrund dem Leser ein Mißerfolg nach dem anderen präsentiert wird. Mißerfolge Williams sind immer Fehlinterpretationen des Welten-Buches, Verirrungen im Labyrinth der (Mikro)Welt. Wie bereits zu sehen war, sind abduktive Fehlentscheidungen nie zu vermeiden, und dies ist dem mittelalterlichen Detektiv auch nicht anzurechnen, aber als prototypischer Aufklärer, der das "sapere aude" schon vorverinnerlicht hat und mit diesem anthropozentrischen und rationalistischen Selbstbewußtsein an den unbedingten Progreß der Dinge glaubt, kommt ihm die Fallibilität nicht wirklich in den Sinn. ECOs postmoderne Aufklärungskritik ist hier kaum zu übersehen, zumal die Entwicklung im Mikrokosmos Abtei den modernen Makrokosmos Welt antizipiert. Das unterlegte Schema, die Apokalypse, realisiert sich gerade, weil sie vorgeschrieben wurde. Eine Tat läßt sich nicht nur besprechen, denn dieses selbst heißt, die Tat begehen und "jedes Reden über etwas ist zugleich die Verhinderung, daß es selbst spricht" [46]. Das ist die Crux modernen, d.h. vor allem des aufgeklärten, des sich selbst als aufgeklärt verstehenden Philosophierens. Es mag kein dekonstruktives Ziel geben, aber es gibt dieses Verdienst, auf den Sachverhalt hin aufmerksam gemacht zu haben, inklusive die Versuche, diesem letzten Dilemma alles Sprechens zu entgehen. [47]

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Williams unbedingter Drang zu wissen, sein faustischer Infinitismus, die Katastrophe nicht nur herausfordert, sondern sie letztlich gar initiiert. Natürlich gab es auch vor und ohne sein Eingreifen mysteriöse Todesfälle, denn schließlich ging es ja nicht um ihn, sondern um das Buch. Es ist aber Kennzeichen eines Kosmos, sich selbst stabilisieren zu können, und so wäre die Abtei ohne äußeres, ohne Williams Eingreifen, welches das Gleichgewicht empfindlich störte, spätestens nach dem Mord am Botanikus und dem Tode des Malachias wieder zur Ruhe gekommen. [48] Williams Eingreifen ist vergleichbar dem archäologischen - es legt frei und führt damit die Zerstörung herbei [49]. Dem ständigen Werden und Vergehen entzieht sich letztlich nichts und niemand, und auch die Bibliothek oder die Abtei wäre irgendwann zugrunde gegangen. Daß es aber in diesem explosiven, apokalyptischen Akt geschieht, ist dem Suchenden zu "verdanken", unabhängig davon, welchen Vorsatz er damit verband. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Sein Anliegen mag ehrenwert sein, das Ergebnis spricht für sich. Nur William, als eigenständiger Autorität, war die Kraft gegeben, die Gesamtdestruktion einzuleiten. Die wissenshungrigen Mönche waren dazu nicht in der Lage. Ihr Tod, verursacht durch das Buch, beweist es.

"Ein abstraktes Modell der Vermutung ist das Labyrinth" (ECO: Nachschrift, S.64). Nur jene werden ihm gewachsen sein, können in der Welt, die "sich aus labyrinthisch zerstückelten Architekturen zusammensetzt" (ECO: Insel, S.58) bestehen, die dem labyrinthischen Dilemma des Seins und Sagens entgehen, indem sie sich vor Augen führen, daß es ein Labyrinth ist, dem zu entkommen, niemandem ermöglicht wird.

Es ist das Wesen des Labyrinths, permanent Entscheidungen zu fällen, diese zu verlangen, sie zu provozieren und d.h. immer die Möglichkeit, Fehler zu begehen. Das Labyrinth rechnet damit, ja es ist sein einziges und tiefstes Ziel: der Irrtum. Auch der optische Vergleich zwischen FOUCAULTs Gefängnis und ECOs Labyrinth zeigt, wie fließend der Übergang sein kann. Abduktion kann folglich selbst nur abduktiv anerkannt werden.

Labyrinth

Allerdings, es existiert eine Form des Labyrinths, die das Gefangensein transzendiert: das Rhizom [50]. Nicht, daß man es wieder verlassen könnte, es kennt einfach kein Außen mehr - Inbegriff und Schmelzpunkt der Freiheit und der Unfreiheit, Anfang und Ende.

Das Mystische. [51] Das Paradoxon. [52]

 

 

Literaturverzeichnis:

Beckmann, Jan P.: Pragmatismus. Hagen 1982

Borges, Jorge Luis/Casares, Adolfo Bioy: Gemeinsame Werke. 2 Bände. München 1983

Borges, Jorge Luis: Fiktionen: Frankfurt/M. 1984

Conan Doyle Arthur:

  • Eine Studie in Scharlachrot. Zürich 1984 - Das Zeichen der Vier. Zürich 1988
  • Der Hund der Baskervilles. Zürich 1986
  • Das Tal der Angst. Zürich 1986
  • Die Abenteuer des Sherlock Holmes. Zürich 1984
  • Die Memoiren des Sherlock Holmes. Zürich 1985
  • Die Rückkehr des Sherlock Holmes. Zürich 1985
  • Seine Abschiedsvorstellung. Zürich 1987
  • Sherlock Holmes’ Buch der Fälle. Zürich 1987

Deleuze, Gilles:

  • Kants kritische Philosophie. Berlin 1990
  • Logik des Sinns. Frankfurt/M. 1993
  • Woran erkennt man den Strukturalismus. Berlin 1992

Deleuze, Gilles/Guattari, Félix:

  • Rhizom. Berlin 1977
  • Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin 1992

Derrida, Jacques:

  • Apokalypse. Graz/Wien 1985
  • Die Postkarte. 1. Lieferung. Berlin 1982
  • Geschlecht (Heidegger). Wien 1988

Dietzsch, Steffen: Dimensionen der Transzendentalphilosophie 1780-1810. Berlin 1990

Dubost, Jean-Pierre: Einfürhrung in den letzten Text. Stuttgart 1986

Eco, Umberto:

  • Apokalyptiker und Integrierte. Frankfurt/M. 1986
  • Das offene Kunstwerk. Frankfurt/M 1990
  • Das Foucaultsche Pendel. München 1993
  • Der Name der Rose. Berlin (Ost) 1989
  • Die Grenzen der Interpretation. München/Wien 1992
  • Die Insel des vorigen Tages. München/Wien 1995
  • Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München 1994
  • Im Labyrinth der Vernunft. Leipzig 1989
  • Im Wald der Fiktionen. München/Wien 1994
  • Kunst und Schönheit im Mittelalter. München 1993
  • Lector in fabula. München 1990
  • Nachschrift zum Namen der Rose. München 1987
  • Platon im Striptease-Lokal. München 1993
  • Semiotik – Entwurf einer Theorie der Zeichen. München 1991
  • Semiotik und Philosophie der Sprache. München 1985
  • Über Spiegel und andere Phänomene. München 1993
  • Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge. München/Wien 1993
  • Zwischen Autor und Text. München/Wien 1994

Eco, Umberto/Sebeok, Thomas A (Hg.): Der Zirkel oder im Zeichen der Drei. Dupin, Holmes, Peirce. München 1985

Feyerabend, Paul:

  • Über Erkenntnis. Zwei Dialoge. Frankfurt/New York 1992
  • Wider den Methodenzwang. Frankfurt/M. 1986

Foucault, Michel:

  • Von der Subversion des Wissens. Frankfurt 1987
  • Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin 1976
  • Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt/M. 1993

Hofstätter, Peter: Gruppendynamik. Kritik der Massenpsychologie. Reinbek 1993

Horkheimer, Max: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt/M. 1992

Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Frankfurt 1989

Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. München 1977

Nagl, Ludwig: Charles Sanders Peirce. Frankfurt/M. 1992

Oehler, Klaus: Charles Sanders Peirce: München 1993

Peirce, Charles Sanders: Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. Frankfurt 1991

Popper, Karl:

  • Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. Hamburg 1994
  • Das Elend des Historizismus. Tübingen 1987
  • Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Tübingen 1992

Röttgers, Kurt:

  • Der kommunikative Text und die Zeitstruktur von Geschichten. Freiburg/München 1982
  • Französische Philosophie der Gegenwart I. Der Mensch. Philosophien der Immanenz des Menschen. Hagen 1988
  • Spuren der Macht. Begriffsgeschichte und Systematik. Freiburg/München 1990
  • Texte und Menschen. Würzburg 1983

Singer, Peter: Praktische Ethik. Stuttgart 1984

Sloterdijk, Peter:

  • Der Zauberbaum. Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahr 1785. Ein epischer Versuch zur Philosophie der Psychologie. Frankfurt 1987
  • Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik. Frankfurt 1989
  • Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt 1983
  • Weltfremdheit. Frankfurt 1993
  • Zur Welt kommen - Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen. Frankfurt 1988

Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Frankfurt/M. 1991

 

 

Für zahlreiche und anregende Anmerkungen habe ich Frau Prof. Monika Schmitz-Emans (Bochum) zu danken.


[1] Später ließ ECO einen Einblick in seine denkerische Entwicklung gewähren ("Zeichen und Wunder", ein Film von Gero von BOEHM) und offenbarte dem Zuhörer seine offene Aneignung philosophischer Theorien, die demzufolge tatsächlich so abzulaufen scheint, wie er William von Baskerville einen deutschen Mystiker des Mittelalters, der in Wirklichkeit der deutsche Mystiker der Neuzeit, WITTGENSTEIN ist, zitieren läßt: "Er muoz gelìchesame die leiter abewerfen, sò er an ir ufgestigen" (Eco: Rose S.497;vgl. WITTGENSTEIN, 6.54)). PEIRCE war also nur eine Leiter oder eine Sprosse an ihr. Daher auch die Konzentration auf "Der Name der Rose", denn obgleich die einmal angeeigneten Erkenntnisse überall zu finden sind, so doch in jenem Roman und in den Werken der 80er Jahre besonders häufig und deutlich.
Nebenbei: ECO deutet auf seine Art darauf hin, wie sehr der Sprachphilosoph Mystiker war und durchaus so gelesen werden kann, ja, wie mir scheint, gelesen werden muß. Es ist der Kontext, welcher dazu berechtigt, WITTGENSTEINs Schweigen zum mystischen Schweigen zu erklären, etwa 6.522: "Es gibt allerdings Unaussprechliches, Dies zeigt sich, es ist das Mystische." (dagegen vgl. RÖTTGERS: Spuren, S.42f.; vgl. auch Anm. 48)
[2] Interessant und aufschlußreich bleibt das Wissen darüber, wie eng die persönliche Freundschaft beider Männer blieb, trotzdem die philosophischen Ansichten sich nicht nur entfernten, sondern PEIRCE zudem unter dem Unverständnis und der daraus folgenden Vulgarisierung seiner Lehre durch JAMES litt. Andererseits unterstützte der Erfolgreichere den Tiefgründigeren finanziell und verschaffte ihm Reputation, indem er dem Ausgeschlossenen Kontakt zur akademischen Öffentlichkeit verschaffte.
[3] vgl. DUBOST, S. 3ff., 16, 34f., 48
[4] Auch ECO möchte seiner Semiotik "nicht den Status einer wissenschaftlichen Theorie" verleihen, stattdessen "höchstens den Status einer epistemologischen Theorie". (ECO: Grenzen, S. 178 ff.)
[5] Wäre dies nicht der Fall, so begäbe sich PEIRCE schnurstracks in den Solipsismus BERKELEYscher Prägung, sofern dessen esse est percipi solipsistisch ist oder der Solipsismus überhaupt existiert. Mitunter scheint mir der Solipsismus der Teufel an der Wand zu sein, nach dem man sein Tintenfaß wirft, mit dem man diffamieren kann, den es aber realiter gar nicht gibt, denn selbst der irische Bischof, der wohl den bis dahin energischsten egologischen Schritt ging, kann streng genommen nicht als Solipsist gelten (vgl. 8.30), allerdings gerät PEIRCE mitunter, verursacht durch Unschärfen der Argumentation, in BERKELEYs Nähe, etwa wenn der Grenzwert Wahrheit materialiter gelesen wird. Etwas klingt an in der Aussage: "Erkennbarkeit (im weitesten Sinne) und Sein sind nicht bloß metaphysisch dasselbe, sondern sind synonyme Begriffe." (5.257), da sie in dieser Absolutheit auch die Umkehrung beinhaltet.
[6] Der Konsens ist im übrigen das einigende Glied der vier Methoden der Festlegung einer Überzeugung, die in methodischer, psychologischer, epistemologischer Sicht sonst stark differieren, hier aber ihr Ziel finden. (vgl. OEHLER, S. 91)
[7] "Mit dem Zweifel beginnt also die Anstrengung, und mit dem Aufhören des Zweifels endet sie. Insofern ist das einzige Ziel des Forschens, eine Meinung festzulegen. Wir mögen uns zwar einbilden, das sei nicht genug für uns und wir suchten nicht bloß eine Meinung, sondern eine wahre Meinung. Aber stell diese Einbildung auf die Probe, und sie erweist sich als grundlos; denn sobald ein festes Für-wahr-Halten erreicht ist, sind wir gänzlich zufrieden, ob nun das Für-wahr-Halten wahr oder falsch ist" (5.375, zit. in OEHLER, S. 87).
[8] vgl. WITTGENSTEIN 6.36311
[9] Mathematik und Geometrie gelten gemeinhin als strenge Wissenschaften und sind doch, neben dem psychologischen Moment, an sich konjektural, weil sie von inexistenten Idealzuständen berichten.
[10] Ja selbst unsere eigene individuelle Existenz kann sich nur auf der wackligen Basis des Vertrauens begründen, denn die Ungewißheit, geboren zu sein, durchzieht das Leben. Auch daher stammt SLOTERDIJKs Versuch des Zur-Welt-Kommens als Ausgleich für pränatale Vergeßlichkeit... (vgl. SLOTERDIJK: Zauberbaum, Welt u.a.)
[11] Von PAUL FEYERABEND mußte sich POPPER, der glaubte, das HUMEsche Problem, also das Problem der Verifikation gelöst zu haben, Überheblichkeit vorwerfen lassen. Das HUMEsche Problem, so FEYERABEND, komme nur in einem Traumland vor und sei daher forschungshistorisch irrelevant. Deswegen sei es gar nicht wichtig, ob POPPER das HUMEsche Problem gelöst habe. Dem ließe sich noch die Schwäche de re des Falsifikationismus, der das Problem immer nur verdoppelt, vor sich her treibt, anstatt zur wirklichen Erkenntnis zu gelangen, beifügen. (vgl. FEYERABEND: Erkenntnis, S. 71 ff.)
[12] "Die Wahrnehmung ist immer fragend und konditional und basiert unweigerlich (selbst wenn wir das nicht erkennen) auf einer Wette" (ECO: Semiotik und Philosophie, S. 61).
[13] Ein weiterer Berührungspunkt zu Lorenz bietet sich in Bezug auf den animalischen Apriorismus des "Angeborenen Lehrmeisters", dessen analoge Wirkungsweise zur Abduktion auffällt, zumal PEIRCE hin und wieder deren Instinktivität betont. (vgl. ECO/SEBEOK, S. 79) Daß LORENZ, der sich hier in der Nachfolge KANTs versteht, durchaus zu Unrecht den transzendentalphilosophischen Apriorismus bemüht, und das trotz der Kritik des Meisters selbst, der LORENZ antizipierend, die FRIES-NELSON-Schule allerdings meinend, sich gegen die psychologistische Ausdeutung wehrte, deuten neuere transzendentalphilosophische Untersuchungen an (DIETZSCH, S.23f.)
[14] die auch ECO nicht verborgen blieben (vgl. ECO: Grenzen, S. 275)
[15] Und dies in zweifacher Hinsicht: als Therapieform stützt sich die Psychoanalyse prinzipiell auf die Konjekturen des Analytikers, die vom Patienten deswegen als glaubhaft empfunden werden, weil er geheilt werden will; als Theorie ist ihr Herz die Retroduktion, das vermutende Zurückschließen, ausgehend vom Symptom auf infantile sexuelle, traumatische Ereignisse und Prozesse, deren prinzipielle Existenz selbst nur vermutet werden kann. Ewa von einem Unbewußten zu sprechen ist ein Widerspruch in sich.
[16] Adson etwa, ECOs junger Held des Erstlingsromans, den die Gedanken darüber noch nicht beschweren, kann sogar die Sexualität als mystisches Erlebnis erfahren, die Vereinigung als Bewußtsein der Einsheit: "Ja, ich gestehe, in diesem Moment erlosch in mir der wahre Sinn für die Differenz. Und das ist stets, so scheint mir, das Zeichen der Entrückung und des Sturzes in die Abgründe der Identität" (249, vgl. auch 285)
[17] Andererseits (vgl. NAGL, S. 80) gelangt PEIRCE durchaus in die Nähe mystisch-holistischen Denkens, allerdings vom ontologischen und nicht vom epistemologischen Standpunkt her. "Wenn wir das große Prinzip der Kontinuität studieren und erkennen, daß alles fließt, das jeder Punkt am Sein jedes anderen direkt teilhat, wird es offenbar werden, daß Individualismus und Falschheit ein und dasselbe sind." (5.402, zit. in ebd.)
[18] zit. in NAGL, S. 111, vgl. hierzu auch die abweichende Übersetzung in ECO/SEBEOK, S. 49
[19] Um dies zu verdeutlichen, strengt ECO SPINOZA an: "ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum", die Ordnung und der Zusammenhang der Dinge ist identisch mit der Ordnung und dem Zusammenhang der Ideen, und in der Umkehrung der postmodernen Lebenswelt, der Welt der Don Isidros und der von Baskervilles: "die Unordnung und Zusammenhangslosigkeit der Ideen ist identisch mit der Unordnung und Zusammenhangslosigkeit der Dinge, das heißt der Welt" (ECO: Semiotik Theorie, 211, 213).
[20] Selbst Sherlock Holmes, der Meister der detektivischen Abduktion, glaubt seinen Erfolg mit dem Argument von PEIRCE erklären zu können: "Mein Geist ist wie eine Maschine, die leerläuft und sich selbst in Stücke reißt, weil sie nicht mit dem Räderwerk gekoppelt ist, für das sie konstruiert wurde" (CONAN DOYLE: Abschiedsvorstellung, S. 10).
[21] "Doch müssen wir die Welt durch Raten erobern oder gar nicht." (zit. in ECO/SEBEOK, S. 28)
[22] RÖTTGERS faszinierender Versuch, die romantische Idee des Symphilosophierens wiederzubeleben (RÖTTGERS: Texte und Menschen, S.84-118), beschreibt vielleicht denselben Sachverhalt, zumal "der Gedanke der inneren Symphilosophie" dann ein "notwendiger Begriff "ist (ebd. S.99).
[23] Nebenbei wäre die Abduktion damit vom Animalismusverdacht befreit, weil sich dahinter kognitive statt instinktive Prozesse verbergen.
[24] Überhaupt leistet hier CONAN DOYLE Bahnbrechendes, denn Sherlock Holmes hat wohl erkannt, wie wichtig umfassendes, enzyklopädisches Wissen ist, um abduktive Entscheidungen glücklich treffen zu können. Dabei kann er, von wenigen Spezialisierungen abgesehen, auf Tiefe verzichten. Daran etwa mangelt es Villard, dem französischen Detektiv, der zwar "die Fähigkeit der Beobachtung und die der Deduktion" besitzt, dem aber das Wissen fehlt, und genau dies, "ein breites Spektrum an exaktem Wissen ist die Voraussetzung für jede Weiterentwicklung" (CONAN DOYLE: Zeichen, 10 ff.), es ist "die wirkliche Basis, auf der wir unsere Vermutungen aufbauen können" (CONAN DOYLE: Baskerville, S. 44). Selbst die sokratischen Dialoge der Detektive mit ihren Gehilfen Watson und Adson, deren Ziel natürlich ein mäeutisches ist (vgl. etwa: CONAN DOYLE: Memoiren, S.9; Buch der Fälle, S.45 u. 195), eine Geburtshilfe des Wissens, dienen dieser Voraussetzung der Konjektur. Wie an diesem Beispiel, so gilt ganz allgemein die unbedingte Vorbildhaftigkeit des englischen Detektivs für ECOs gelehrten Mönch.
[25] Eine Aussage, die später verschiedentlich relativiert wurde. ECO begibt sich z.B. auch auf die Suche nach Nicht-Semiotischen und identifiziert dies verschiedentlich (Spiegel, Fälschungen, Duplikate ...), schränkt mit der stärkeren Bewußtwerdung der Dreigliedrigkeit der Semiose die sie behandelnde Wissenschaft als die Disziplin ein, "die alles untersucht, was man zum Lügen verwenden kann" (ECO: Semiotik Entwurf, S.26), also einer Signifikation fähig ist.
[26] vgl. etwa DERRIDA: Postkarte, auch RÖTTGERS: Der kommunikative Text, S.32ff. und S.42
[27] ...ja sie ist, wie DELEUZE auf so beeindruckende Art zu beweisen versucht, paradox, eine Paralogik (DELEUZE: Logik).
[28] Einsichtigste Erläuterung in ECO: Semiotik Theorie, S. 188-191
[29] Definition Ko-Text vgl. ECO: Lector, S. 17-21
[30] Sie diente dann als Basis der nächsten Deduktion, die, sollte sie sich bestätigen, weitere Punkte auf der Planetenbahn ergab.
[31] Eine detaillierte Analyse berühmter kreativer Abduktionen nimmt FEYERABEND in "Wider den Methodenzwang" vor, und auch KUHNs Paradigmenwechsel ging zumeist ein solch gewagter Schluß vorher.
[32] Einen ähnlichen Fall löste auch Holmes in "Die Junker von Reigate" (CONAN DOYLE: Memoiren, S.137-160)
[33] Nebenbei bemerkt wird hier das phänomenologische Moment des Pragmatismus deutlich, der in gewisser Weise die phänomenologische Reduktion anwendet. In stark vereinfachter Form bedient sich ihr auch Holmes:" Dies ist ein sehr simples Verfahren zur Eingrenzung unseres Operationsfeldes..." (CONAN DOYLE Abschiedsvorstellung, S.24). vgl. auch ECO/SEBEOK, S.81
[34] Dies eben wirft ECO DERRIDA vor, der, so der Semiotiker, die semiotische Abdrift, die unendliche Semiose PEIRCE` zu wörtlich nehme. Damit geriete DERRIDA ins Logisch-Paradoxe - doch ECO entgeht, daß die Dekonstruktion die paradoxe Situation nicht nur duldet, sondern sogar kultiviert. Insofern geht die Frage, ob DERRIDA denn nicht selbst annehme, daß seine Interpretation die richtige sei, an der Dekonstruktion vorbei. ECO, dem Semiotiker, entgeht das Mystische am Dekonstruktivismus DERRIDAs, d.i. der Versuch etwas zu sagen, ohne durch dieses Sagen autoritär zu sein, in den Prozeß des Besagten, den Werdensprozeß einzugreifen. Dies verwundert um so mehr, da ECO selbst diese Praxis, wenngleich mit anderer Methode, betreibt. (vgl. ECO: Grenzen, S.425ff.) So erkennt ECOs Romanheld, Roberto de la Grive, in existentieller Situation: "Um zu überleben, muß man Geschichten erzählen." (ECO: Insel, S. 211), erkennt er also zumindest die Macht des Sagens.
[35] DERRIDA wird von ECO diesbezüglich allerdings arg mißverstanden, denn gerade der dekonstruktiven Praxis wie dem französischen postmodernen Strukturalismus wird Beliebigkeit nachgeredet, was jedoch bei korrekter Lektüre kaum aufrecht zu erhalten ist. Kaum ein Denken der Jetztzeit ist so streng wie das DERRIDAs, DELEUZEs oder LYOTARDs.
[36] Die kritische Lektüre des universalen Textes und des textualen Universums ist immer eine abduktive (vgl. ECO: Grenzen, S. 48), und es fällt nicht schwer, hier den pragmatistischen Fallibilismusvorbehalt wiederzuerkennen. Als Resümee faßt ECO dies zusammen und verweist damit explizit auf die Signatur der Postmoderne: "PEIRCE` Fallibilitätsprinzip ist - auch im Hinblick auf Texte - ein Prinzip der Pluri-Interpretabilität" (ebd., S. 440).
[37] Eine gewisserweise paradoxe Situation: die Retroduktion, die ein Nachhinten-Denken ist, gestattet die Fähigkeit der Antizipation, aber die Abduktion ist eine Paradoxie an sich.
Sherlock Holmes demonstriert dies mitunter, hier ein Beispiel: "Dann wollen wir jetzt einen anderen Gedankengang aufgreifen. Folgt man nämlich zwei verschiedenen Argumentationsketten, und kommt an einen Punkt, wo sich die beiden überschneiden, sollte man damit der Wahrheit recht nahe kommen. Diesmal wollen wir nicht von der Lady, sondern vom Sarg ausgehen und rückwärts schließen" (CONAN DOYLE: Abschiedsvorstellung, S.193; vgl. auch ebd. S.52/66; Abenteuer, S.56; Memoiren, S.132).
Sich in die Lage des Täters versetzen zu können, um dessen Denken zu denken, zeichnet nicht nur Holmes, sondern auch William von Baskerville aus, der "vermochte nicht nur im großen Buch der Natur zu lesen, sondern auch in der Art und Weise, wie die Mönche gemeinhin die Bücher der Schrift zu lesen und durch sie zu denken pflegten" (26).
[38] Genau das ist ja das Schwierige an der Semiose, die Zeichen nicht nur zu lesen, sondern richtig zu lesen, hinter ihre Oberfläche zu schauen, die oft nicht nur verbirgt, sondern auch täuscht. Tatsächlich wird der Semiotiker zum Detektiv ebenso wie sich der Detektiv der Semiotik bedient. (vgl. ECO/SEBEOK, S.28 u. 38)
[39] vgl. ECO/SEBEOK, S.135
[40] nachzulesen in ECO: Nachschrift, Apokalyptiker, Spiegel u.a.
[41] ...der hier eine Idee zur Anwendung bringt, die bereits - wen wundert's noch - Sherlock Holmes bearbeitete und natürlich aufklärte (vgl. CONAN DOYLE: Rückkehr, S.150)
[42] Tatsächlich, "auch die anderen großen Detektivgestalten der Weltliteratur sind Spurenkundige", Semiologen wie William, aber dies reicht längst nicht aus, um die Präsenz und Absenz in der Spur ausfindig zu machen (vgl. RÖTTGERS: Französische Philosophie, Bd.2, S. 22). Zweierlei wird an seinem Beispiel deutlich, daß Detektive eher Psychologen als Semiologen sind und daß die Semiologie selbst abduktive Strukturen aufweist.
[43] "Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, jede Ordnung und jedes Chaos" (424)
Wer denkt da nicht an Paul FEYERABEND?
[44] "Durch Anwendung des Ausschließungsverfahrens bin ich zu diesem Ergebnis gelangt, da keine andere Hypothese mit den Tatsachen in Einklang zu bringen war" (CONAN DOYLE: Studie, S. 153).
[45] Wo er im übrigen Methoden anwendet, die ECO ausführlich in "Die Suche nach der vollkommenen Sprache" erläutert und rekapituliert, deren partielle Kenntnis jedoch auch Holmes nachweisen kann.(vgl. "Die tanzenden Männchen" in: CONAN DOYLE: Rückkehr, S. 67-97).
[46] RÖTTGERS: Spuren, S. 42
[47] Insbesondere DERRIDAs Werk kann so gelesen werden, und ausgerechnet in "No Apocalypse, not now" und "Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie" wird dies exklusiv thematisiert, in der Nachfolge, z.B. von DUBOST in "Einführung in den letzten Text" u.a. aufgegriffen.
[48] Wenn von Williams Aufklärung abstrahiert wird, dann bliebe lediglich noch ein altbekanntes ethisches Problem bestehen, die Frage zwischen dem Wert eines (ohnehin vergänglichen) Menschenlebens und dem Wert eines seltenen, wertvollen etc. Gegenstandes (vgl. etwa SINGER, der auf das bekannte typisierte Beispiel des brennenden Hauses zurückgreift, in dem zwischen der Rettung eines Säuglings oder eines Rembrandts entschieden wird). Es könnte sich ja um eine humane Überhebung handeln, immer sich für den Menschen zu entscheiden, immer am Leben zu hängen. Bei allem Konservatismus beschämt der alte Jorge die Jungen durch seinen revolutionären Denkakt, den Tod als menschliche Lösung zu akzeptieren. Dieser nämlich hatte recht, als er im letzten Gespräch mit William (S. 469 ff) ein visionäres Bild entwirft, in dem der fortschreitende Mensch sein Ende im apokalyptischen Abgrund findet. Er beschreibt genau jenen Zustand, den der vulgäre Materialismus der letzten (aufgeklärten) 250 Jahre bis heute hervorgebracht hat, und er vertraut der bedingungslosen Spiritualität, die die heutigen Menschen suchen, um wahrscheinlich doch im New Age - Materialismus zu versinken. Diesen Konflikt zu entscheiden, steht hier nicht an, abzulehnen aber ist die Unbedingtheit, Unangreifbarkeit der Überzeugungen. Sicherheit ist mit Sicherheit die schlechteste Ratgeberin im Labyrinth.
[49] Dies ist das Dilemma der Archäologie. Natürlich wäre der Profanbau ebenso wie das Keramikgefäß auch unentdeckt vergangen, zerstört worden, aber in einer anderen Zeitdimension. Das Wesentliche ist, daß es sich mit der Freilegung um einen Knick im Verfallsprozeß handelt, der eine neue terminale Dimension annimmt. Nicht selten brechen die Mauern, Wände, Ränder...schon bald nach oder durch die Freilegung, weil sie plötzlich neuen Umweltbedingungen ausgesetzt und einem Gleichgewichtszustand, der sich über lange Zeiträume einstellte und kleine Veränderungen absorbieren kann, entzogen werden. "Ich bin selbst ein bißchen Archäologe" (CONAN DOYLE: Buch der Fälle, S.151), meinte auch Holmes, den mindestens eines von William trennt: das unbedingte Müssen.
[50] vgl. DELEUZE/GUATTARI: "Wir ahnen schon, daß wir niemanden überzeugen werden, wenn wir nicht wenigstens annäherungsweise bestimmte Merkmale des Rhizoms aufzählen. 1. und 2. - Prinzip der Konnexion und der Heterogenität. Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt werden." "In einem Rhizom dagegen verweist nicht jeder Strang notwendig auf einen linguistischen Strang: semiotische Kettenglieder aller Art sind dort nach den verschiedensten Gruppierungsarten mit politischen, ökonomischen und biologischen Kettengliedern verknüpft; es werden also nicht nur ganz unterschiedliche Zeichensysteme ins Spiel gebracht, sondern auch verschiedene Arten von Sachverhalten." "3. - Prinzip der Vielheit: nur wenn das Viele als Substantiv, als Vielheit behandelt wird, hat es keine Beziehung mehr zum Einen als Subjekt und Objekt, als Natur und Geist, als Bild und Welt. Vielheiten sind rhizomatisch und entlarven die baumartigen Pseudo-Vielheiten." "In einem Rhizom gibt es keine Punkte und Positionen wie etwa in einer Struktur, einem Baum oder einer Wurzel. Es gibt nichts als Linien." "Ein Rhizom und eine Vielheit lassen sich aber nicht übercodieren, sie haben keine supplementäre Dimension, die zur Zahl ihrer Linien hinzutreten könnte, d.h. zur Zahlenvielheit, die mit diesen Linien verbunden ist. Alle Vielheiten sind flach, insofern sie alle ihre Dimensionen ausfüllen und besetzen; wir werden deshalb vom K o n s i s t e n z p l a n der Vielheiten sprechen ..." "4. - Prinzip des asignifikanten Bruchs: ...Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden; es wuchert entlang seinen eigenen oder anderen Linien weiter. Man wird mit den Ameisen nicht fertig, weil sie ein tierisches Rhizom bilden: es rekonstituiert sich auch dann noch, wenn es schon größtenteils zerstört ist." "Das Rhizom dagegen ist eine Anti-Genealogie. Für das Buch gilt dasselbe wie für die Welt: das Buch ist nicht Bild der Welt, wie uns ein eingewurzelter Glaube weismachen will. Es 'macht Rhizom' mit der Welt; es gibt eine aparallele Evolution von Buch und Welt..." "5. und 6. - Prinzip der Kartographie und der Dekalkomonie: ein Rhizom ist keinem strukturalem oder generativem Modell verpflichtet. Es kennt keine genetische Achsen oder Tiefenstrukturen." "Eine Karte hat mit der Performanz zu tun..." "Wenn ein Rhizom verstopft ist, wenn man einen Baum daraus gemacht hat, dann ist es aus, dann kann der Wunsch nicht mehr strömen. Denn der Wunsch bewegt sich und produziert nur durch ein Rhizom."
Mindestens dies muß vergegenwärtigt werden, wenn wir ECO vom Rhizom schreiben sehen.
[51] "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist" (6.44). "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische" (6.522). "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen" (7). - Ludwig WITTGENSTEIN:" Tractatus logico-philosophicus"

"Die moderne Philosophie ist verflucht. Sie ist ihrer wissenschaftlichen Ambitionen wegen dazu verurteilt, die ganze Geschichte der ganzen Welt zu verstehen, und kennt doch weder die Geschichte, noch die Welt. Nur soviel kann die Philosophie wissen, daß die Geschichte der Welt die Geschichte eines Erwachens sein muß" (§1) "Nur in dieser unbetretenen Welt kann sich Neues ereignen. Das Neue ist das, was wir nicht entdecken können, ohne es zu erzeugen, und nicht erzeugen, ohne es zu entdecken" (§ 5 "Tractatus psychologico-philosophicus" in SLOTERDIJK: Zauberbaum)
[52] "Ein Buch ohne Selbstwiderlegung gilt als unvollständig" (BORGES, S.27).
"Jeder Satz jedes Buch, so sich nicht selbst widerspricht, ist unvollständig" (SCHLEGEL, zit. In RÖTTGERS: Texte und Menschen, 92).
"Die Wahrheit ist ein Irrtum" (FOUCAULT: Subversion, S. 72).


© Dieser Text ist geistiges Eigentum von Jörg Seidel und darf ohne seine schriftliche Zustimmung in keiner Form vervielfältigt oder weiter verwendet werden. Der Autor behält sich alle Rechte vor. Letzte Änderung dieser Seite: 10.03.2014
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